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Die Schauspielerni Ellen Hellwig - die Geschichte einer Heimkehr

Die Schauspielerni Ellen Hellwig - die Geschichte einer Heimkehr

"Mein Zuhause", sagt Ellen Hellwig. Dann schwingt die Tür auf und gibt den Blick frei auf die Reihe der Schminkspiegel, die Stange mit Gewändern, schon in Stellung gebrachte Kleinigkeiten für die Abendprobe.

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Ellen Hellwig in ihrer Garderobe im Schauspiel.

Quelle: André Kempner

Eine Garderobe im Schauspiel. Ihr Zuhause. Und dass sie die Garderobe so nennt, und nicht die Bühne, wie es andere Schauspielerinnen ihres Formats getan hätten, sagt viel.

40 Jahre hat Hellwig sich hier für die Rollen umgezogen, geschminkt. Für die Lola aus "Heute Abend Lola Blau", für Agaue, für die Sophie in Brechts "Baal", für die Klytaimnestra in Wolfgang Engels "Orestie". Rollen, an die sie sich besonders gern erinnert. Seit 1971, gleich nach dem Studium in Leipzig, spielte sie hier. Eine selten beständige Karriere in dieser Branche der Wandervögel. Spät, Mitte 60 war sie schon, da kam er dann doch noch, der künstlerische Umzug. Enrico Lübbe, damals noch Schauspieldirektor in Chemnitz, hatte ihr ein Angebot gemacht, nicht das erste Mal. Hellwig sagte zu, blieb in Leipzig wohnen, pendelte. Dass die Fahrt eines Tages wieder ins Schauspiel nach Leipzig gehen würde, ahnte sie nicht.

Desto größer ist die Freude jetzt. Die wechselseitige Sympathie im neu zusammengestellten Ensemble sei sofort spürbar gewesen. "Ich glaube, Enrico Lübbe wählt die Schauspieler so aus, dass es passt", sagt Hellwig. Sie kennt es auch anders, den Ellenbogenkampf um Rollen, mühsame Konflikte. Die können nicht ausbleiben, doch ist für Hellwig die Form, wie sie ausgetragen werden, entscheidend. "Lübbe", sagt sie, "Lübbe hat ganz klare Vorstellungen, wie ein Stück aussehen soll, wenn die Proben beginnen". Aber er nehme Rücksicht, höre den Schauspielern zu. "Ich finde ihn großzügig", sagt sie - nicht ohne wenig später mit verschmitztem Lächeln einen Satz folgen zu lassen, der schon fast klingt wie eine Weissagung aus einem antiken Drama: "Er ist stärker, als er aussieht."

Hellwig hat mit Konstanze Lauterbach und Dietrich Kunze gearbeitet. Mit Wolfgang Engel, der viel Wert auf die Sprache gelegt habe, und Armin Petras. Sie hat den Wandel am Stadttheater erlebt, regionale Entwicklungen. "Als ich 1970 in Berlin Theater gesehen habe, war ich begeistert und überrascht, wie natürlich die Schauspieler gesprochen haben", sagt sie. Später, etwa bei Petras, wurde das Spiel wichtiger als das Sprechen. "Heute müssten die jungen Leute wieder mehr auf die Sprache achten", glaubt sie.

Hellwig kann viele Vergleiche ziehen. Aber natürlich wird sie immer wieder nach Sebastian Hartmann gefragt, dessen Ensemble sie nach zwei Spielzeiten verließ. Sie will ihn nicht schlechtmachen und meint es ernst, wenn sie ihm Genialität bescheinigt. Aber da sei eben auch immer der Hang zum Destruktiven. Hellwig erinnert sich an die Proben zu "Arsen und Spitzenhäubchen". "Das Stück ist so toll geschrieben, aber nach drei Wochen musste Hartmann es zerschlagen."

Den Wechsel nach Chemnitz hat sie als Befreiung empfunden. Wohl auch, weil er Erfahrungen jenseits des Künstlerischen brachte. "Ich hatte meine Lehr- und Wanderjahre erst im hohen Alter", sagt sie heute über die Zeit und bezieht sich auch auf spätabendliche Zugfahrten unter Betrunkenen, überraschende Begegnungen in der Chemnitzer Wartehalle mit Menschen, die sie im Theater nie getroffen hätte. Die Randfiguren der Gesellschaft, an denen man sonst vorübergeht.

Am 4. Oktober steht Ellen Hellwig erstmals wieder vor ihrem Leipziger Publikum auf der Bühne, in "Des Meeres und der Liebe Wellen". "Ein schönes Stück", sagt sie, eines von Grillparzer, "wie Romeo und Julia". Eine Liebe, die nicht sein darf. Und: "Ich spiele eine Mutter, wie sie nicht sein soll."

Die Verwandlung, die im Spiel ihre Vollendung findet, beginnt in der Garderobe. Für Hellwig eine Schleuse zwischen Privatperson und Bühne. Und ganz nebenbei fällt der Satz: "Hier fühle ich mich noch sicher." Das überrascht nach mehr als vier Jahrzehnten Erfahrung und Erfolg. Man muss nicht lange herumfragen oder in Archiven kramen, um eine stattliche Liste der Bewunderer zu erstellen. "Ich habe sie immer nur gut gesehen", erinnert sich eine Kritikerin. Hellwig weiß das alles. Trotzdem: "Ich werde eher unsicherer." Von Routine will sie nichts wissen. "Ich finde Routine ganz furchtbar, die darf in diesem Beruf nicht sein." Erst die eigene Offenheit und Unsicherheit erlaube es, auf den Bühnenpartner richtig einzugehen.

Lebenserfahrung hingegen hilft. "Es ist wichtig, dass man gelitten hat. Vieles muss man sich dann nicht mehr erspielen", sagt Hellwig. Sie hat persönliche Krisen durchlitten. Jetzt, mit den Jahren, sei sie als Mensch freier geworden. Zuvor haben die Rollen in schweren Phasen geholfen, dann spürte sie die Kraft des angenommenen Charakters, den Mut der Antigone oder die Klarheit der Maude aus "Harold and Maude", die ihr Glück genießt und selbst einen Schlussstrich zieht, bevor es zerfällt. Hellwig will das nicht als Vorbild missverstanden wissen, schätzt aber die Konsequenz der Handlung. Auch die Leichtigkeit liebt sie: "Ich spiele sehr gern komische Rollen." Heute verzweifelt sie eher an der Menschheit im Ganzen. "Wir schaffen es nicht, ständig gibt es Kriege."

Hellwig ist selbst ein Kind des Krieges. 1946 wurde sie in Norwegen geboren. Der Vater ein Deutscher, Teil der Besatzungsmacht, die Mutter eine junge Norwegerin. Die Kindheit hat Hellwig in Norwegen verbracht. Zufällig hat sie die Briefe ihres Vaters aus dieser Zeit gefunden. "Aus ihnen spricht die wunderbare Hoffnung von damals, dass es nie wieder Krieg geben soll", erzählt sie.

Hellwig war acht, als der Vater die Familie nach Leipzig holte. Zu Messe-Zeiten in der DDR, wenn westliche Ausländer nach Leipzig strömten, lauschte sie den skandinavischen Sprachen. "Aber ich hatte nie den Mut, jemanden anzusprechen." Die Sehnsucht nach Norwegen hat sie immer begleitet. Als Kind mag sie Triebkraft gewesen sein, sich in fremde Welten zu träumen. "Ich denke, dass ich deshalb zum Theater gegangen bin."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.09.2013

Dimo Rieß

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