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Die Tauben sind gelandet - Preisvergabe der Dokwoche wird zum Triumph für Italien

Die Tauben sind gelandet - Preisvergabe der Dokwoche wird zum Triumph für Italien

Es dauerte. 17 Preise plus etliche Lobende Erwähnungen, das brauchte schon seine 160 Minuten am Ende der Dokwoche. So wurde die Tauben-Gala im Schauspiel Leipzig wieder zu einem Marathon, noch verlängert durch drei seltsame Klang-Zwischenspiele von Benjamin und Erwin Stache.

Leipzig. Aber immerhin gab es neue Rekordzahlen - und eine Premiere.

Die Premiere war - wie man so sagt - ein freudiges Ereignis. Annegret Richter, Chefin der Animations-Sektion, bekam mit Sohn David Flemming Marten am Sonnabend, kurz nach vier Uhr, das erste Dokwochen-Baby. Der ärztlich berechnete Termin stimmte.

Nicht der einzige Grund, der Festivaldirektor Claas Danielsen mit Zufriedenheit auf die Woche zurück blicken ließ: "Ich bin sprachlos über den unglaublichen Zuspruch." Mehr als 1700 Fachbesucher (2012 waren es 1500) und ständig volle Kinosäle, die die Besucherzahl über die Rekordzahl (37 600) von 2012 treibt: "Wir rechnen mit 39 000 - und hoffen, die 40 000 zu knacken". Da es gestern noch in allen Kinos Filme gab, liegt die endgültige Zahl erst heute vor.

Trotz Anlaufschwierigkeiten spielten sich auch das neue Ticketsystem und die durchweg digitalen Vorführungen ein. "Die Premieren sind gelungen", zog Danielsen schon mal eine erste Bilanz, "wir haben überall viel gelernt und werden alles im nächsten Jahr noch weiter verfeinern." Das ist dann das letzte Jahr für Claas Danielsen, der als Direktor aufhört, wie er im Interview mit unserer Zeitung sagte.

In seinem vorletzten Jahr hat er jedenfalls ein starkes Programm zusammen bekommen. Die Tauben-Gala war ein Triumph für Italien. Roberto Minervini erhielt den Hauptpreis im Internationalen Wettbewerb für "Stop the Pounding Heart", den Alltags-Beobachtungen bei einer gläubigen Farmerfamilie mit zwölf Kindern in Ost-Texas. Landsmann Carlo Zoratti gewann im Deutschen Wettbewerb für "The Special Need", dem humorvollen, unterhaltsamen Porträt eines sehr offen redenden 27-jährigen Autisten, der noch nie Sex hatte, sich nach einer Frau und nach der ersten Liebe sehnt. Der Film, der zum Publikums-Liebling wurde.

Überraschend bei den Preisen im Internationalen Wettbewerb, dass "A Diary of a Journey" (Polen) von Piotr Stasik leer ausging. Die Reise eines alten und eines jungen Fotografen, die ihre Bilder noch analog machen, war sicher einer der schönsten, klügsten und intelligentesten Produktionen des Festivals. Dafür gefiel "Normalization" von Robert Kirchhoff umso mehr. Lobende Erwähnung für einen Mordfall von 1976, bei dem es viele Unterlassungen gab und der nie aufgeklärt wurde, obwohl drei, nicht vollstreckte Todesurteile gesprochen wurden.

Den Film zeichnete auch die Ökumenische Jury aus. Ansonsten: eine breite Preisstreuung. Was ja immer ein Indiz für Qualität ist. Die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig vergab ihre Talent-Taube an Kaveh Bakhtiari für "Stop-Over" über junge Migranten, die illegal in einer Wohnung in Athen festsitzen. Filmemacher Bakhtiari zieht mit ein und verfolgt den verriegelten Alltag.

Der Filmpreis der Stiftung Friedliche Revolution, der an Nahid Persson Sarvestani für "My Stolen Revolution" in der Nikolaikirche vergeben wurde, erzählt auf erschreckende Weise von jungen Frauen, die sich im Iran des Schahs politisch für seinen Sturz engagiert hatten und mit Beginn der islamischen Ära gefoltert werden. Die Hoffnung auf Freiheit endet im Alptraum.

Nicht nur Preise, sondern auch handfeste Aussichten auf weltweite Verbreitung bekamen "Land in Sicht" von Judith Keil und Antje Kruske sowie "Custodians" von Aly Muritiba (Brasilien). Das Goethe-Institut kauft den Dokfilm über Flüchtlinge, den die zwei deutschen Filmemacherinnen mit feinem Humor und sehr genauem Hinsehen gedreht haben, nicht nur für seine 150 Dependancen und untertitelt ihn in sieben Sprachen, sondern bot auch gleich noch allen Porträtierten Deutschkurse an. Der Preis der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz vertreibt Aly Muritibas Bericht über unterbezahlte, gestresste Gefängniswärter, die sich auch noch ständig um den Brandschutz kümmern müssen, in 28 Mitgliedsländern und produziert eine DVD mit Untertiteln in mehreren Sprachen.

Ein bisschen Holterdipolter ging es bei der Preisverleihung im Schauspiel zu, als erst der Chinese Gang Zhao gesucht wurde, dann Yael Reuveny aus Israel. Irgendwann waren sie im Saal, der Ablauf wurde zurückgedreht - und auf der Bühne gepreist. Gang Zhao von der Filmkritiker-Jury für "A Folk Troup", dem impressionistischen Report über ein Wandertheater, das Sichuan-Opern aufführt, Yael Reuveny mit dem Defa-Förderpreis für "Schnee von gestern", einem Film über familiäre Verwerfungen, Verdrängung und Verrat, Generationen-Probleme und den langen Schatten des Holocaust.

Die erste Goldene Taube für einen animierten Dokfilm (neun waren nominiert) ging an die Französin Daniela De Felice für "Casa": Die Filmemacherin räumt mit Mutter und Bruder das volle Haus des Vaters auf und zeigt viele der gefundene Gegenstände und Personen, die aus der Erinnerung aufsteigen, als Zeichnung. Sehr schwer tat sich die Jury der Animation, bis sie ihre Goldene Taube an den Puppentrick "Boles" von Špela Dadež (Slowenien) vergab - und die Silberne Taube an Chris Landgreth für "Subconscious Password". Bei dem steht daheim nun die Taube neben dem Oscar für "Ryan" (2004).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.11.2013

Norbert Wehrstedt

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