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"Die Banalität des Grauens" – Robert Stadlober über Mihail Sebastian, den er am Samstag spielt

"Die Banalität des Grauens" – Robert Stadlober über Mihail Sebastian, den er am Samstag spielt

Von der großen Leinwand wechselt Robert Stadlober am 18. September auf die eher kleine Bühne des Conne Island. Er spielt Mihail Sebastian, dessen Tagebücher rumänischen Antisemitismus zwischen 1935 und 1944 reflektieren.

Robert Stadlober spielt im Conne Island Theater

Quelle: PR Siluh Christian Pitschl

Leipzig. Im Interview spricht er über diese Rolle

Mihail Sebastian war 28 Jahre alt, als er 1935 mit seinen Tagebuch-Einträgen anfing – so alt wie Sie heute. Wie nah ist er Ihnen in der Vorbereitung auf das Stück gekommen?

Rober Stadlober: "Sehr nah, und das hängt vielleicht auch damit  zusammen, dass mir einige der äußeren Umstände seines Lebens bekannt vorkommen, karrieretechnisch. Mihail Sebastian war 1935 das Wunderkind der rumänischen Literatur-Szene. Er wurde auf eine ähnliche Art überhyped wie ich mit 18. Aus seinen Texten lese ich eine ähnliche Sehnsucht, danach ernst genommen zu werden. Und nach einem wie auch immer gearteten Boheme-Leben. Natürlich unterscheiden sich unsere Geschichten in einer Hinsicht dennoch massiv: Die politische Entwicklung in Rumänien zwang Mihail Sebastian bald, sein Leben radikal zu verändern."

Allerdings ärgert er sich zunächst eher über die kleinen Veränderungen.

"Genau das ist so spannend an seinem Tagebuch. Sehr subtil und auf den ersten Blick geradezu seltsam beschreibt er die Banalität des Grauens. Er regt sich darüber auf, dass er als Jude in Bukarest seine Ski abgeben muss, obwohl er ein leidenschaftlicher Ski-Fahrer ist. Das macht ihn total wahnsinnig. Oder dass er nicht mehr in bestimmte Kaffeehäuser gehen darf. Dazu kommt, wie sich seine Freunde verhalten: vor allem sein Studienfreund Mircea Eliade, den er als Schriftsteller verehrt, der aber plötzlich von der nationalistischen, antisemitischen Eisernen Garde begeistert ist. Sebastian merkt, dass er es sich im Kreis seiner Freunde verscherzt, wenn er das Thema anspricht. Ständig fühlt er diesen Gewissenskonflikt: Ein Völkermord wird vorbereitet, Pogrome passieren, denen seine Freunde teilweise positiv gegenüber stehen – aber gleichzeitig lechzt er bei ihnen nach Anerkennung."

Kennen Sie diesen Zwiespalt aus eigener Erfahrung?

"Schon, wenn auch natürlich mit weit weniger dramatischen Konsequenzen. Ich komme aus einer sehr ländlichen Gegend in Österreich. Meine Cousine engagiert sich sehr stark in der FPÖ, und noch andere Familienmitglieder neigen politisch in diese Richtung. Das ist immer wieder Streitpunkt. Das sind dann Situationen, in denen man sich zu Hause am Familien-Esstisch zu Ostern oder Weihnachten überlegt: Argumentiere ich jetzt mit, gehe ich jetzt dagegen oder lass ich die ihren Quatsch da verbreiten, um den Oster-Frieden zu wahren? Meistens geht es ein paar Stunden lang gut, und irgendwann streiten wir doch wieder."

Streitet sich Sebastian zu wenig?

"Objektiv betrachtet, mit dem Wissen von heute, hätte er viel früher sagen sollen: Ihr seid alle bescheuert, lasst mich in Ruhe. Ihr seid gerade dabei, etwas vorzubereiten, das meine Familie umbringt. Welche Kompromisse geht man für persönliche Beziehungen ein? Das ist die Frage, die jeder aus seinem Leben kennt, und die sich auch Mihail Sebastian stellt. Wobei seine Tagebuch-Aufzeichnungen eben auch zeigen, wie schleichend sich eine solche Entwicklung vollzieht. Es ist ja nicht so, dass man von einem Tag auf den anderen weiß: Oh Gott, jetzt passiert ein Pogrom, deswegen verstecke ich mich im Keller oder versuche zu fliehen. Sebastian klammert sich so lange wie möglich mit unglaublicher Kraft an einem normalen Leben fest. Im Rückblick wissen wir, worauf es hinauslief. Aber er denkt natürlich: Es ist hoffentlich nur ein kurzer Sturm, der sich wieder verzieht. Die werden schon zur Vernunft kommen."

 

Ist Ihnen jemand wie Sebastian näher als beispielsweise Falco in seiner größenwahnsinnigen Genialität? Ihn zu spielen, haben Sie vor zwei Jahren abgelehnt.

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Robert Stadlober kommt im kommt im Oktober noch einmal mit seiner Band Gary nach Leipzig.

