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Die Projektitis und ihre Symptome: Die Leipziger Kulturförderung könnte effizienter sein

Die Projektitis und ihre Symptome: Die Leipziger Kulturförderung könnte effizienter sein

Als freier Stepptänzer ist er schon lange erfolgreich. Aber manchmal tanzen dem Leipziger die Zahlen vor Augen. Dann, wenn er eines seiner öffentlich geförderten Projekte abrechnet und den dazugehörigen Finanzbericht schreibt.

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Dirk Förster

Quelle: André Kempner

Sebastian Weber tanzt. "Das ist hochkomplex und sogar für Steuerberater schwierig", sagt Weber.

Weber, der wie viele der freien darstellenden Künstler nicht allein von seinen Auftritten lebt und noch als Tanzlehrer arbeitet, ist keiner, der jammert. "Ich bin dankbar, dass ich so viel Anerkennung erfahre", sagt er über die Förderung. Es geht auch nicht zwingend um mehr oder weniger Geld, worauf die Förderdebatte gern verkürzt wird. Aber Weber ist einer von denen, die sich fragen, ob das vorhandene Geld sinnvoll eingesetzt wird. Die Komplexität der Abrechnung ist da nur ein Aspekt im Förderdickicht.

Von "Projektitis" spricht Dirk Förster, wenn er sich die Auslastung der Künstler anschaut. Förster ist Geschäftsführer des Loffts in Lindenau, Produktions- und Spielstätte für Performance und Tanztheater. Die meisten darstellenden Künstler stecken "im Hamsterrad", sagt Förster. "Man muss permanent produzieren, um Einnahmen zu generieren. Zeit, um die eigene Arbeit zu reflektieren oder langfristige Strategien zu entwickeln, bleibt kaum." Deshalb plädiert er für das Instrument einer mehrjährigen Konzeptförderung. Ein Künstler kann sich dann über einen längeren Zeitraum auf seine Entwicklung konzentrieren. Ein Modell, das es in Leipzig nicht und in Sachsen nur in geringem Umfang bei der Kulturstiftung des Freistaates gibt, in anderen Bundesländern aber praktiziert wird.

Förster und Weber halten auch eine Gastspielförderung für sinnvoll. Eine ohnehin öffentlich kofinanzierte Produktion wird so einem größeren Publikum zugänglich - zu relativ geringen Zusatzkosten. Nebeneffekt für die Künstler: Die Lebensphase des Stücks verlängert sich. Was den Produktionsdruck mindert und sich in der Folge qualitativ bemerkbar machen kann. Lofft-Sprecher Sebastian Göschel: "Wer zu viele Projekte starten muss, hat irgendwann nichts mehr zu erzählen."

Um überregionale Kooperationen bemüht sich das Lofft ohnehin verstärkt. "Austauschformate sind sicherlich zukunftsweisend", sagt Förster. Im Juni hatte das Lofft den Tanztausch zwischen Leipzig, Köln und Tilburg mitorganisiert. Kommenden Februar wartet dann "Dance.Transit", von Häusern in Leipzig, Dresden und Prag auf die Beine gestellt.

Neue Instrumente setzen nicht unbedingt ein größeres Fördervolumen voraus. Aber die Politik muss entscheiden, welche Strukturen und Kriterien gelten, in welchem Verhältnis Breiten- und Elitenförderung stehen sollen. "Gießkanne oder Leuchtturm", sagt Weber dazu. In Leipzig ist eher die Gießkanne am Werk. Spitzenförderung sei schwierig, so lange freies Theater vor allem mit einem "soziokulturellen Touch" behaftet sei, glaubt Förster.

Spitzenkünstler sind so kaum zu halten. Viele setzen auf einen anderen Brotberuf oder verlassen die Stadt. "Dadurch baut sich kein Know-how auf", sagt Weber. Und es fehlen die Gesichter mit überregionaler Strahlkraft, die letztlich der Stadt einen Imagegewinn bringen. Förster: "Was man aufgebaut hat, wird nicht wirksam." Vielleicht funktioniert das ja künftig mit Alma Toaspern, die mit dem Lofft eine Produktion anpeilt. Sie hat ihre Wurzeln in Leipzig und im Leipziger Tanztheater und kehrt nach einer hochkarätigen internationalen Ausbildung zurück, erklären die Lofft-Macher.

Der Blick über die Landesgrenze ist nicht nur hinsichtlich der Förderstrukturen lehrreich. Es gibt weitere Ansätze, um die freie Szene zu stärken. In Nordrhein-Westfalen etwa bündelt das "Landesbüro Tanz" die Interessen der Szene. Ein Veranstaltungskalender veröffentlicht spartenübergreifend alle Tanztermine im Land. "Das ist weit über NRW hinaus bekannt", sagt Förster. Damit werde einem Hauptprobleme der freien Szene begegnet: sich über das eigene Umfeld hinaus sichtbar zu machen. Er glaubt, ein Tanzkalender könnte auch in Sachsen funktionieren. "Die Vielfalt, die es hier gibt, lässt sich gut am Sächsischen Tanzpreis ablesen."

Der Ursula-Cain-Preis, so nennt sich der Tanzpreise offiziell, wurde vom sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst Ende vergangenen Jahres ausgerufen, das Lofft fungiert als Ausrichter. Anfang 2015 wird der erste Sieger gekürt. Die Dotierung mit 10 000 Euro teilt sich auf in Siegprämie und eine Gastspielförderung im Freistaat. Finanziell engagiert sich die Sparkassen-Versicherung Sachsen - der Gemeinschaftsauftritt der Tanzszene macht sie für Sponsoren interessanter.

Im Wettbewerb treffen Inszenierungen der freien Szene auf Stücke von Stadt- und Staatstheatern. Kurz: Es geht um Ästhetiken, Technik und Qualität - unabhängig von den Produktionsbedingungen. "Beim Sächsischen Theatertreffen im Mai haben wir uns noch gefreut, dass erstmals zwei Produktionen der freien Szene außer Konkurrenz laufen durften", sagt Göschel. "Jetzt sehen wir den Tanzpreis, wo das selbstverständlich zusammen funktioniert." Vielleicht ein Impulsgeber für weitere Kooperationen über die Sphärengrenzen hinweg. Auch weitere Koproduktionen sind denkbar, wie sie Lofft und Theater der Jungen Welt vor einem Jahr mit dem Stück "Schräge Wege" umgesetzt haben.

Verbesserung kann sich Förster auch bei der Künstlerberatung vorstellen. Er denkt an eine Anlaufstelle analog zur neu geschaffenen städtischen Kontaktstelle für Kreativwirtschaft. Derzeit beraten Vereine wie das Lofft auch Künstler, mit denen sie nicht direkt zusammenarbeiten. "Wenn man den Gemeinschaftsgedanken pflegt, muss man Know-how auch rausgeben", sagt Göschel. Das reicht von rechtlichen Fragen bis zu Konzepten, wie Stücke vermarktet werden können. Die Masse der Anfragen sei, so die Lofft-Macher, aber nebenbei nicht zu bewältigen. Da geht der Blick neidvoll nach Berlin, wo das Performing Arts Programme (PAP) vernetzt, unterstützt und Lobby-Arbeit betreibt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.12.2014
Dimo Rieß

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