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Die Leipziger Künstlerin Gerlinde Ritter fühlt sich manchmal wie ein Wal auf einer Weide

Porträt Die Leipziger Künstlerin Gerlinde Ritter fühlt sich manchmal wie ein Wal auf einer Weide

Bei der Ungestalt GbR arbeitet Gerlinde Ritter als Grafik-Designerin und Illustratorin. Mittlerweile liegt auch die Betreuung des laufenden Ausstellungsbetriebes der Galerie Hier + Jetzt mit bei ihr auf dem Tisch – ein Porträt der Leipzigerin.

Gerlinde Ritter im Tapetenwerk vor einem Werk des Graffiti-Künstlers Lean Frizzera aus Buenos Aires. Zu den Künstlern der Galerie Hier + Jetzt zählt auch Snow, der im Leipziger Stadtbild viele Spuren seines Schaffens hinterlassen hat.

Quelle: Volly Tanner

Leipzig. Ist das Kunst oder kann das weg – respektive überstrichen und geweißt werden? Street Art, Urban Art, Graffiti, Kritzeleien, Schmierereien. Viele Begriffe für eine Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum.

Gerlinde Ritter setzt sich mit diesen Begriffen sogar beruflich auseinander. Bei der Ungestalt GbR arbeitet sie als Grafik-Designerin und Illustratorin. Mittlerweile liegt auch die Betreuung des laufenden Ausstellungsbetriebes der Galerie Hier + Jetzt mit bei ihr auf dem Tisch. Neben Maxi Kretzschmar und Ivo Zibulla, die die Galerie im vergangenen August gegründet haben, ist sie die dritte Person.

Die Galerie Hier + Jetzt steht für Urban Art. Und Urban Art umfasst viele Bereiche. Sie löst die Grenzen zwischen Graffiti, Street Art und anderen Formen von Kunst im Stadtraum, wie Installations- und Medienkunst, auf. Diese Kunstaktionen sind verwoben mit den sozialen, örtlichen und kulturellen Eigenheiten des jeweiligen öffentlichen Raumes. So auch im Bezug auf ihren Arbeitsplatz, das Tapetenwerk: Hier sollen Wandbilder verschiedener Künstler das schöne Fabrikgelände immer mehr zu einer offenen Galerie werden lassen. Den ersten Geburtstag von „Hier + Jetzt“ zelebriert die Galerie Anfang September mit einigen Live Paintings.

Ein Satz auf einem verlassenen Haus: „Hab keine Angst“

„Street Art ist für mich Interaktion mit dem Stadtraum“, erzählt Gerlinde Ritter: „Ein Aspekt, der mir gefällt, ist das Hinterlassen teils wunderschöner Botschaften im urbanen Raum.“ Auf der Lützner Straße habe sie eine Zeit lang auf einem verlassenen Haus den Satz „Hab keine Angst“ gelesen. „Dieser Satz hat mich jeden Morgen in den Tag begleitet. Seine Aussage und Aufforderung passt so gut wie immer und auf jede Person. Egal, ob etwas Schwieriges an diesem Tag ansteht oder man sich im Leben scheut, Sachen anzupacken.“ Und weiter sinniert sie: „Städte sind oft ein anonymes Häusermeer in beige, braun und weiß. Und Street Art ist weit mehr als Bombings und Tags im Sinne: „Seht her, ich war hier!“

Sie selber produziert auch Kunst, hatte auch schon eine Gemeinschaftsausstellung im legendären Konsoom. Gemeinsam mit Ungestalt ist sie auch Teil der Aktion „Freude zum Schulanfang“, die von der Leipziger Kinderstiftung und der Firma Rothstift gefördert wird. „Nach den individuellen Wünschen der Schulanfänger gestalten und befüllen wir Zuckertüten. Damit auch den Kindern einkommensschwacher Familien ein schöner Start zum Schulbeginn ermöglicht wird.“

Der Spagat zwischen Kommerz und freier Gestaltung in der Kunst ist natürlicherweise und logisch verständlich ein breiter. Und bewegt auch Gerlinde Ritter tief: „Kunst kommuniziert aber vor allem für mich allein“, resümiert sie, um dann genauer zu werden und ein konkretes Beispiel aus der Pinselschatulle zu ziehen: „Wenn ich zum Beispiel einen Wal zeichne, der auf einer Weide, zwischen Strommasten, liegt und sich fragt, warum er nicht in seinem Element ist, dann begreife ich, was das über mich aussagt. In der Zeichnung steht ein Mädchen vor dem Wal und versucht, ihn mit einem Blumenstrauß aus Gräser zu füttern. Der Wal schaut das Mädchen mit seinem kleinen Auge irritiert an und fragt sich: ,Sag mal, siehst du das nicht? Ich gehöre nicht hierher!’. Am Ende begreife ich den Zusammenhang zu mir selbst. Kunst ist für mich ein Prozess, bei dem ich dazulerne.“

Erster Geburtstag der Galerie Hier + Jetzt, 2. September, ab 19 Uhr, Tapetenwerk (Lützner Straße 91); www.galerie-hierundjetzt.de

Von Volly Tanner

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