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Die Komplexität der Auflehnung: „Engagiert Euch!“ fordert Stéphane Hessel

Die Komplexität der Auflehnung: „Engagiert Euch!“ fordert Stéphane Hessel

Kein Tag vergeht ohne Appelle, Forderungen, Erklärungen. Die Medien sind voll davon. Mal bleiben es Lippenkenntnisse, mal steht dahinter wirklich Mut. Diese Empörungen genügen Stéphane Hessel nicht.

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Der 93-jährige KZ-Überlebende und ehemalige Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel.

Quelle: dpa

Leipzig. Ihm geht es um eine Fortführung, die Konsequenz. „Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert“, schrieb der französische Autor in „Empört Euch!“, einem Aufruf zum Protest gegen Ungerechtigkeit und das Finanzmonopol. Jetzt fordert der 93-jährige KZ-Überlebende und ehemalige Résistance-Kämpfer im Gespräch mit dem Journalisten Gilles Vanderpooten: „Engagiert Euch!“.

Es muss ja weitergehen, denn es geht um nicht weniger als die Rettung der Welt. Hessel begrüßt die Volksbewegungen in Nordafrika und sieht in den aufkommenden Protesten in Europa eine international stärker werdende Demokratiebewegung. Für die Skizzierung globaler Angriffsflächen schöpft er seine an Gerechtigkeitssinn und Visionen geschulte Zuversicht aus den eigenen Erfahrungen im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. „Wir sollten es halten wie damals“, sagt er und meint damit: sich aufzulehnen gegen Unerträgliches.

Der kurz irritierende Vergleich wird nachvollziehbar, wenn Hessel das Programm des Nationalen Widerstandsrates in heutigen Formulierungen erneuert: „ein entschlossenes Nein zum Diktat von Geld und Profit, zum Auseinanderklaffen von extremer Armut und arrogantem Reichtum, zum Wirtschaftsfeudalismus“. Neben ein Engagement dagegen stellt er das für „eine wirklich unabhängige Presse, für umfassende soziale Sicherheit“. Allerdings sei, räumt er ein, sich aufzulehnen sehr viel komplexer geworden, bedeute „nachdenken, publizieren, Politiker wählen, die hoffentlich das Richtige tun werden – kurz, sehr langfristig planen und handeln“.

Vor den Strategien kommt das Problembewusstsein. Und Erkennen, so die Botschaft, könne jeder: soziale Ungerechtigkeiten, Ausplünderung der Erde oder ungehemmte Gewalt, die Gefahren des Wachstumsfetischismus. Immer wieder wendet sich Hessel direkt an die „Jugend von heute“, der er Passivität „gegenüber schlimmen Zuständen, gegen die sie sich auflehnen müsste“, bescheinigt. Ihn beunruhigt „der gewaltige Abstand zwischen der Politik und der Jugend in Frankreich“. Letztere „mag sich schon fragen: Sollen wir weitermachen, ausbauen oder ganz neu anfangen?“

Gilles Vanderpooten, Jahrgang 1985, hakt nach, relativiert, insistiert. Ob denn nun „angesichts der offensichtlichen Krise“ eine Revolte wünschenswert ist, fragt er. Und erfährt, dass aus Sicht des 1917 geborenen Mitunterzeichners der UN-Charta der Menschenrechte revolutionäre Gewaltakte gegen die bestehende Ordnung keinen geschichtlichen Fortschritt bringen. In jener Erklärung der Menschenrechte, sie befindet sich im Anhang des Büchleins, kommt das Wort Erde nicht vor. „Damals war man sich überhaupt nicht bewusst, was Raubbau anrichten kann“, sagt Hessel und räumt ein, dass sich der ökologische Lernprozess auch für ihn schrittweise vollziehe. So besitze er nur deshalb kein Auto, weil er keines brauche, aber nicht, weil es Abgase produziert.

Umweltschutz zählt wie Entwicklungspolitik und die Krise Internationaler Institutionen zu den Kernthemen dieses Gesprächs, in dem beide um individuelle Möglichkeiten im gegebenen Rahmen  ringen. „Den Unterschied zwischen meiner Generation und der Ihren sehe ich darin, dass mein staatsbürgerliches Gefühl im Wesentlichen noch national orientiert war“, so Hessel. Inzwischen aber steuerten wir auf ein Weltbürgertum zu, seien die Aufgaben für Einzelstaaten zu groß. „Selbst die bestmögliche Regierung schafft es nicht mehr allein, sie muss im Verbund agieren.“ Darum plädiert er für eine Institutionalisierung der Weltprobleme. Solidarität zeige sich bereits in zahlreichen, immer dichteren Vernetzungen, etwa den Nichtregierungsorganisationen.

Immer wieder postuliert Hessel eine „Überwindung der Hoffnungslosigkeit“, sieht eine Bedrohung auch durch Resignation. „Lassen wir uns nicht vor Tatsachen stellen, die wir als leider vollendet zu akzeptieren hätten.“ Für den Jahrhundertzeugen ist heute die entscheidende Frage: „Inwieweit dürfen wir mit einem wirksamen Engagement der Bürger rechnen?“ Hier verschattet – für einen Moment – Erfahrung seinen Enthusiasmus: „Die Geschichte kann glückliche Zufälle hervorbringen: Das nenne ich Optimismus. Wobei ich gerne zugebe, dass das auch mal schiefgehen kann.“

So formt sich nach erfrischender Lektüre, Erinnerungen an die Grundwerte und mit Hessels Skepsis gegenüber naiver Fortschrittgläubigkeit das Zutrauen in ein „Es geht!“.

Janina Fleischer

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