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„Die DDR trage ich mit mir herum“ - Tatort-Schauspieler Grunert über Honecker

„Die DDR trage ich mit mir herum“ - Tatort-Schauspieler Grunert über Honecker

Der aus Tatort und Soko Leipzig bekannte Schauspieler Christoph Grunert hat zum 100. Geburtstag Erich Honeckers eine Fake-Doku gedreht.

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Christoph Grunert.

Berlin. In dem Gedankenspiel „Weil heute dein Geburtstag ist – 100 Jahre Erich“ erinnert sich dessen letzte Privatsekretärin an ihren Chef und letztlich auch an ihre eigene verlustreiche Vergangenheit, sozialisiert durch einen Staat, den es nicht mehr gibt, die DDR.

Frage:

Ihre Mariosa de Las Condes ist eine Frau, die naiv ist, unreflektiert, dann wieder bauernschlau. Sieht so für Sie ein typischer Ost-Charakter aus?

Christoph Grunert:

Nein. Mariosa hat irgendwann aufgehört, sich zu entwickeln. Ihr ist der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Und das ist ja nicht nur eine DDR-Problematik, sondern ein Problem, das immer auftauchen kann, wenn die Identität grundsätzlich in Frage gestellt wird. Sie versucht über die Stelle bei Honecker, an ihr altes Leben in Deutschland anzuschließen, schafft es aber nicht, neue Wurzeln zu schlagen. Das bringt einen Verlust zum Ausdruck, über den kaum jemand spricht. Wenn heute von der DDR die Rede ist, dann meist vom ‚System‘ oder der ‚Doktrin‘ oder von ‚Opfern‘ und ‚Tätern‘, aber selten vom Menschen, der versucht, im inneren und äußeren Durcheinander Halt zu finden. Es geht hier nicht darum zu romantisieren. Ich spreche von der Unmöglichkeit, sich zu orientieren und Entscheidungen zu treffen.

Die DDR ist für Sie als gebürtigen Thüringer also noch präsent.

Natürlich. Die DDR trage ich mit mir herum. Ich bin dort sozialisiert. Ich kann nicht so tun, als gäbe es diesen Teil meiner Biografie nicht. Schlussendlich ist es auch meine eigene Verunsicherung und Desorientierung, die mich diesen Film hat machen lassen.

Ihr Film kommt auf den ersten Blick wie eine Dokumentation daher. Dann offenbart sich: Die Frau ist keine Frau, Chile ist nicht Chile, Berlin ist nicht Berlin. Warum wollten Sie den Anschein von Authentizität wecken?

Weil Authentizität die Voraussetzung für Identifikation ist. Außerdem finde ich es spannend, mit lauter Lügen trotzdem etwas Wahres zu sagen. Ich habe versucht, über die größtmögliche Entfernung die größtmögliche Nähe herzustellen. Ich hatte den Film über Traudl Junge, Hitlers Sekretärin, im Kopf. Wie sie über ihre Fassungslosigkeit spricht, ihm auf den Leim zu gehen und wie aber ihre Äuglein blinken, wenn sie über ihn spricht. Da ist ein Widerspruch, den ich aufgreifen wollte. Mariosa stellt Honecker nicht in Frage, was im Zuschauer eine Dissonanz erzeugt. Man muss über ihre Naivität lachen, und wird traurig angesichts der großen Leere in ihr. Beides ist wichtig. Ich mag keine eindimensionalen Figuren, deren infantile Komik mich nicht zum Lachen bringt oder deren Tragik zu impertinent ist, um zu berühren.  

Wen genau wollen Sie denn mit Ihrem Film berühren?

 

Ich habe keine Zielgruppe. Ich bin nur von mir und meinem Bedürfnis ausgegangen, darauf vertrauend, dass es Leute gibt, die mit mir gemeinsam schwingen. Während der Berlinale habe ich ein Testscreening gemacht, bei dem die Zuschauer teils aus dem Osten, teils aus dem Westen kamen. Berührt hat der Film alle. Denn die Thematik betrifft eigentlich jeden, weil jeder mal in der Situation ist, dass er nicht weiß, wo er hingehört, nicht weiß, ob die Entscheidungen, die er getroffen hat, richtig waren.

Trotzdem werden sich möglicherweise einige Ihrer ostdeutschen Zuschauer aufgrund der Skurrilität Ihres Films auf den Schlips getreten fühlen.

Wenn das passiert, ist die Auseinandersetzung ja da. Sie muss schließlich nicht nur positiv verlaufen. Und Leute, die sich total mit der DDR identifiziert haben, werde ich als Publikum gar nicht erleben, weil sie sich einen solchen Film gar nicht ansehen werden. Das ist oft das Tragische, dass man die Menschen, mit denen man die Auseinandersetzung führen müsste, nicht erreicht, weil sie sich dieser entziehen.

Ihr Film ist ein echtes Ein-Personen-Stück: Sie sind nicht nur Darsteller, sondern auch für Ton, Kamera und Regie verantwortlich. Warum durfte Ihnen keiner helfen?

So wie ich gedreht habe, wäre das für andere eine Zumutung, sowohl was die Zeiten, als auch was die Umstände betrifft. Ursprünglich war der Film mit mehreren Figuren konzipiert. Ich habe ihn dann aber eingedampft, um keine Kompromisse machen zu müssen. Ich konnte so arbeiten, wie ich es mir vorgestellt habe – wo ich wollte, solange ich wollte. Das geht nicht, wenn ein Produzent mit der Stoppuhr hinter der Kamera steht. Es war mir ein großes Bedürfnis, meinem Beruf viel freier auszuüben, als ich es bisher gewohnt war. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Interview: Insa van den Berg

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