Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 10 ° wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
„Die Leute sollen mir in die Augen sehen“ - Udo Lindenberg Interview

Vor den Leipzig-Konzerten „Die Leute sollen mir in die Augen sehen“ - Udo Lindenberg Interview

Das Tour-Finale steigt doppelt in Leipzig: Udo Lindenberg und sein Panikorchester kommen am 25. Juni und 26. Juni in die Red-Bull-Arena. Im exklusiven Interview spricht der 70-Jährige über Politik, den Udo-Hype und die Überwindung seiner Alkoholsucht.

Udo Lindenberg auf der Konzertbühne (Archivbild)

Quelle: dpa

Leipzig. LVZ: „Stark wie zwei“ war 2008 ein irrer Erfolg – hattest Du Bammel, daran gemessen zu werden?

Udo Lindenberg: Ja. „Stark wie zwei“ hat ein neues Kapitel aufgeklappt im panischen Historienbuch. Zuvor war ich ja lange indisponiert – ein Trinker, orientierungslos, auf der Suche nach dem Udo von morgen. Dann ging’s wieder steil bergauf, und klar habe ich vor dem neuen Album und der Tour Druck gespürt. Aber bei der Produktion hab ich schnell gemerkt, dass das in ’ne geile Richtung geht.

Du bist wieder auf die Eins in den Charts gestiegen. Ist Dir das alles unheimlich?

Das nicht, aber ich freue mich tierisch drüber und bin dem Publikum sehr dankbar. Ich wusste nicht, dass es so kommt, so gewaltig geil! Ich bin total gern auf Tour, zusammen mit der großen Panikfamilie.

Auf Deinem Album dreht sich vieles um ein Resümee, um Abschied. Ist die Melancholie in Dir stärker geworden oder gibst Du ihr mehr Raum?

Sie bekommt mehr Raum. Das liegt auch an den aktuellen Umständen. Es sind trübe Zeiten – wegen der politischen Weltlage, aber auch wegen Ereignissen in meinem Umfeld: schwere Krankheiten, Tod, Abschiede. Trotzdem gibt’s genug positive, losgehende Stücke wie „Coole Socke“ oder „Komm zur Sache“. Selbst in „Wenn du gehst“ singe ich ja auch vom Wiedersehen.

Sind alle Songs Spiegel Deiner Seele oder sind Erfindungen um der Kunst willen dabei?

Beides hängt miteinander zusammen. Ich erfinde gern Geschichten wie die von der Kosmonautin, die aus dem Krieg der Sterne desertiert. Ich selbst fühle mich wie ein Alien, der vor 70 Jahren auf ein Doppelkornfeld geworfen wurde. Auch dieses Rumspinnen spiegelt meine Welt, und bei den Texten kalkuliere ich nicht rum, was am besten rüberkommt. Die milde, vorsichtige Sorte gibt’s bei mir nicht, davon ist schon genug auf dem Markt.

Du hast als junger Kerl in der Nähe von Tripolis Musik in Clubs eines amerikanischen Waffenstützpunktes gemacht und Dich nach Deiner Rückkehr psychologisch behandeln lassen. Was hast Du erlebt?

Ich war 17 Jahre alt, hab in ’ner Band getrommelt und in der Wüste Libyens meine Grundausbildung im Saufen absolviert. Was anderes als pures Komatrinken ging dort nicht, rings herum gab es einfach nichts. Nach der Zeit war ich nervlich etwas lädiert.

Gewalt und Rassismus

Du hast Dich immer gegen Gewalt und Rassismus eingesetzt. Jetzt geht durch Deutschland und weite Teile Europas ein rechtspopulistischer Ruck. War der Kampf umsonst?

Der darf nicht umsonst gewesen sein. Wir haben ja durchaus etwas erreicht mit den vielen Aktionen der letzten Jahre, mit Konzerten wie „Rock gegen Rechts“. Um das zu untermauern, machen wir weiter – deswegen ist ein so alter Song wie „Wozu sind Kriege da“ oder „Sie brauchen keinen Führer“ im Tourprogramm. Und es geht längst nicht nur um die Nazis, sondern auch um die Leute, die sich nicht verstanden und von den Politikern verraten fühlen, die man nicht aufgeben darf. Die muss man sensibilisieren, damit sie nicht den Falschen hinterherlaufen. Beim Konzert positioniere ich mich deutlich, unter anderem gegen die AfD. Die Menschen brauchen Klartext.

