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Die Comics von Andreas Martens kehren auf den deutschen Markt zurück

Comic-Star Die Comics von Andreas Martens kehren auf den deutschen Markt zurück

Kurz „Andreas“ nennt sich der Comic-Zeichner Andreas Martens. In Weißenfels wurde er 1951 geboren. Längst lebt er in Frankreich und gehört zu den Stars der Szene. Seine meisterhaft gezeichneten, magischen Bildwelten blieben in Deutschland lange unbeachtet. Jetzt erscheint seine Erfolgsserie „Capricorn“ auf Deutsch.

Der Comic-Künstler Andreas Martens (65) stammt aus Mitteldeutschland und ist in Frankreich ein Star der Szene.

Quelle: Le Lombard

Leipzig. Gehüllt in einen langen schwarzen Mantel stapft der hochgewachsene Mann durch den Schnee. Die Nase markant, fast scharfkantig wie der Schnabel eines Habichts. In der Nacht, vor der Skyline New Yorks, trifft er auf seltsame Wesen, „Auswanderer von Sonne und Mond, von Himmel und Licht“, die aus unendlicher Weisheit zu schöpfen scheinen, ihn ans Feuer bitten und ihm einen neuen Namen geben. Capricorn. „So heiße ich nicht“, sagt der Held. „Von jetzt an schon“, antworten die Wesen.

Capricorn ist eine Figur, die aus dem Nirgendwo nach New York zu kommen scheint. Auf der Bildfläche der Leser ist sie vor 20 Jahren in Frankreich aufgekreuzt. Damals erschien der erste Capricorn-Band von Andreas Martens, der als Künstler nur unter seinem Vornamen auftritt. Im Comic-Land Frankreich gilt er als einer der Größen des Genres dank kühner Bildschnitte und zeichnerischer Raffinesse. Dass er 1951 in Weißenfels geboren wurde, weiß kaum jemand. Derzeit ist der Hamburger Verlag Schreiber & Leser dabei, die Comics des Wahl-Bretonen in dessen ehemaliger Heimat zu verlegen. Einzelne Arbeiten sind bereits ab der 80er Jahre auf Deutsch erschienen. Doch die systematische Erschließung seines Werks ist neu. „Rork“ und „Cromwell Stone“ sind schon übersetzt. Jetzt folgt „Capricorn“, die längste Serie eines deutschen Comic-Künstlers.

Im Januar erscheint in Frankreich die letzte der 21 Folgen. „Wir verbinden jeweils drei Bände zu einem Buch“, kündigt Verleger Philipp Schreiber für den deutschen Markt an. In wenigen Wochen geht es los, die weiteren Folgen erscheinen etwa im Halbjahres-Rhythmus.

„Ich habe damals Mosaik und Atze gelesen“, erinnert sich Andreas an seine frühe Kindheit in der DDR. An ein Leben als Comiczeichner dachte er damals nicht. Die Lektüre war der Zeitvertreib eines Kindes in Weißenfels und Eisenach, seinen ersten Lebensstationen. „Vom ideologischen Einschlag der DDR-Comics habe ich nichts gemerkt.“ Kurz vor dem Mauerbau siedelte seine Familie in den Westen über. Dort begann er mit 16 Jahren zu zeichnen. Auf das Abitur folgte 1972 die Kunstakademie in Düsseldorf, weil er den Einschreibetermin für die Brüsseler Zeichnerschmiede Institut Saint Luc verpasst hatte, auf das er ein Jahr später wechselte. Damit war er angekommen im frankophonen Raum, wo der Comic als Kulturgut eine viel bedeutendere Rolle spielt als in Deutschland. Ob seine Karriere auch diesseits des Rheins funktioniert hätte?

Andreas denkt lange nach. Und erinnert sich an seine Versuche in den 80er Jahren, hiesigen Verlagen etwas anzubieten. Absagen hat er bekommen. „Freundliche Absagen“, sagt Andreas. Einen wie ihn, brauchte man nicht. Es wurden vor allem Comics aus dem Ausland mit dem entsprechenden kommerziellen Potenzial verlegt. Nur ein Verlag habe ihn eingeladen, Storys zu entwerfen. Zeichnen sollten andere.

Ein Angebot, das ihn wenig begeisterte. „Ich habe immer frei um mich geschlagen und gemacht, was ich wollte“, sagt Andreas. Und damit hat er sich durchgesetzt. Obgleich seine ersten Gehversuche als Deutscher mit von amerikanischen Comics beeinflussten Geschichten in den französisch-belgischen Verlagen zunächst Skepsis auslöste.

Andreas wollte immer beides sein: Texter und Zeichner. Zwei Aufgaben, die er in bemerkenswerter Schizophrenie ausfüllt. Der Zeichner Andreas verflucht mitunter den Texter Andreas, wenn er die beschriebenen Bildwelten umsetzen muss. Die Bibliothek etwa, die mehrfach zum Schauplatz in „Capricorn“ wird. Sie bietet atemberaubende Sichtachsen und eine überbordende Detailfülle Buch für Buch in den Regalen. So kann auch ein Einzelbild Tage in Anspruch nehmen für den ausdauernden Zeichner. „Mit der Bibliothek habe ich mir etwas eingebrockt“, sagt Andreas, der es sich nie leicht macht. Er konstruiert Perspektiven wie ein Architekt. Ein Professor in Düsseldorf hat ihm das entsprechende Handwerk beigebracht. Das bei Andreas auf fruchtbaren Boden fiel: Als Kind war sein Berufswunsch Architekt.

Sein Verleger Philipp Schreiber schwärmt von Andreas’ experimentellen Bildschnitten, von Innovationen in der Comic-Erzählweise und von spektakulären New Yorker Stadtansichten – in die sich immer wieder fantastische Finessen mischen. Etwa, wenn die Wolkenkratzer auseinanderbrechen und dann über dem Nichts ihre Fortsetzung finden. Das, was man im Genre heute unter „Fantasy“ versteht, führt auf die falsche Fährte. Dennoch sind magische Elemente in Andreas’ Werk allgegenwärtig. Er könne das selbst nicht erklären, sagt er. „Ich habe nie versucht, mich auf ein Genre festzulegen.“ Das Fantastische entstehe automatisch. Und es war schon in seinen frühen Werken präsent, als sich noch wenige Autoren an übernatürliche Welten trauten. In „Rork“ etwa, eine Figur, die er nur entwarf, weil seine fiktiven Welten nach einem Helden verlangten. In „Rork“ testete Andreas die Figur Capricorn einst spielerisch mit einem Gastauftritt aus – ehe der Held seine eigene Serie bekam zwischen finsteren Machtkämpfen New York und geheimnisvollen Machenschaften in den Stollen tief unter der Stadt.

Gegen Ende des Monats dürfte Band eins der Gesamtausgabe „Capricorn“ erscheinen. Vorher gibt es schon einen Einblick in das Werk im Rahmen des Gratis-Comic-Tags, der auch bei Leipzigs Comic-Händlern am Samstag gefeiert wird. Mit kostenlosen Auszügen aus neuen Werken vom Manga bis zum Superhelden-Stoff.

Von Dimo Riess

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