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Die Einsamkeit der Stachelbeere

Die Einsamkeit der Stachelbeere

"Ivanov" ist eines der seltener gespielten Werke Tschechows. Als Leipziger Erstaufführung angekündigt, feierte es am Samstagabend seine mit viel Beifall und Jubel aufgenommene Premiere im Leipziger Schauspiel.

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Nichts bleibt unbeobachtet, auch nicht die Annäherung von Ivanov (Jonas Fürstenau, 3. von links) und Sascha (Pina Bergemann, 3. von rechts).

Quelle: Rolf ArnoldSchauspiel

Es wird niemand mitgezählt haben, wie oft auf der Bühne das Wort "Langeweile" fiel in den rund zwei Stunden und zehn Minuten, die Regisseur Michael Talke ohne Pause durchspielen ließ. Ohne Pause vielleicht, um die erwähnte Langeweile im sonst so kurzweiligen Abend durch Sitzfleischermüdung spürbar ins Publikum durchsickern zu lassen. Schon die buchhalterische Erfassung, der Blick auf die imaginäre Langeweile-Strichliste hätte viel gesagt über das wie Kaugummi zähe Vergehen der Zeit, in dem sich Tschechows Figuren verfangen wie Fliegen im Honigtopf. Die Menschen irgendwo in den vorrevolutionären Weiten Russlands ohne Zerstreuung, ohne Tatkraft, penibel auf den eigenen Vorteil bedacht.

Die Fadheit bekämpft man mit Kartenspiel und einer Schwatzhaftigkeit, die zu einem giftigen Gebräu aus Halbwissen, Gerüchten und Verdächtigungen gerinnt. Vertraulichkeiten werden ungeniert ausgeplaudert. Nicht ohne den Verweis, man sei ja unter sich. Man feilscht um Schulden und Zinsen. Das Ende der Privatheit, gern als Slogan für die unmittelbare Zukunft verwendet: Hier ist es schon, russische Provinz, Ende des 19. Jahrhunderts. Ein halbes Jahrhundert später formuliert Sartre den Satz: Die Hölle, das sind die anderen. Wer Talkes "Ivanov" gesehen hat, bekommt einen Eindruck davon.

Die Inszenierung gönnt sich 13 Schauspieler, die ihre Rollen zum Teil an den Rand der Karikatur dehnen. Der geckenhafte Borkin (Hartmut Neuber) als eitler und schwatzhafter Gutsverwalter Ivanovs. Lebedew (Andreas Herrmann) als Greis im Pelz über den langen Unterhosen mit der Wodka-Flasche in der Tasche. Seine geizige Frau Zinaida (Bettina Schmidt), die alleine tafelt und ihre Gäste mit Konfitüre abspeist. Der Arzt Lwow, streberhaft interpretiert von Felix Axel Preißler. Ivanovs Onkel Sabelskij (Matthias Hummitzsch), dessen einziges Kapital der Grafentitel ist. Ein vielfarbiges Panoptikum, das trotz vordergründiger Fülle auf der Bühne und großer Spielfreude die Einsamkeit der Charaktere durchschimmern lässt, eine drückende Atmosphäre heraufbeschwört, das Hintergrundrauschen entfacht, vor dem Ivanov zugrunde geht.

Ivanov, der verarmte Gutsbesitzer, noch keine 40, liebt seine an Tuberkulose erkrankte Frau Anna nicht mehr. Die Schulden bei den Lebedews kann er nicht bedienen. Derweil beginnt er eine halbherzige Liebschaft mit deren Tochter Sascha. Burnout würde man heute sagen. Oder Depression.

Die Regie platziert ihn meist am vorderen Bühnenrand, lässt Anna, Lwow, Borkin, Sascha, Onkel Sabelskij oder Lebedew auf ihn niederstürzen wie ein Vogelschwarm, die Worte verbinden sich zu Geschrei. Man ahnt: Das sind die Stimmen, die in Ivanovs Kopf auch in den stillen Stunden widerhallen. Die Musik, meist unauffällige Klänge von Tobias Vethake, hebt dann zum schrillen Pfeifen an, aus dem man den Tinnitus in Ivanovs Ohr erkennen mag.

Jonas Fürstenau gelingt es, diesen Ivanov zwischen Erschöpfung und Aufbrausen pendeln zu lassen, zwischen Depression und Funken der Hoffnung. Und mag seine Umgebung ihm auch Berechnung unterstellen - der Theaterabend verhandelt nicht die Schuld des Ivanov, sucht keine Wahrheiten, er verhandelt die Seelennöte eines Verzweifelten, der schon in der Eingangsszene über seinen Papieren eingeschlafen ist, die Pistole im schlaffen Arm. Man ahnt, auf wen er sie richten wollte und am Ende richten wird, bevor er ins Ausgangsbild zurückfällt: Auf sich selbst.

Dieses Ende, den Selbstmord als Ausweg - in Leipzig nur als Option angedeutet -, hat Tschechow seiner modifizierten Zweitfassung von "Ivanov" verpasst und daraufhin, neben wenigen weiteren Änderungen, das Stück statt mit Komödie nunmehr mit Tragödie überschrieben.

Das sind letztlich die Pole, zwischen denen die Regie mutig ihren Weg findet. Zwischen den existenziellen Nöten Ivanovs einerseits und andererseits den plakativen Übersteigerungen einiger Charaktere, die sich schon im Bühnenbild (Hugo Gretler) spiegelt. Wenn die Szenerie von Ivanovs Gut zu den Lebedews schwenkt, gibt ein Vorhang den Blick auf ein Hochregal frei. Stachelbeer-Konfitüre, Symbol für Reichtum und Geiz der Zinaida Lebedew, nimmt die gefühlte Grundfläche einer Dreiraumwohnung ein.

Dazwischen entwickelt sich die Abendgesellschaft zur Groteske, gewürzt mit Wiederholungsschleifen zwischen Sitcom und Volkstheater. Am Ende gelingt ein beachtlich austarierter Balanceakt: Die Ausweglosigkeit des Ivanov, die Ernsthaftigkeit der Liebenden - sie bleiben bei allem Humor und Unterhaltungswillen glaubwürdig.

iWeitere Aufführungen: 30.11., 13.12., 10. und 25.1., 23.2., 5. und 26.4. und 23.5., jeweils 19.30 Uhr. Karten unter Telefon: 0341 1268168; www.schauspiel-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.11.2013

Dimo Riess

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