Gibt es zu wenige prominente Klartexter gegen rechts?

Es müsste mehr geben – vor allem von solchen Promis, von denen man es nicht erwartet. Aus der Schlagerbranche kommt zum Beispiel gar nichts. Die wollen natürlich ihr Publikum nicht verprellen. Aber ich finde, das politische, menschliche Gewissen sollte zwingend über der Zahl von Plattenverkäufen stehen. Einfluss statt Ausfluss! Das Wegrutschen in die rechtspopulistische Lage muss verhindert werden.

Fußball

Patriotisches Denken bleibt eine zweischneidige Sache; wenn EM oder WM ist, dreht Deutschland immer ein wenig durch. Fieberst Du trotzdem mit der deutschen Mannschaft mit?

Ich erinnere mich gern an das Sommermärchen 2006. Das war eine tolle, emotionale Stimmung in Deutschland, total weltoffen. Wir haben gezeigt, dass das geht. Die deutsche Mannschaft ist eine internationale Truppe und steht für diese Offenheit, ich schau sie mir gerne an.

Siehst Du Dir am Sonntag vor Deinem Konzert das Spiel – eventuell mit DFB-Team – in Leipzig an oder meditierst Du?

Ich setze mich beim Public Viewing zwischen die Fans und gucke mit, na klar! Meditieren kann ich nachts, da mach ich autogenes Training.

Wer hat Dich menschlich am stärksten geprägt

Das war wohl Hermann Hesse. Zuerst hab ich – damals noch etwas zu jung – „Siddharta“ gelesen, später „Steppenwolf“ und „Demian“ inhaliert und mich gefragt: „Wie kann der über mich schreiben, der kennt mich doch gar nicht!?“. Dieses Suchen, das Ruhelose, die Neugier auf alles Unbekannte, das ist alles mein Leben.

In den 90ern hast Du Dich fast totgesoffen. Was genau ist passiert, was hat Dich aus dem Teufelskreis geholt?

Mir war schon lange klar: Wenn es so weiterläuft, kratze ich bald ab. Auf der Intensivstation zur Entgiftung im Krankenhaus hat mir das auch der Arzt gesagt – außerdem haben ein paar Zivis ne richtig starke Ansprache gehalten: dass ich aufhören soll mit dem Saufen, weil sie meine Lieder brauchen, weil meine Songs für sie wichtig sind. Das hat mir den entscheidenden Kick gegeben. Es gab zwar noch ein paar Ausrutscher, aber bald war ich wieder fähig, die Welt ohne Notärzte zu bereisen. Heute sage ich: Ich musste das wohl so haben, dieses Auskosten der Exzesse und Grenzbereiche, das Runtersteigen in die Katakomben der Erkenntnisse und Erleuchtung, ich wollte Ausnahmesituationen erkunden. Damals war ich übrigens ein richtiger Rock’n’Roll-Mops, hab’ 95 Kilo gewogen.

Wieviel wiegst Du jetzt?

72.

Denkmal Lindenberg

Von Dir gibt’s Sonderbriefmarken, Ausstellungen über Dich, eine MDR-Doku und mehr. Man schmückt sich mit Dir, weil Du populär wie nie bist. In Deiner Heimatstadt Gronau steht schon ein Lindenberg-Denkmal. Wie findest Du all das?

Erst dachte ich, das ist ’n bisschen viel Personenkult. Aber wenn die das Denkmal aufgestellt haben, weil ich für eine Haltung stehe, ist das in Ordnung. New York ist ab sofort Partnerstadt von Gronau. Insgesamt gehe ich mit dem Trubel easy um und finde ihn sogar ganz lustig.

Weil Du Dich selbst nicht zu ernst nimmst?

