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Die Klangpioniere Kraftwerk in Leipzig: dreimal Zukunft von gestern

Retro-Avantgarde im Haus Auensee Die Klangpioniere Kraftwerk in Leipzig: dreimal Zukunft von gestern

Kraftwerk in Leipzig: Mit „Konzert“ ist nur unzureichend umschrieben, was Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Hennig Schmitz und Falk Grieffenhagen da zweimal am Montag, einmal am Dienstag auf der Bühne im jeweils ausverkauften Haus Auensee treiben.

Die Elektropop-Band Kraftwerk hat am Montag mit gleich zwei 3D-Konzerten die Leipziger begeistert.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Mit „Konzert“ ist nur unzureichend umschrieben, was Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Hennig Schmitz und Falk Grieffenhagen da zweimal am Montag, einmal am Dienstag auf der Bühne im jeweils ausverkauften Haus Auensee treiben. Hin und wieder bebt ein Knie. Ansonsten stehen die Vier unbeweglich hinter Pulten mit beleuchteten Kanten, die gnädig verdecken, dass hier und da in Bauchhöhe das Gitternetz der Tron-Overalls sich zur Rundung wölbt. So viel Menschsein muss erlaubt sein in dieser Mensch-Maschine-Anordnung. Schließlich geht Hütter, das einzige Gründungsmitglied der Düsseldorfer Band Kraftwerk, stramm auf die 70.

Doch was heißt schon „Band“. Auch dieses Wort ist fehl am Platz für die Vier an den Knöpfen und den Schiebern. Was sie da genau pegeln und regeln, wissen nur sie selbst. Hin und wieder singt Hütter, meist verfremdet, bisweilen unverfälscht. Der Rest geht auf in einem Kosmos aus Rhythmen und Linien, aus Klängen und Bildern, bei dem wohl am ehesten der Gattungsbegriff „Gesamtkunstwerk“ greift. Wir kennen ihn vom Musikdrama Richard Wagners oder von den Farb-Visionen Alexander Skrjabins. Und wie sie schwappt die Welt von Kraftwerk aus der Ferne der Musikgeschichte ins Hier und Jetzt. Denn Kraftwerk im Jahr 2015, das ist eine museale Inszenierung historischer Visionen, die eine gleichwohl sehr lebendige Magie entwickelt.

Kraftwerk haben am Montagabend zwei begeisternde 3D-Konzerte im Haus Auensee gespielt. Vor jeweils 6000 Fans präsentierten die Electropop-Pioniere um Sänger Ralf Hütter zwei Stunden lang eine Zusammenstellung ihrer größten Hits, darunter „Das Model“, „Autobahn“, „Radioaktivität“, „Die Roboter“ und „Tour de France“.

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Kraftwerk hat die Musik vom Ende des 20. und vom Beginn des 21. Jahrhunderts geprägt, ja vorgeformt wie keine andere Formation. Was den Einfluss auf die Klänge danach anbelangt, dürfte der von Bach und Beethoven kaum größer gewesen sein. Aus dieser Gewissheit gewinnen die Leipziger Auftritte ihre Größe: Die Titel der jeweils  gut zwei Stunden sind allesamt alt: Jeweils mehrere aus den Alben „Autobahn“ (1974) und „Radioaktivität“ (1975), „Mensch-Maschine“ (1978) und „Computerwelt“ (1981) reflektieren die Zeit, in denen dieses Kraftwerk eine neue Musik erbrütete. Selbst die ältesten, seit über 40 Jahren umrunden sie die Welt, haben sich längst ins kollektive Bewusstsein gekerbt, klingen bestürzend heutig mit der suggestiven Kraft  ihrer melodischen Zellen, dem manipulativen Sog des Rhythmus, der entwaffnenden Schlichtheit ihrer Architektur.

Dazu entfalten für all die, die artig ihre Pappbrillen aufsetzen, die bewegten 3D-Bilder hypnotische Wirkung: Da tanzen Zahlen und Worte, Neon-Reklamen, Mondrian-Reflexe oder Models. Vor dem Haus Auensee landet ein Raumschiff, Käfer (amtliches Kennzeichen D – KR 70)  und  Heckflosse (D – KR 74) fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn.

3D-Performances der Düsseldorfer füllen Hallen auf der ganzen Welt

Dieses artifizielle Gesamtkunstwerk, das seine Protagonisten entpersönlicht, zum Modul macht, zur Zugabe folgerichtig ersetzt durch die einschlägigen Roboter,  führt im Jahre des Herrn 2015 die Zukunft der 70er und 80er und die Animations-Errungenschaften der 90er so erfolgreich zueinander, dass die 3D-Performances seit 2012 auf der ganzen Welt so ziemlich jede Halle füllen. Kraftwerk ist zur Retro-Avantgarde gereift, zur perfekt durchgestylten Feier der eigenen Wirkungsmacht.

Perfektion spielt für diese Form historischer Aufführungspraxis in der elektronischen Musik eine große Rolle. Ausgerechnet mit der hapert es im Haus Auensee. Weil zu viele zu wenig sehen im Gedränge unten im Parkett und auf der Empore die Bewegungsenergie nicht freigesetzt werden kann, die diese Musik in die Glieder pumpt.  Und dass auf vielen Plätzen im Raum die Bässe in stehenden Wellen dröhnen, die Mitten zerren, die Höhen verhärten, zeigt, dass auch ein Gesamtkunstwerk sich mit den Unbilden des normalen Konzertbetriebs arrangieren muss.

Dennoch: Ein Blick ins Publikum zeigt, dass Kraftwerk alle soziologischen Schranken überwunden hat. Hütter ist offenkundig nicht der Älteste im Saal, und auch die Enkel-Generation ist noch zahlreich vertreten. Da wogt die intellektuelle Mittdreißigerin in verstrahlter Ekstase, kanalisiert ihre reife Begleitung Begeisterung eher nach innen, mit verschränkten Armen und beseelt mitbrummend. Sie alle eint, dass sie lustige Pappbrillen tragen, und das schöne, ja erhebende Gefühl, angekommen zu sein in der Zukunft. Auch wenn es die von gestern ist.  

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