Quelle: PR Siluh Ionna Roelly & Conny Winter

"Falco ist mir schon auch nah. Ich finde, er ist eine superspannende Figur. Aber ich hatte damals nicht das Gefühl, dass aus dem Projekt ein guter Film wird. Gerade bei so einer Figur ist es wohl besser, einen Rückzieher zu machen, bevor man sich und vielleicht auch Falco blamiert."

Wie leicht fällt Ihnen eine solche Entscheidung gegen den Geldbeutel?

"Ich lebe von der Schauspielerei, aber bisher eben nur ich selbst. Ich muss keine Familie ernähren, trage auch sonst keine große finanzielle Verantwortung, so dass ich mir noch den Luxus leisten kann, den Beruf so weit wie möglich auszukosten. Dinge zu machen, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie mir gut tun. Und zwar nicht nur dem Konto, sondern auch dem Geist und dem Herzen."

Im Oktober sind Sie mit Ihrer Band Gary erneut in Leipzig. Ist die Musik ein ernst gemeintes Hobby oder haben Sie darüber hinaus gehende Ambitionen?

"Musik ist heutzutage wohl generell ein ernst gemeintes Hobby. Sie taugt nicht wirklich dazu, sich den Kühlschrank zu füllen. Aber vom Arbeitsaufwand her nimmt sie für mich einen ähnlich großen Raum wie die Schauspielerei ein. Wie man einen Film oder ein Theaterprojekt plant, plant man eine Tour. Im entsprechenden Zeitraum – meistens wie bei einem Film für zwei, drei Monate – proben und ziehen wir los. In dieser Spanne genießt die Musik dann die Priorität."

Wegen Ihres Labels "Siluh" waren Sie ebenfalls einige Male in Leipzig – auf der Musikmesse Pop Up. Gefällt Ihnen die Stadt?

"Leipzig find ich super. Neben Berlin, wo ich wohne, ist sie wahrscheinlich die einzige Stadt in Deutschland, in der ich leben wollte. Ich habe das Gefühl, dass hier wahnsinnig viel Spannendes passiert, und es handelt sich ja nicht gerade um eine riesengroße Metropole. Gerade kulturell bietet Leipzig einiges mehr als, sagen wir, Gelsenkirchen oder Krefeld. Offenbar lebt hier auch ein Publikum, das aufgeschlossen ist, wenn ein Ex-Schauspiel-Jungstar szenisch aus dem Tagebuch eines rumänischen Intellektuellen der 30er und 40er Jahre liest."

Sebastian, Ebermann, Stadlober

"Es ist wie ein innerer Monolog", beschreibt Robert Stadlober die Inszenierung, die er mit dem Hamburger Publizisten und früheren Grünen-Bundestagsabgeordneten Thomas Ebermann aus Mihail Sebastians Tagebuch-Einträgen von 1935 bis 1944 entwickelt hat. Ein Stück zwischen Theater und Lesung, "ich renne nicht wie ein Berserker über die Bühne".

Mihail Sebastian, geboren 1907 als Iosef Hechter in der Donaustadt Braila, zog mit 20 zum Studium nach Bukarest und wurde bald zur "Jungen Generation" gezählt, einer Intellektuellen-Gruppe um den Philosophen Nae Ionescu. Vor allem wegen eines antisemitischen Vorworts seines Mentors erregte 1934 Sebastians Roman "Seit 2000 Jahren" die Öffentlichkeit. In der Geschichte selbst klagt Sebastian den erstarkenden Judenhass seiner Umgebung dagegen bedrückend an.

Sebastians Tagebücher, 2005 auf Deutsch im Claassen-Verlag erschienen, dokumentieren die Fassungslosigkeit, mit der er auf die alltäglichen Erlebnisse reagiert, die ihm als Juden das gefährliche Potenzial nationalistischen Denkens verdeutlichen. "Sieh an, so also beginnt ein Pogrom", notiert er im Januar 1941 lapidar, nachdem ihm auf der Straße in mehreren Versionen zugeraunt worden ist, dass ein Jude angeblich einen Soldaten ermordet habe. 280.000 jüdische Rumänen fielen dem Holocaust zum Opfer, Sebastian überlebte und wurde 1945 ins Außenministerium berufen, starb jedoch im selben Jahr durch einen Autounfall.

Stadlober, geboren 1982 in Kärnten, spielte 1998 den Wuschel in "Sonnenallee" und 2000 den Benjamin in "Crazy". Weitere Hauptrollen hatte er in "Peer Gynt" (2006), "Freigesprochen" (2007), "Krabat" (2008), "Rumpelstilzchen" (2009) und zuletzt in "Zarte Parasiten". Ebermann und er konzipierten ihr Mihail-Sebastian-Projekt zunächst für eine einmalige Aufführung am 8. Mai dieses Jahres in Berlin. Nach zwei Auftritten in Hamburg spielen sie das Stück nun in Leipzig, weitere Vorstellungen sind in Vorbereitung.

Robert Stadlober und Thomas Ebermann spielen und lesen Mihail Sebastians Tagebücher, am 20. September um 19.30 Uhr im Conne Island, Eintritt 10 Euro. Am 11. Oktober tritt Stadlober mit seiner Band Gary in einem Radio-Konzert im Detektor.fm-Studio auf (Erich-Zeigner-Allee 69-73).

Mathias Wöbking

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