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Die Schönheit der geballten Faust: HGB untersucht das Protestmittel Zeichnung

Die Schönheit der geballten Faust: HGB untersucht das Protestmittel Zeichnung

Es ist eine Frage des Standpunktes: Das Wort Protest kann so einen wunderbar aufreizenden Klang haben oder aber apokalytische Visionen heraufbeschwören. Doch ganz frei vom Aufbegehren ist wohl kaum ein Mensch.

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Reportagezeichnung von Enrique Flores aus Madrid, entstanden im Dezember 2012 bei einer Demonstration gegen eine Verhaftung.

Quelle: HGB

Denn: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Eine spezifische künstlerische Dimension des Dagegenseins wird gerade in einem Projekt an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgelotet.

2011 war ein Jahr, in dem es weltweit eine Welle von Protesten gab - die Arabellion, die ebenso überraschenden Occupy-Aktionen, Massendemonstrationen in Südeuropa, Lateinamerika, Israel, aber auch Russland. So breit diese Bewegung war, so unterschiedlich waren die Anlässe des Unwillens und auch die Ausdrucksformen des Aufbegehrens. Auch wenn die Situation inzwischen etwas ruhiger geworden ist, an manchen Brennpunkten wie Nordafrika gar in Enttäuschung umschlug, so bleibt angesichts der nirgendwo gelösten Probleme doch anzunehmen, dass die Zeit der großen Proteste keineswegs am Ende ist. An all den Schauplätzen, dazu darf man ruhig auch das immer noch saturierte Mitteleuropa zählen, spielten und spielen ästhetische Mittel unterschiedlichster Art eine Rolle, vom Punk-Gebet in einer orthodoxen Kirche bis zum aufwändigen Fernsehfilm.

Für Olga Vostretsova, die als Studentin für "Kulturen des Kuratorischen" an der HGB die Projektwoche unter dem Titel "Im Zeichen des Protests/Drawing Protest" organisiert hat, geht es aber ganz konkret um das Medium der Zeichnung. Zwar scheint diese Art der Kunstarbeit sich gerade vom Image des Wasserträgers für andere Gattungen zu befreien - mehrere aktuelle Ausstellungen in Leipzig stehen für diese Emanzipation - doch im Zusammenhang mit dem knallharten Thema des Widerstandes scheinen Bleistiftstriche auf Papier doch allzu leichtgewichtig zu sein.

"Für uns steht die Reportagezeichnung als Berichterstattung im Vordergrund." Das hört sich im Zeitalter von Smartphones mit HD-Kamera, Youtube und Facebook anachronistisch an. Ist der Beweis von Missständen und Gräueltaten als Foto und Video nicht wesentlich mehr wert? Was soll da diese von vornherein subjektiv angelegte Zeichnung bewirken? "Gerade jetzt gewinnt das wieder an Aktualität. Das hängt auch zusammen mit der Manipulierbarkeit der digitalen Medien."

Die Möglichkeit der Verfälschung, und sei es nur durch geschickte Wahl des Ausschnittes, ist heute Allgemeinwissen. Aber Zeichner als unbestechliche Objektivisten? "Natürlich ist die Zeichnung subjektiv. Doch eine Kamera hat immer nur eine Blickrichtung, der Mensch nimmt die Situation rundum mit allen Sinnen wahr und wählt dann aus, was ihm davon wichtig erscheint."

Der gegenwärtige Boom von Graphic Novels ist eine Art dieser zeichnerischen Auseinandersetzung; Illustrationen für Zeitungen, Trickfilme sowie interaktive, nichtlineare Projekte im Internet sind einige von weiteren Formen. Entsprechend ist das Programm der Arbeitswoche angelegt. Olga Vostretsova hat unter Mentorschaft von Oliver Kossak international bekannte Akteure dieser Szene(n) eingeladen. Während am eigentlichen Workshop rund 25 HGB-Studenten teilnehmen, bemerkenswerterweise aus diversen Fachrichtungen, sind viele Vorträge, Filme, Lesungen etc. offen für alle Interessierten. Gestern waren mit Max Baitinger und Marcel Raabe zwei bekannte Produzenten von Comic-Reportagen zu Gast. Ein Höhepunkt wird zweifellos auch am Sonnabend das Gespräch mit Enrique Flores werden. Er hat die exakt vor zwei Jahren begonnene und weiter anhaltende "Movimiento 15M" gegen Bankenmacht und Spardiktate in Spanien zeichnerisch begleitet.

Proteste haben normalerweise ein eingegrenztes Ziel. Wogegen werden die Teilnehmer des Workshops nächste Woche auf die Barrikaden gehen? Und welche Programmatik hat die Revolution, die möglicherweise im Herbst nach der abschließenden Ausstellung in der Galerie Zeitgenössische Kunst in Leipzig ausbricht? "Wir wollen keine Revolution anzetteln. Das ist ja immer auch sehr schmerzhaft, einen gewaltfreien Umbruch wie in der DDR 1989 wird es wohl nicht mehr geben. Die Zeit der Utopien ist sowieso vorbei." Doch Wünsche und Gründe zum Widersetzen bleiben in ausreichendem Maße.

Workshop-Ausstellung am 17. Mai ab 18 Uhr, Gesamtprogramm unter www.hgb-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.05.2013

Jens Kassner

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