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Die Nerven und ihr Publikum feiern in Leipzig die Kapitulation

Konzert im Conne Island Die Nerven und ihr Publikum feiern in Leipzig die Kapitulation

An Vorschusslorbeeren war vor dem Auftritt der Band Die Nerven kein Mangel, weshalb sich unser Konzertkritiker am Dienstagabend misstrauisch ins Conne Island aufmachte. Es dauerte indes keine Viertelstunde – und die Gruppe hatte auch ihn von ihrer schmucklosen, rohen Musik überzeugt.

Hampeleien gehören nicht zu ihrem Konzept: Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn (von links) im Conne Island.

Quelle: Franziska Barth

Leipzig. Selten ist es so einfach, den eigenen Beißreflex auszuschalten, wenn Musikjournalisten mal wieder von „der besten Live-Band“ und dem „wichtigsten Album“ berichten, wie beim Tourstopp von Die Nerven im Conne Island. Menschenvoll bis hinters Technikpult wird hier im Rausch von düsteren Akkordschrammeleien und dem Overload der Bühnenbeleuchtung eine Band gefeiert, die aufs Zerschellen hin metertief in ihre eigene Musik fällt. Schmucklos, roh, mit einer egalitären Attitüde, die sich völlig aufs Tonale konzentriert und Hampeleien außen vor lässt. Kaum Ansagen, kaum Interaktion, dafür ekstatisches Dreschen und Prügeln: Während Max Rieger in wüsten Abschlägen den Rücken überm Griffbrett krumm macht und Julian Knoth sich an vier Basstöne klammert, klebt der Lichtmischer die Strobotaste mit Gaffa fest – eine Orgie aus Krach und Flackern nach nur 15 Konzertminuten.

Im Anschluss wird die Achtelprügelei gegen Minimalgroove getauscht, „Barfuß durch die Scherben“ hat zwischen Indie und Postpunk alles, was fürs gepflegte Abgehen herhalten kann. Das Video zum Song geht glatt als Hommage an „Smells Like Teen Spirit“ durch, und wenn man mag, kann man die Rotzigkeit der ersten Nirvana-Jahre auch auf der Island-Bühne entdecken. Zumal Drummer Kevin Kuhn, wenn er an den Fellen ausrastet und die schwarzen langen Haare um sich schmeißt, ein perfektes Double des jungen Dave Grohl abgäbe.

Das gleiche Riff, das gleiche Riff, das gleiche Riff

Stoisch gehen Gitarre und Bass das gleiche Riff durch, das gleiche Riff durch, das gleiche Riff durch. Das ist keine Redundanz, verdammt, das ist Atmosphäre. Nichts für Indiekids mit Pop-Ohren oder strukturverliebte Strophe-Refrain-Didakten, sondern für Zuhörer, die beim Konzertbesuch noch auf das Momentum warten und nicht nur die Platte abrufen wollen.

Auffällig: Männer in Überzahl, die kühlen Schwerfälligkeiten und stechenden Alltagsaufnahmen der Nerven-Lyrik pieksen unter den Bärten durch die Wollpullis zweier Generationen alternativer Herren. „Ich habe Angst vor Begebenheiten, Ängste vor Situationen, obwohl ich weiß, dass diese Ängste sich überhaupt nicht lohnen“, schallt es durch den Saal. Zustimmendes Mitsingen und viel Bewegung in den vorderen Reihen. Schubsen, tanzen, Wut rauslassen. Die Nerven treffen den Nerv der vom Zweifel zerfressenen zweiten Coming-of-Age-Dekade der Twenty-Somethings. Punk war ja schon immer gut für Schlachtrufe, mit dem Unterschied, dass die Arme, die an diesem Dienstagabend in die Höhe fliegen, nicht den Kampf feiern, sondern die Kapitulation.

Sahnebonbon des Postpunks

Die Nerven haben eine schmutzige Aura, eine Bühnenpräsenz befreit von Gefälligkeit und Anbiederung mit sichtbarer Anti-Haltung gegen „Konfirmanden und Konformisten“, wie die Spex das mal zusammengefasst hat. Bei der auch dann nicht zurückgerudert wird, wenn es gegen das eigene Publikum geht: Als Rieger mit dem Zeigefinger vorm Mund eine Kunstpause in absoluter Stille andeutet, kann eine Handvoll unter Indie-Frisuren versteckter Ballermänner sich das Reinrufen von „Ausziehen“-Schenkelklopfern nicht verkneifen, was vom Nerven-Gitarristen kurzerhand mit dem Mittelfinger in Richtung Zuhörerschaft quittiert wird.

Wenn „authentisch“ ein ausgelutschtes Adjektiv für Kritikerlieblinge ist, dann sind Die Nerven das Sahnebonbon des Postpunks, die Leckmuschel einer jungen Musikergeneration contra hipstereske Selbstdarstellung. Die live nicht nur wiedergeben – sondern erschaffen.

Von Tobias Ossyra

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