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Die Psyche der Wolken: Jörg Kachelmann macht auf Internetplattform Youtube wieder Wetter

Die Psyche der Wolken: Jörg Kachelmann macht auf Internetplattform Youtube wieder Wetter

Ob Jörg Kachelmann nach seinem Freispruch im Vergewaltigungsprozess wieder im Fernsehen auftritt, ist so klar wie typisches Novemberwetter. Im Internet ist er jetzt schon.

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Quelle: dpa

Leipzig. Mit Filzstift-Wetterkarten erklärt er auf der Video-Plattform Youtube, was auf uns zukommt. Charmante Improvisationen, die an die Frühzeit des Fernsehens erinnern.

Wer schlechte Nachrichten überbringt, sollte wenigstens höflich sein. Das weiß auch Jörg Kachelmann. „Herzlich willkommen zu einer Deutschland-Wettervorhersage auf dem Youtube-Kanal ,Wetterkachelmann‘“, sagt der 53-Jährige mit offenem Hemd überm Ringel-T-Shirt. Mit schwarzem Filzstift hat der Moderator ein Regenband markiert, das von West nach Ost über die Republik zieht. Rot ist die Hoffnung, sprich aufgelockerte Bewölkung, die den Osten aber wohl erst in der Nacht erreicht. Nach drei handgemalten Wetterkarten – 8 Uhr, 14 Uhr, 20 Uhr – gibt es noch eine 15-Tage-Prognose mit finsteren Ausssichten für den 10. August, an dem sich die Temperaturen „in der Nähe des Kälterekords“ aufhalten sollen.

Jörg Kachelmann ist wieder beim Wetter. Youtube, die Video-Wundertüte im Internet, macht’s möglich. Manchmal bringt sie Sternchen hervor, die es auch draußen schaffen. Bei dem Schweizer ist es umgekehrt:  Seit dem 10. Juli sendet der bekannteste deutschsprachige TV-Wetterfrosch online. Ob er jemals wieder den Wetterbericht für die ARD moderieren wird, ist auch nach seinem Freispruch unklar. Hier im Netz gibt er den Billig-Wetterfrosch mit selbstgemalten Wetterkarten – und interessanten Einblicken, zum Beispiel in die Psyche einer Wolke: „Wenn die Wolke denkt, ja ich möchte regnen, aber sie schafft es gerade noch nicht, dann ist das der Moment, wo man mit einer Silberjodid-Impfung erreichen kann, dass sie ausregnet.“

Die Ästhetik erinnert in ihrer archaischen Subversion an das Video zu Bob Dylans „Subterranean Homesick Blues“ aus dem Jahr 1965, bei dem der Meister Schlüsselwörter, auf weiße Blätter geschrieben, in die Kamera hält. Ironische Pointe: In dem Lied kommt die Zeile „Du brauchst keinen Wettermann, um zu wissen, wie der Wind weht“ vor.

Das aber sieht man im Lande anders: Aus einfachen Karten mit Kalt- und Warmfronten, Azorenhoch und Islandtief ist ein verwirrender Spuk mit Regenwahrscheinlichkeiten, gefühlten Temperaturen und Unwetter-Inflation geworden. Früher krähte der Hahn auf dem Mist, heute lärmt er auf allen Kanälen. Wetterfeen tanzen vor virtuellen Gemengelagen, verschieben Wolken, lassen Blitze zucken. Wetter ist eine Show. Rund 20 private Dienste gibt es allein in Deutschland, sie produzieren für Funk und Fernsehen oder sind im Internet aktiv, mit Seiten wie Donnerwetter.de, Wettergefahren.de, Niederschlagsradar.de oder Glaette24.de. „Wir haben wieder Wetter, Wetter, Wetter“, ulkte einst Mirco Nontschew als verwirrter Meteorologe in der RTL-Samstagnacht-Show. Und damals war die Lage am Himmel noch vergleichsweise übersichtlich.

Die Meteo-Group, nach eigenen Angaben größter privater Wetterdienstleister Europas, bietet heute unter anderem Satelliten- und Wolkenfilme, Radar-, Isobaren- und Blitzanimationen oder 3D-Flüge an. Auf der Homepage der 1999 gegründeten Kieler Wetterwelt GmbH heißt es: „Rainer Krause leitet die Medienproduktion...Er spielt virtuos auf der Klaviatur der Bilder und Töne und kann auch schon mal aus Nichts großes Kino zaubern.“

Angesichts derlei Hokuspokus wirkt Kachelmanns kleines Kino zuverlässig und gemütlich. Wo dreht er diese kultigen Drei-Minuten-Spots, die an die Frühzeit der Wetterberichterstattung erinnern, als ein Uwe Wesp im ZDF noch mit Kreide das Wetter von morgen an die Tafel malte? „Wo ich mich gerade befinde. Bald öfter auch draußen“, sagt er dieser Zeitung. Er brauche dafür „eine Kamera, Stativ, Mikro, Papier, Filzstifte.“ Man spürt deutlich: Dem Mann hat das Spiel mit der Kamera gefehlt, nach 132 Tagen in Untersuchungshaft und fragwürdiger medialer Ausleuchtung seines Privatlebens. Während sein Anwalt eine einstweilige Verfügungen gegen die Ex-Geliebte erwirkte und Schadenersatzforderungen vorbereitet, widmet sich der Gründer der Schweizer Meteomedia AG wieder dem Kerngeschäft. Die Frage, ob der Hauptgrund für seine Youtube-Präsenz die pure Lust an der leibhaftigen Wettervorhersage sei, beantwortet er trocken: „Ja.“ Die Resonanz sei „für den Anfang überraschend gut“, sagt er. „Ich bin gespannt, ob die Menschen dabei bleiben, womöglich zahlreicher werden, dann würden wir ab September in den Regelbetrieb gehen.“ Über 2700 Abonnenten hat der Kanal bislang, fast 50.000 Mal wurde er schon aufgerufen.

Das witzige Billigwetter sollte allerdings nicht über die Ambitionen von Kachelmanns Unternehmen hinwegtäuschen. „Meteomedia bewirbt sich darum, auch ab 2012 Daten- und Vorhersagelieferant der ARD zu bleiben, damit auch weiterhin keine Orkane oder eine neue Elbeflut verschlafen werden“, sagt der Schweizer. Und mit dem Filzstift wird er dabei wohl nicht antreten.

Jürgen Kleindienst

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