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Die Fantastischen Vier im Interview: „Wir wollten schon immer mehr sein als Hiphop“

Die Fantastischen Vier im Interview: „Wir wollten schon immer mehr sein als Hiphop“

Leipzig. Vor einem Jahr gab Deutschlands sympathischste Hiphop-Pop-Band die ersten Tour-Konzerte ihrer fulminanten Rundum-Show „Für dich immer noch Fanta Sie“.

Teil zwei folgt Mitte Dezember, am 16. baut das Quartett seine 360-Grad-Bühne inmitten der Arena Leipzig auf. Tobias Ossyra hat Smudo und Michi Beck vorab in Leipzig getroffen.

Frage: Euer erstes Konzert habt ihr noch auf Europaletten gespielt, jetzt habt ihr eine 360-Grad-Bühne. Hat man sich nach zwanzig Jahren Erfahrung an solche Dimensionen gewöhnt?

Michi Beck: Die jetzige Bühne wird auf jeden Fall nicht so schnell Normalität. Es war ein Mords-Aufwand, die zu planen und herzustellen. Und sie ist total abgefahren, weil sie eine ganz andere Dynamik in die Show bringt. Wenn man 20 Jahre in eine Richtung spielt, hat man Automatismen, die sich in Bewegung und Moderation einschleichen. Das wird alles komplett gesprengt. Wenn man dann zurückdenkt zu den Anfängen auf der Europalette, dann ist da schon ein bisschen was passiert.

Wie sehr strengen diese Konzerte an?

Michi Beck: Die gehen tierisch auf die Kondition, man kann sich ja nicht zurückziehen. Diese ständige Super-Power fordert einen, macht aber echt Spaß.

Smudo: Ich kann zwischendrin nicht einfach sagen: Oh, mein Schnürsenkel ist offen, ich rap‘ mal die Strophe fertig und geh‘ kurz nach hinten. Du bist immer voll da. Wenn du nach vorn schaust rufst du den Leuten „Hey yeah“ zu, drehst dich um und erschrickst: Da sind ja die nächsten Tausend, die dich angrinsen.

Werden solche Erlebnisse irgendwann Normalität?

Smudo: Also, wir stehen nicht da oben und denken: Boar, Alter, wie weit wir es gebracht haben! Aber als ich dieses monumentale Bild der Bühne in Frankfurt vor zehntausend Menschen gesehen haben, dachte ich schon: Was machen wir jetzt als nächstes?

Michi Beck: Dann gehen wir wieder zurück auf die Europaletten! (Beide lachen)

Wie aufwendig ist es, mit Live-Band zu spielen?

Michi Beck: Wir sind sehr eingespielt. Aber das Musikalische macht nur die Hälfte von dem aus, was zu einer Show dieser Größe gehört. Die andere Hälfte ist das Visuelle, die Tricks mit der Bühne. Das ist der größere Aufwand. Als wir das erste mal damit unterwegs waren, haben wir ungefähr zwei Probe-Wochen gebraucht, in denen wir jeden Tag das gesamte Programm durchgespielt haben.

Seid ihr auch bei den älteren Liedern noch mit dem Herzen dabei?

Michi Beck: Es ist nicht unbedingt so: Je älter der Song, desto mehr kann man ihn nicht mehr hören. Es kommt immer auch auf das Miteinander mit dem Publikum an. Mal springt der Funke mehr über, mal weniger. Wenn wir Titel musikalisch und inhaltlich nicht mehr passend finden, streichen wir sie - „Die da“ zum Beispiel. Wenn wir uns aber entscheiden ein Stück zu spielen, machen wir das mit Leib und Seele.

Wieviel Hiphop steckt noch in euren Songs?

Michi Beck: (lacht) Wir haben den Hiphop-Grad unserer Platten nicht gemessen. Wir waren zwar eine der ersten Bands in Deutschland, die Hiphop live gespielt haben, wollten uns aber recht früh von solchen Genre-Einschränkungen freischwimmen. Wir wollten schon immer mehr sein. Unsere Songs müssen für sich stehen. Bei unserer zweiten Platte 1992 haben wir schon mehr Pop machen wollen. Wir wollten ins Radio, auch wenn wir dafür Gesetze der Szene, zu der wir gehören wollten, brechen mussten. Aber das war uns schon immer Wurst.

Wenn man gemeinsam textet, erleichtert oder erschwert das die Arbeit?

Michi Beck: Es erleichtert es total, sonst müsstest du ja alles alleine schreiben.

Smudo: Wir entwickeln die Themen tatsächlich meistens zusammen. Oder jemand hat eine Idee und die anderen - und das ist sicher auch unsere professionelle Natur - sind in der Lage, sich dem Thema anzuschließen oder es weitläufiger zu interpretieren. Manchmal schreibt jemand auch nur einen Refrain. Es ist eine richtige Bandarbeit geworden.

Darf man da auch den Rotstift beim Anderen ansetzen?

Michi Beck: Ja, klar! Es wird immer gesagt: Das hört sich Kacke an, sag doch lieber soundso. Sonst wäre es ja auch keine gemeinsame Arbeit.

