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Die Götter haben den Kaffee gemacht: Bach-Kantaten szenisch

Die Götter haben den Kaffee gemacht: Bach-Kantaten szenisch

Es ist die einzige Lücke im Schaffen Bachs: die Oper. Zwar hört man immer wieder gerne, diese Kantate oder jene Teile der Passionen seien "ja eigentlich" dramatische Musik, doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass der Thomaskantor keine genuine Oper verfasst hat - aus Mangel an Anlass und Notwendigkeit.

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Götter trinken Kaffee: Szenische Bach-Kantaten in der MuKo.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Trotzdem oder gerade deswegen: Das Thema Bach und die Oper regt immer wieder die Fantasie an.

Die Schweizerin Eva Buchmann hat sich nun der Aufgabe gestellt, zwei Bäche in Szene zu setzen: die Jagdkantate ("Was mir behagt, ist die muntre Jagd") und die Kaffeekantate, die die immer hilfreiche Aufforderung "Schweigt stille, plaudert nicht" als Überschrift trägt. Beide haben an sich nichts miteinander zu tun, dennoch bindet Buchmann sie szenisch zusammen. Die berühmte Kaffeekantate bietet sich mit ihrer Komik zur Inszenierung an, handelt sie doch von einem Streit zwischen einem Vater und seiner Tochter um übermäßigen Kaffeekonsum und die Wahl des zukünftigen Gatten respektive Schwiegersohns. Ganz anders die Jagdkantate: Mit der heutigen Brille betrachtet hat dieser Dialog der Götter wenig Handlung, dafür eine Prise verstiegene Allegorik und teils krude Sprache - also alles, was eine gute Barockoper braucht.

Trotz der Unterschiede geht das Ganze auf. Auch wenn Buchmann wenig mehr liefert als eine Bebilderung der Gesangstexte. So spielt Diana etwa ganz buchstäblich mit den Netzen der Liebe, in die Amor - gespielt von der kleinen Isabel Jahns im Engelskostüm - sie und Endymion verstricken wird. Pan und Pales kommen hinzu und preisen Fürst Christian zu Sachsen-Weißenfels, zu dessen Namenstag Bach dieses Schmuckstück verfasst hat. Der Regie fiel dazu nichts ein, die Huldigungsadressen stehen als Fremdkörper im Raum.

Den Übergang zur Kaffeekantate hingegen löst Buchmann elegant: Es sind die Götter, die die eigenartigen roten Früchte entdecken und sie rösten, auf dass Liesgen dem Gebräu verfallen kann. Die Götter haben den Kaffee gemacht - wer schon einmal in Italien Espresso getrunken hat, wird das für eine plausible These halten. Endymion wird kurzerhand zum Erzähler und zum Liebhaber Liesgens. Dass er damit immerhin Diana sitzen lässt, scheint diese wenig zu kümmern. Das Problem: Schlendrian zwingt seine Tochter zur Wahl, entweder Kaffee oder einen Mann. Doch spricht er selbst eifrig dem Wein zu, da lässt sich diese Position schwerlich aufrechterhalten. Menschen und Götter, Orchester und Publikum - sie alle können befreit anstoßen, mit Muskateller und Muckefuck.

Es sind nicht zuletzt die witzig agierenden und fabelhaft singenden Solisten, die den Abend tragen. Judith van Wanroij gibt eine strahlend kräftige Diana, Lenneke Ruiten ist als Pales ihr sanfter Gegenpart und berührt mit ihrer Arie "Schafe können sicher weiden" zutiefst. Robbert Muuse als Pan auf Plateausohlen besticht mit seinem weichen Bariton, ebenso Alberto ter Doest in der Rolle als Endymion und jugendlicher Liebhaber, auch wenn seine Höhen bisweilen etwas streng klingen. Piotr Micinsky mag mit seinen Kraftgesten nicht jedem gefallen, zur Rolle des Schlendrian passen sie allemal. Marina Zyatkova kann als seine Tochter betörend schön vom Zauber des Heißgetränks schwärmen ("Ei, wie schmeckt der Coffee süße").

Kongenial begleitet sie das Combattimento Consort um Jan Willem de Vriend an der Geige, dem kleinste Gesten genügen, um das exzellente Ensemble zusammenzuhalten. Lediglich die Hitze fordert ihren Tribut, da offenbar im Verlauf des Abends manche Saite von Geige und Cembalo in der Stimmung nachgibt. Vor der Pause, als die Niederländer mit Telemanns witziger Ouvertürensuite "Hamburger Ebb und Flut" ihre instrumentale Visitenkarte abgeben - mit Goldrand! -, war von solchen Problemen noch keinerlei Spur.

Und auch wenn auf dem Heimweg manche Bach-Enthusiasten verlauten lassen, sie bräuchten solche Inszenierungen nicht, weil ihnen die Musik genüge, auch wenn dieses Konzept sicherlich nicht in Serie funktioniert - als witziges und hintersinniges Projekt steht es dem manchmal arg seriös daherkommenden Bachfest sehr gut an.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.06.2013

Benedikt Leßmann

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