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Die Sinnlichkeit des Henri Dutilleux

100. Geburtstag Die Sinnlichkeit des Henri Dutilleux

Er gehört zu den meistgespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Große Orchester weltweit stellen seine Werke aufs Programm: sein kühn konstruiertes „Métaboles“, sein Violinkonzert und das für Mstislaw Rostropowitsch geschriebene Cellokonzert „Tout un monde lointain …“. Vor 100 Jahren wurde Henri Dutilleux geboren.

Der französische Komponist Henri Dutilleux.

Quelle: dpa

Leipzig. Der Anti-Boulez? Nein, Henri Dutilleux war zu höflich und zu distinguiert, er hätte diese Bezeichnung zurückgewiesen. Und ein bisschen bedeutet es Wühlen in den Schlachten der Vergangenheit, wenn man den Komponisten, der am 22. Januar seinen 100. Geburtstag feiern würde, als Antipoden des großen Pierre Boulez bezeichnet, der vor wenigen Tagen erst, am 5. Januar, 90-jährig gestorben ist. Doch hat die Gegenüberstellung dieser beiden Franzosen (denen in ihrer Zeit wohl nur Messiaen an Bedeutung zur Seite zu stellen wäre) einiges für sich, auch wenn sie in den letzten Jahrzehnten immerhin ein höflich-distanziertes Verhalten zueinander an den Tag gelegt hatten.

Das war in jüngeren Jahren, um 1950, noch anders: Während Boulez zu denen gehörte, die den letzten Rest an musikalischer Tradition wegzusprengen gedachten und mit dem Serialismus eine ganz neue Grammatik ertüftelten, schrieb der neun Jahre ältere Dutilleux – Sonaten und Symphonien! Größere Gegensätze scheinen kaum denkbar, entsprechend eisig war das Klima. Und obwohl beide Jahr um Jahr ihren Horizont erweiterten, blieben ästhetische Differenzen bestehen. Dutilleux hat mehrfach recht offen von der einengenden Wirkung des seriellen Dogmas auf jüngere Komponisten berichtet, die er etwa als Juror beobachten konnte.

Konstruktion und Sinnlichkeit

Dabei ist er nie ein bornierter Reaktionär gewesen, konnte die Qualitäten vieler Musikrichtungen würdigen, bis hin zum Jazzgesang einer Sarah Vaughan. Am Serialismus schätzte er die Strenge der Konstruktion, die er sich für seine ganz anders geartete Musik ebenfalls als Messlatte nahm. Denn die recht wenigen Werke, die Dutilleux in seinem langen Leben hinterlassen hat (er ist 2013 mit 97 Jahren gestorben), sind aufs Feinste gearbeitet. Und das hat sich herumgesprochen. Zuerst mehr in Westeuropa und den USA, wo Dutilleux viele bedeutende Aufträge erhalten hat, doch seit etlichen Jahren auch in Deutschland. Heute gehört er wohl zu den meistgespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Große Orchester weltweit stellen seine Werke aufs Programm: sein kühn konstruiertes „Métaboles“ etwa, sein Violinkonzert und allen voran das für Mstislaw Rostropowitsch geschriebene Cellokonzert „Tout un monde lointain …“.

Dutilleux hat es sich in keine Richtung einfach gemacht. Weder verschwand er in jenem Elfenbeinturm der gelehrten Tonsetzerei, in dem es sich manche Komponisten so behaglich gemacht haben, noch lieferte er den Zuhörern billige Befriedigung. Seine Kunst vereint Konstruktion und Sinnlichkeit. So kann sie heute von unterschiedlichen Richtungen aus geschätzt werden und zählt zu dem wenigen, das sowohl die Fans Neuer Musik als auch das breite Konzertpublikum anspricht.

Erlesenen Klanggedichte

Diese Werke sind bildlich – und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Dutilleux, dessen Urgroßvater Constant Dutilleux ein Maler im Umfeld von Delacroix war, hat sich auch optischen Reizen hingegeben, kalligraphisch schöne Partituren erstellt. Am schönsten vielleicht in seiner Van-Gogh-Komposition „Timbres, espace, mouvement“ für Orchester. Ebenso wichtig war ihm die Literatur, zu allererst Baudelaire und Proust. Aus solchen Quellen schuf er in minutiös langsamer Arbeit seine eigenen erlesenen Klanggedichte. Dass er so lange brauche, hat er einmal kokettiert, liege gar nicht an Genauigkeit, sondern an der Belastung durch die vielen anderen Aufgaben, die Brotberufe in Rundfunk und Lehre, die er ernst nahm. Seine Musik ist klangfarbenbetont, genau durchgearbeitet und darin stets charakteristisch. Das freilich ließe sich auch von Pierre Boulez sagen.

Konzerttipp: 25./26. Februar 2016, Großes Concert des Gewandhausorchesters mit Alan Gilbert. Neben Werken von Schumann und Sibelius steht „Métaboles“ auf dem Programm. Infos und Restkarten: 0341-1270280, www. gewandhaus.de.

CD-Tipp: Henri Dutilleux, The Centenary Edition, Erato. Die wichtigsten Werke im (auch preislich) attraktiven 7-CD-Set.

Von Benedikt Leßmann

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