„Sie ist weg“ war 24 Wochen auf Platz eins der Charts. Habt ihr das...

Michi Beck: 24 Wochen auf Platz eins! Wow, das waren noch goldene Zeiten.

...genau das ist die Frage: Habt ihr das Gefühl, das Internet klaut der Musik heutzutage die Langlebigkeit?

Smudo: Ich würde das so nicht sehen. Ich würde sagen, dass die Digitalisierung und die Vernetzung so weit fortgeschritten ist, dass man heute, um Musik zu kaufen, nicht mehr so viel aufwenden muss wie vorher. Früher bin ich einmal die Woche für Neuerscheinungen in den Plattenladen gegangen, da waren in meinem Genre Hiphop fünf Platten dabei – und davon habe ich vier gekauft. Heute laufen im hinterletzten Friseurgeschäft schon die coolen neuen Housebeats und täglich kommt etwas Neues heraus. Trotzdem gibt es noch das Interesse an der Musik, also Menschen, die sich Mühe machen und im Internet einen tollen Titel finden, schauen, wer das noch hört, und weitersuchen.

Das nächste ist, dass Medien mehr in die Breite, aber nicht mehr so sehr in die Tiefe konsumiert werden. Wenn du vor 25 Jahren Promotion hattest, dann bist du zur ZDF-Hitaparade, zur Disco mit Ilja Richter oder einmal zu Wetten, dass...? gegangen und dann kannte dich ganz Deutschland. Heute gehst du zu drei verschiedenen Frühstücksfernsehen, zu Facebook, iTunes, Musicload und trotzdem kriegt kaum einer mit, was du machst. Diese beide Faktoren sind ausschlaggebend dafür, dass sich der Konsum von Musik verschnellert hat.

Michi Beck: Das Jagen und Sammeln ist ein bisschen verloren gegangen. Das muss aber nicht unbedingt schlecht sein. Es wird sich trotzdem immer Qualität durchsetzen.

Braucht man dafür heute noch Plattenfirmen?

Smudo: Für den reinen Vertrieb in einem Plattenladen, der deine Stapel ins Regal stellt, brauchst du kein Label. Trotzdem brauchst du einen Partner, der in der Lage ist dich – gerade bei einem so breiten Medienstrom – zu platzieren. Es kann ja nicht jeder, der ein geiles Demo kennt bei Sputnik reinlaufen und dann spielen die das. Man braucht Strukturen und einen Finanzpartner, denn selbst nur ein Plakat aufzuhängen kostet Geld. Wer immer auch der moderne Mäzen ist, der das bezahlt, um hinterher an einem eventuellen Verkauf teilzuhaben – den wirst du immer brauchen.

Michi Beck: Zum Vorfiltern kann man auch kleine oder spezielle Labels noch gebrauchen, denen man vertraut und weiß, da kommt total cooler Sound heraus. Die machen es einfacher durch dieses Chaos an Veröffentlichungen durchzublicken.

Was würdet ihr jungen Menschen sagen, die ernsthaft eine Karriere als Musiker anstreben?

Smudo: Wenn es auch um ernsthafte Einkommenswünsche geht, dann würde ich immer davon abraten.

Michi Beck: Wenn du davon überzeugt bist, dass du wahnsinniges Talent hast und berühmt werden musst, dann bist du wahrscheinlich in solchen Trash-Sendungen im Fernsehen gut aufgehoben. Wenn du Musik machst, weil du es total geil findest, Spaß daran hast und ein bisschen an dich glaubst, dann geht man den klassischen Weg: Einfach live spielen und versuchen, das an die Leute zu bringen und an Plattenfirmen.

Wie seht ihr denn die deutsche Nachwuchsszene?

Smudo: Als Vorgruppe haben wir ja Phräsenmäher dabei, auf die das exakt zutrifft. Neue junge Band, vielversprechend, versuchen sich in einer breit konsumierten Medienwelt zu etablieren. Sind bei unserem Management unter Vertrag und das versucht natürlich, uns die Jungs anzudrehen - auf unser Einverständnis hin. Aber die bei uns im Vorprogramm zu platzieren, das ist für die Band ein Riesending.

Ihr seid für den Radiopreis 1live-Krone als bester Live-Act nominiert. Wenn die Leipziger im Internet für euch abstimmen, was versprecht ihr ihnen dafür?

Smudo: Was sie wollen! London, Paris, Tokio. Alles.

Michi Beck: Freier Sex für alle. Die können sich bei uns anfassen, wo sie wollen und wen sie wollen. Und ansonsten können sie uns auch ... gerne haben. (Beide lachen) Im Ernst: Uns ist weniger wichtig, ob wir irgendwelche Auszeichnungen bekommen. Aber dass wir ein geiles Konzert in Leipzig haben, das ist wichtig. Also wenn sich einer entscheiden muss – Krone wählen oder Konzert: Dann bitte unbedingt aufs Konzert!

Die Fantastischen Vier, 16.12., 20 Uhr, Arena Leipzig, Kartenvorverkauf: 01805-218150

Tobias Ossyra

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