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Die Grenzgänger: Alexander Osang liest aus seinem neuen Roman "Königstorkinder"

Die Grenzgänger: Alexander Osang liest aus seinem neuen Roman "Königstorkinder"

Andreas Hermann, Anfang 40, ist aus Neustrelitz über Leipzig nach Berlin gekommen. Sein Journalistikstudium hat er abgebrochen, ein paar Jahre für den Nordkurier geschrieben.

Er raucht nie mehr als 20 Zigaretten pro Tag. Sein Hobby ist die Geisterfotografie - Schatten und Umrisse, in denen er Gesichter, Figuren, etwas Wesentliches ausmacht. Die größte Niederlage seines Lebens und gleichzeitig sein ganzer Stolz sind 28 Ausgaben des Neustrelitzer Stadtmagazins Litz, dessen Gründer, Herausgeber, Redakteur und Totengräber er war. Inzwischen überlebt er in Beschäftigungsprojekten. Dieser Welt will er entfliehen und trifft auf Ulrike.

Ulrike ist vor sechs Jahren aus München nach Berlin gezogen und arbeitet in einer Werbeagentur. Sie wohnt mit Mann und Kind in den Königstorhäusern in den Prenzlauer Gärten, in einem Townhaus, dessen erste Etage doppelt so groß ist wie Andreas' ganze Wohnung. Sie kann ihm das Skifahren beibringen und das Tennisspielen und auch, wie man einen Fisch zerlegt. Womöglich findet sie ihn "authentisch und bedauernswert zugleich" und liebt ihn für beides. "Er schämte sich für beides." Kein Traumpaar des Jahrhunderts. Um Biographien, um Berlin, um die Vorzeichen einer gemeinsamen Zukunft geht es also in Alexander Osangs neuem Roman, in dem er den Spielraum öffnet, den die Liebe lässt, und jene Gräben zieht, die sie überspringen möchte.

Wenn der Journalist Osang, er war Chefreporter der Berliner Zeitung und schreibt für den Spiegel, zum Literaten wird, zeigt er sich im autobiographisch Inspirierten ironischer als in seinen Reportagen. Mitunter wirkt das, als führe er hier zu einer Pointe, was die Realität ihm vorenthält. Das Bild der bipolaren affektiven Störung, mit der Andreas sich herumschlägt, kann da kaum Anderes wollen, als der Gesellschaft zwischen Wachstumsbeschleunigung und Krise manisch-depressive Züge zu attestieren.

Weil es dabei nur um den Körper geht, nicht um den Kopf, bewirbt sich Andreas Hermann bei einem Marsflugprojekt in der Charité. Drei Monate Schlaflabor klingen vielversprechend. Dem Arzt, der darüber entscheiden soll, erzählt er seine Geschichte. Die von Ulrike im hellblauen Sommerkleid, wie sie da eines Tages beim Beschäftigungsprojekt "contact" im Hinterhof der Königstorhäuser auftaucht, um sich zu beschweren, weil jemand viel zu oft und viel zu laut das Lied vom kleinen Trompeter singt. Es sind die Proben für ein 20-Jahre-Mauerfall-Programm, das die kleine Gruppe eines Intellektuellenprojektes für Hartz-IV-Empfänger mit gesellschaft- oder kulturwissenschaftlichen Studienabschlüssen in Altenheimen und Krankenhäusern aufführen will. Nebenbei hilft Andreas, Wohnungen Verstorbener aufzulösen, und findet in einem alten Hellerau-Schreibtisch das Tagebuch eines schwulen Uni-Professors, der die letzten Tage seines Lebens protokolliert. Es wird nun seine und Ulrikes Nächte begleiten. "Das Schicksal des Professors hielt sie zusammen wie die Kapseln, über die sie nicht sprachen." Jene Antidepressiva, die er täglich einwirft und auch in ihrem Badezimmerschrank findet. Das immerhin verbindet: "Sie hatten beide kein Zuhause mehr."

Ulrikes Mann ist auf Dienstreise in Sofia ("Sofia ist das neue Prag, sagen sie."), und sie blickt, eine Affäre im Rücken, aus dem Fenster ihres schnieken Townhauses in andere Fenster anderer schnieker Townhäuser. "Ich erlebe einfach nicht viel", sagt sie, "eigentlich warte ich immer nur, ich weiß nur nicht worauf." So hocken die Königstorkinder auf dem Prenzlauer Berg wie auf einer Arche, "sie wollten nicht in ihren langweiligen Leben ertrinken." Langweilig freilich ist der Alltag nur gemessen an ihren Ansprüchen an das, was man Glück nennen kann oder Hoffnung oder auch Erfüllung. "Sie dachte, ich kann sie aus ihrer Vorstadtwelt retten, und ich dachte, sie kann mich aus meiner Projektwelt retten."

Am Rand des Romans und doch im Zentrum der Geschichte steht der Monolog eines Bürgerrechtlers, den Andreas im "Mauersprechte"-Programm spielt. "Wir hatten Möglichkeiten und Spielräume", erinnert der sich, "sie waren nicht groß, aber wenn man zurückschaut, waren sie alles, was ich wollte." Das Ensemble hat Tränen in den Augen, das Publikum im Altenheim randaliert. "Ick will mein Kaffeeunkuchen", ruft eine Frau, und Osang ist wieder auf der Höhe seiner Erzählkunst, genau Beobachtetes und selbst Erlebtes warmherzig zu glossieren. Seine Porträts der Gescheiterten, Gefledderten und Hilflosen machen den Roman trotz des belasteten Themas leicht und unterhaltsam; manchmal bitter, oft komisch. Er übersetzt das Bipolare als die Grenzen der Stadt, der Gefühle, der Möglichkeiten.

"Jede wirklich gute Geschichte endet doch nicht im Buch, in dem sie erzählt wird. Sie endet in unseren Leben", schreibt er, und die Schlusspointe des Romans ist es, die genau das tatsächlich aus- und einlöst.

Figaro Lese Café mit Alexander Osang: am 26. September, 16 Uhr, Moritzbastei, der Eintritt ist frei. Die Sendung wird live auf MDR Figaro übertragen

Janina Fleischer

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