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"Die Stimme der Lehrerin" – Minsker Autor Khadanovich bei der Leipziger Buchmesse

"Die Stimme der Lehrerin" – Minsker Autor Khadanovich bei der Leipziger Buchmesse

Am Donnerstag ist der weißrussische Autor Andrej Khadanovic in der Stadt, um seine Bücher bei der Buchmesse vorzustellen. „Alles in meinem Leben ist Poesie“, sagt er.

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Andrej Khadanovich ist ein weißrussischer Dichter und lebt in seiner Heimatstadt Minsk.

Quelle: Sylwia Bernacka

Leipzig. Von dem Kennenlernen der Eltern, den selbstverfassten Kurzgeschichten als Vierjähriger bis hin zu seinem heutigen Leben als Autor in seiner Heimatstadt Minsk, die er nie verlassen hat.

Andrej Khadanovich ist Sprachkünstler. Er kombiniert moderne Mundart mit traditionellem Weißrussisch. Sein neuestes Buch ist ein Band mit Kindergedichten. Es wurde zuerst in der Ukraine veröffentlicht. In seiner weißrussischen Heimat gibt es noch keinen Verleger. Wahrscheinlicher ist, dass die Gedichte auf Deutsch erscheinen, wie auch seine jüngeren Werke.

Khadanovich schreibt Poesie für Kinder. Als er selber ein kleiner Junge war, hat er seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Er schrieb eine Kurzgeschichte über Füße, Socken und Exkremente. Seine Mutter war nicht sonderlich begeistert, als der Vierjährige ihr die Geschichte zum Lesen gab. „Daraufhin war ich so entrüstet, dass ich 15 Jahre lang nichts mehr geschrieben habe“, erzählt Khadanovich mit einem Schmunzeln. 

Er kommt aus einem intellektuellen Elternhaus. Der Vater war Journalist, die Mutter eine kulturinteressierte Ingenieurin. „Wenn es die Poesie nicht gegeben hätte, wären sich meine Eltern nie begegnet“, sagt er. Sein Vater hatte sich damals als Literat versucht und den Bruder seiner Mutter, Khadanovichs jetzigen Onkel, durch Autorenkreise kennengelernt. „Mein Onkel hat die beiden dann einander vorgestellt.“

Den Großteil seiner Kindheit verbrachte Khadanovich im Zirkus und im Kino. In der Schule gab es ein Fach, vor dem er sich am meisten fürchtete: Es hieß „Weißrussische Literatur“.

„Wir hatten eine sehr cholerische Lehrerin in diesem Fach und mussten viele Gedichte aus der klassischen weißrussischen Literatur auswendig lernen. Immer, wenn wir beim Aufsagen des Gedichtes Fehler machten, hat uns die Lehrerin laut angeschrien“. Bis heute ist seine Beziehung zur klassischen belarussischen Poesie gehemmt: „Jedes Mal wenn ich ein klassisches Gedicht lese, höre ich es gleichzeitig durch die Stimme meiner Lehrerin.“ 

Heute ist Khadanovich, ein Mann von stattlicher Statur, rundem Gesicht, Ziegenbart und Brille. Er lebt nach wie vor in seinem Geburtsort Minsk. Viele seiner Kollegen sind wegen der Zensur und der Unterdrückung, die in Weißrussland herrscht, ins Exil gegangen. Für Khadanovich kommt das nicht in Frage. Er hat gelernt, sich in dem repressiven politischen System zurecht zu finden, vor allem aus Liebe zu seiner Muttersprache: „Ich würde meine Heimat nur im Extremfall verlassen“, sagt er.

Zum regierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko, häufig auch der „letzte Diktator Europas“ genannt, hat der Autor eine ganz eigene Meinung: „Lukaschenko hat die weißrussische Literatur gerettet, weil er so harsche Strukturen für die Existenz der Schreiber geschaffen hat, sodass sich nur die Autoren durchgesetzt haben, die am talentiertesten waren und am meisten an ihre Werke geglaubt haben“. Das sei keine Ironie, wie er erklärt. Natürlich kritisiere er auch die „Marionettenschreiber“, die im Auftrag des Präsidenten unter paradiesischen Umständen leben.

Khadanovich hat immer an seine Gedichte geglaubt. Die Veröffentlichung seiner Debütwerke hat sich der damals 30-Jährige selbst finanziert. Mit den Verkäufen konnte er die Ausgaben decken. Dass seine Bücher zuerst in der Ukraine veröffentlicht werden, ist für den Autor nichts ungewöhnliches mehr. Seine ersten zwei Gedichtbände, die er vor zehn Jahren herausgebracht hat, sind ebenfalls im Nachbarland erschienen, bevor sie in Weißrussland verlegt wurden. „Der ukrainische Buchmarkt ist besser entwickelt und ich hatte sehr viele Freunde unter den ukrainischen Autoren, so dass meine ersten Werke übersetzt werden konnten“, erzählt der Autor.

In Minsk hingegen gäbe es vor allem staatstreue Verleger, die unangepassten Autoren das Leben erschweren würden, erklärt Khadanovich. Manche belarussische Literaten sitzen daher im Gefängnis. „Die Angst, dass mir das selbe Schicksal drohen könnte, schwingt immer mit. Aber manchmal musst du eben Risiken eingehen“, sagt der Autor. Seit 2008 ist Khadanovich Direktor der PEN in Belarus, einer internationalen Vereinigung, die sich für verfolgte und unterdrückte Schriftsteller einsetzt. Während der weißrussischen Präsidentschaftswahlen 2006 und 2010 hat er als Redner gegen die Unterdrückung am Pult gestanden.

Er verlangt jedoch keine systemkritische Literatur. Junge Menschen sollen das aufschreiben, was sie interessiert und ihnen Spaß macht. „Wenn man darüber nachdenkt, was getan werden sollte, dann kommt keine Literatur dabei heraus, sondern höchstens ein journalistischer Text, der sich reimt“, sagt Khadanovich. Viele würden vor allem eines vergessen: „Poesie ist und bleibt immer etwas sehr persönliches“. 

Manuela Tomic

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