Genau. Man darf man sich bloß nicht zu ernst nehmen, ich joke gern rum.

Die Medien sind voller Nachrichten von Krieg, Menschenrechtsverletzung, Korruption, Gewalt, und in Amerika wird ein Donald Trump Präsidentschaftskandidat. Gibt es auf der Welt mehr Irrsinn als je zuvor oder nimmt man ihn einfach bewusster wahr?

Früher gab’s auch sehr viel Elend, aber die Lage ist tatsächlich schlimmer geworden. Die Uno vernachlässigt die Weltfamilie, und überall bricht der blanke Fremdenhass aus. Wie sich Europa gegenüber den Flüchtlingen verhält, ist ein Trauerspiel. Und dann gibt’s ja noch diesen türkischen Versuchs-Sultan, der sein Land ins Mittelalter zurückregieren will. Die Politik muss sich dazu eindeutig verhalten und aufhören rumzueiern.

In diesem Jahr sind schon viele Größen gegangen – Bowie, Prince, Cicero, Willemsen. Hast Du Angst vor dem Tod?

Angst vor einer Krankheit, die einen völlig aushebelt. Wenn’s n schnelles Ding ist, wäre das okay. Der Tod war ja schon ein paar Mal bei mir, um mich abzuholen. Ich hab ihm gesagt, er soll sich verpissen und in 30 Jahren wiederkommen. Ich hab’ den Club der Hundertjährigen aufgemacht – und gerade weil so viele Idole zu früh gegangen sind, will ich noch lange weitermachen. Wäre doch schade, wenn die Nachtigall zu früh abzwitschert.

Deine Tour aber ist die „vorerst letzte große Rundreise“, heißt es.

Tourneen wird’s weiter geben, aber nicht mehr in dieser riesigen Form. Der Abschluss in Leipzig wird gigantisch – das Publikum ist dort immer besonders emotional, ich fühle mich den Leuten seit dem irren Konzert 1990 sehr verbunden. Danach werden wir sehen, welchen Kurs Captain Cook nächstes Jahr nimmt.

Was ist Deine dunkelste Seite?

Hm. Ich glaub, ich hab keine dunkle Seite. Höchstens meine Sonnenbrille. Mit der schütze ich die Menschen, damit sie nicht ohnmachten, wenn ich sie abnehme. Außerdem schirmt sie mich ganz gut ab, ich bewahre damit meine Intimsphäre – so wie Jogi, wenn er sich unbeobachtet fühlt und sich in die Hose greift.

Trotz allen Schutzes: Du nimmt die Sonnenbrille häufiger ab als früher. Hat das einen Grund?

Das liegt sicher daran, dass die neuen Songs ganz besonders persönlich sind, da möchte ich auf Tournee den Leuten ungefiltert in die Augen gucken, und sie sollen in meine sehen. In solchen Momenten gehe ich weg von meiner Fellini-Figur, vom Show-Udo. Das ist ist mir wichtig.

Es gibt noch Tickets

f Lindenberg in Leipzigs Red-Bull-Arena: am 25. Juni ausverkauft, am 26. Juni inklusive Public Viewing des EM-Achtelfinals um 18 Uhr. Karten ab 31,40 Euro (Sonderpreis für Abonnenten) u. a. auf www.lvz-ticket.de oder die gebührenfreie Hotline 0800-2181050 sowie in den LVZ-Geschäftsstellen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Auf dem Lutherweg

    Spannende Entdeckungsreise mit Martin Luther: Die LVZ pilgert zum Jubiläumsjahr der Reformation 2017 auf dem Lutherweg. mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Die Sparkasse Leipzig sucht für ihren Kalender 2018 die 12 besten Motive aus hunderten Einsendungen. Die Entscheidung fällt in einem Voting. Hier k... mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Titanic-Panorama im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Im Kindermuseum Leipzig dürfen sich Kids nach Lust und Laune ausprobieren, in historische Kostüme schlüpfen und erleben, wie es früher in Leipzig zuging. Das Abenteuer Zeitreise ist die Schau! des Monats Mai. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr