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Die Sprache der Lüge ist laut

Sachbuch Die Sprache der Lüge ist laut

Das neue „Kursbuch“ widmet sich dem Thema „Lauter Lügen“. Die Autoren untersuchen Zustände und Begriffe und durchstreifen ein Gelände zwischen dem Achten Gebot und dem 45. Präsidenten der USA. Dabei geht es um Wahlkampf, Fake-News, Populismus.

Alle Lüge: Ein „Fake-Dollar“ mit dem Abbild des neuen US-Präsidenten Donald Trump wurde im Januar während der Amtseinführung verkauft.

Quelle: dpa

Leipzig. Die Lüge ist in aller Munde. Nahezu vertraut klingt sie als „Öko-Lüge“, „Cholesterin-Lüge“, fast vergessen als „Chemiewaffen-Lüge“. Sie kommt im Wort „Lügenpresse“ vor und in „Fake News“. Sie lässt sich definieren als „das bewusste Behaupten von Dingen, die nicht wahr sind“, und als menschlich entschuldigen. So ist sie Kitt und Sprengstoff gleichermaßen.

„Die Frage ist nur, wer diesen Sprachgebrauch ernst nimmt?“. Das fragt Soziologieprofessor André Kieserling in der druckfrischen „Kursbuch“-Ausgabe „Lauter Lügen“. Im Gespräch mit Herausgeber Armin Nassehi nennt er das Wort „Lüge“ ein „starkes Verbalsymbol“. Vielleicht ist sie deshalb in aller Munde: als schlagender Vorwurf zur Selbstverteidigung gegen das, was nicht geglaubt werden kann – wie auch als bewusste Finte.

Die Autoren des Buches, es sind Philosophen, Soziologen, Ökonomen, Biologen, Politologen, haben alle ihren Machiavelli gelesen, nähern sich aber von verschiedenen Seiten. Machen wir uns nichts vor, schreibt Matthias Hansl über „Lüge, Bluff & Co.“, mit der „demokratisch lupenreinen Inthronisierung“ des „Immobilienmilliardärs, politischen Quereinsteigers und notorischen Wahrheitsverdrehers Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist der liberaldemokratische Westen am Ende einer Politik angelangt, so wie wir sie kennen und sie uns in den Lebensstilfeuilletons der Qualitätspresse lange Zeit schöngemalt haben.“ Die Lüge, schreibt er, gehört auf einmal zum guten Ton, „Durchtriebenheit und Ruchlosigkeit gelten nun als Ausweis von Cleverness“. Das unmittelbare Ausagieren politischer Reflexe sei auf die Lüge angewiesen. Aber, hier zitiert er den Historiker und Totalitarismus-Experten Timothy Snyder:„Glauben Sie an die Wahrheit. Sich von der Wahrheit abwenden heißt, sich von der Freiheit abwenden. (...) Wenn nichts wahr ist, ist alles Spektakel.“

Zurück zu Nietzsche

In solch einem Spektakel lebt und wählt Europa. Die Lüge zu enttarnen, braucht es Interesse, Information, Wissen. Jemanden der Lüge zu bezichtigen, braucht es nur ein Wort. Das funktioniert. So wie eben ein Buchtitel „Die Cholesterin-Lüge“ schneller wirkt als etwa „Die Auseinandersetzung über Cholesterin und warum man nicht so richtig weiß, was man sagen soll, wenn man die Fachliteratur gelesen hat“, führt Armin Nassehi ins Feld. Ein Feld übrigens, auf dem derzeit weniger Schlachten geschlagen, als vielmehr Terrains abgesteckt werden. Auch, um zu einem Konsens zu finden, um in einer immer weniger homogenen Gesellschaft Gruppenzugehörigkeiten zu markieren. Dazu gehört es, denen, die anders denken, ihre Urteilsfähigkeit abzusprechen. Das kennt inzwischen jeder, der Facebook-Kommentare liest, Talk-Shows sieht, von Pegida-„Spaziergängen“ hört und all die Versuche erlebt, all das zu erklären.

Im „Kursbuch 189“ werden Zustände und Begriffe untersucht, wird ein Gelände zwischen dem Achten Gebot und dem 45. Präsidenten der USA durchstreift. Ein Gelände, so struppig, dass dort derzeit vor allem eines gedeiht: Populismus.

Dabei fallen öfter als der Name Trump die Namen Niccolò Macchiavelli (1469–1527), Immanuel Kant (1724–1804) und Friedrich Nietzsche (1844–1900). Man muss weit zurückgehen, um nach vorn schauen zu können. Politik und Philosophie statt Polemik. „Die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: Denn es entsteht hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge“, schreibt Nietzsche in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“.

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg)

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg.): Kursbuch 189: Lauter Lügen. Murmann Verlag; 188 Seiten, 19 Euro

Quelle: Murmann Verlag

Über die Sprache, die Unterschiede zwischen Gesprochenem und Geschriebenem reflektiert Nassehi. Er argumentiert, dass die Diskurse, die um politischen Populismus geführt werden, „die Semantik der Lüge stets dort“ nutzen, wo „Sprechkonventionen infrage gestellt“ werden. „Man kann fast von einem Kulturkampf um die Sagbarkeit von Sätzen sprechen.“ Es ist ein „Kampf um Sprechweisen“, und der „bezichtigt alles der Lüge, was dem Kritiker aufstößt“, schreibt Nassehi in seinem „Po:Pu:Lis:Mus“ betitelten Beitrag, der am Tag nach der Amtseinführung Donald Trumps entstanden ist.

Ohne ein Ende der Schriftkultur beschwören zu wollen, nennt er einen Verlierer: „Die argumentierende Schrift, das Auseinanderziehen von Mitteilung und Verstehen, die Sorgfalt fürs Interpretieren, die mit dem Buchdruck entstandene Idee der Gemeinschaft der ähnlich informierten Sprachgemeinschaften – all das hat keine Chance gegen die virile Oralität dessen, der einfache Sätze sagen kann, die man nicht verstehen, sondern nur wahrnehmen muss. Jedes längere Argument befindet sich aus dieser Perspektive im Verdacht der versteckten Lüge.“

Verloren zwischen Fakten und Fiktion

Die Kursbuch-Autoren erkunden den deutschen Alltag oder überprüfen die Legitimität der politischen Lüge, durchstreifen die Geschichte postfaktischer Autoritäten oder gehen der Frage nach, ob Tiere lügen können. Sie benennen Verantwortungslosigkeit in Unternehmen, und das Schlusswort hat der Kabarettist Gerhard Polt, der zitiert wird mit Fragen zur Wahrnehmung von Denkangeboten: „Wie konzentriert sind wir noch? Und auf was und wie? Und das wird zur Folge haben: Was kann man reflektieren und wie? Und das wird mitbestimmend sein.“ Mitherausgeber Peter Felixberger verweist auf unübersichtliche soziale Meinungsverteilung und unterschiedliche Begriffsdefinitionen bei populären Wahlkampfthemen wie „Soziale Gerechtigkeit“ Er sagt für die kommenden Monate „narrative Kleinkriege“ voraus.

Über allem steht das Problem der Unübersichtlichkeit in einer komplexer werdenden sozialen Umwelt. Populismus ist ein Aufmerksamkeitsgenerator – er schafft kein Verstehen. Was nicht verstanden werden kann, kann nicht geglaubt werden, was nicht zu glauben ist, kann oder soll eine Lüge sein. Jedes Kind denkt das, jeder Erwachsene weiß es besser. Eigentlich. Auf der Suche nach neuen Autoritäten überfordert die Masse an Fakten und Fiktion. In diesen Lärm aus Informationen und Meinungen mischen sich die Mittel der Aggression, der Grobheit und Vereinfachung. Mittel, die auf Instinkt zielen statt auf Verstand. Ein Mittel solcher Aggression ist die Lüge.

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen“, schreibt der antike Philosoph Epiktet in seinem „Handbüchlein der Moral“. Ist das auch wahr?

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg.): Kursbuch 189: Lauter Lügen. Murmann Verlag; 188 Seiten, 19 Euro

Von Janina Fleischer

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