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Die Toten Hosen in Leipzig: Campino vor dem Konzert im Interview

Stadtjubiläum Die Toten Hosen in Leipzig: Campino vor dem Konzert im Interview

70 000 Karten für das Leipziger Konzert der Toten Hosen am Samstag sind verkauft. Sänger Andreas Frege, 53 und besser bekannt als Campino, verfügt über Leipziger Vorfahren - ist aber nicht allein deshalb voller Vorfreude auf das Spektakel zum Stadtjubiläum, wie er im Interview verrät.

Campino kommt mit den Toten Hosen nach Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sänger Andreas Frege, 53 und besser bekannt als Campino, verfügt immerhin über Leipziger Vorfahren - ist aber nicht allein deshalb voller Vorfreude auf das Spektakel, wie er im Interview verrät.

 Wir freuen uns, dass Sie mit uns Leipzigs 1000. Geburtstag feiern. Aber Hand aufs Herz: Kämen Sie auch, wären Sie nicht ohnehin auf Tour?

 Hand aufs Herz, genau das würden wir tun. Aus zwei Gründen haben wir unsere Pause beendet. Zum einen hatte uns Marek Lieberberg gebeten, das neue "Rock am Ring"-Gelände einzuweihen, als Hausband des Festivals. Das konnten wir ihm nicht abschlagen. Zum anderen ist da eure Stadtfeier. 1001 klingt nicht mehr so gut, oder? Wir glauben, dass es unter den Bedingungen in diesem Jahr etwas ganz Besonderes bei euch wird.

 Sie haben dort, auf der Wiese vor dem Zentralstadion, erstmals im Spätsommer 1990 gespielt, kurz vor der Wiedervereinigung. Welche Erinnerungen haben Sie?

 Nur ganz diffuse. Nach uns trat Tina Turner auf, das war eine seltsame Zusammenstellung. Ich glaub, es war so mittelokay und hat jedenfalls keinen tiefen Eindruck hinterlassen. Wer damals nicht dabei war, hat definitiv keinen legendären Abend verpasst.

 Legendäre Abende sind aus dem Conne Island überliefert, erklärtermaßen einem Ihrer Lieblingsclubs. Zuletzt vor zwölf Jahren. Bedauern Sie, dass die Toten Hosen längst größere Areale bespielen?

 Läden wie das Conne Island sind in der Republik rar gesät, da kann Leipzig stolz und dankbar sein. Für mich ist das schon fast Kulturgut, genauso wie das SO36 in Berlin oder wie früher der Londoner Marquee Club oder das CBGB's in New York. Da müssten die Städte und Länder ihre schützende Hand drüber halten. Es war immer ein Riesenspaß, im Conne Island zu spielen, wir gönnen uns aber auch heute noch unsere Wohnzimmer-Touren. Doch wir würden Unmut schüren, wenn wir ständig nur in Clubs auftauchten, für die normale Leute gar nicht an die Tickets kommen. Wir sehnen uns auch nicht hundertprozentig in diese Lokalitäten zurück, sondern sind verdammt dankbar, dass uns nach mehr als 30 Jahren unseres Bestehens so viele Leute sehen wollen. Und Open-Air-Konzerte sind, das find' ich auch als Fan, in besonderen Momenten sowieso unschlagbar.

 Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit bei 70 000 Menschen größer als im Conne Island, dass manche ein Tote-Hosen-Lied wie "Europa" zwar mitsingen, aber gar nicht finden, dass Flüchtlinge ein Recht auf das Land von Pegida und Legida als Sehnsuchtsort haben ...

 Das ist Spekulation. Außerdem hat jeder Mensch das Recht, seine Meinung zu ändern. Das Thema ist auch nicht auf die Region Leipzig begrenzt. Politiker anderer Länder haben ebenso ihre liebe Not, den Mitbürgern zu erklären, warum man in diesen harten Tagen seine Position zu Zuwanderung und zur Flüchtlingspolitik überdenken sollte. Stichwort Mitgefühl und Solidarität. Abseits der Bühne versuchen wir immer wieder, etwa über die Initiative "Pro Asyl", die Leute anzuregen, sich sachlich zu informieren. Momentan ist die Debatte zu hysterisch und emotional, selbst wenn man die Augen natürlich nicht vor Konflikten verschließen darf, die es zweifellos auch gibt. An so einem Konzertabend soll unsere Gesinnung durchaus klar sein. Aber ich will niemanden mit dem Zeigefinger ermahnen oder verbessern. Die Entscheidungen und Diskussionen über das Thema gehören an einen anderen Ort.

 Die Aussicht auf ein 100 000-faches Fahnenmeer vor dem Brandenburger Tor war Ihnen vor gut einem Jahr jedenfalls zu heikel. Die Anfrage, "an Tagen wie diesen" mit Helene Fischer die frisch gebackenen Fußball-Weltmeister zu begrüßen, lehnten Sie ab.

 Das muss man nicht so hoch hängen. Wir fanden einfach, dass wir in dem Rahmen nicht richtig sind. Und die Helene hat ja auch für eine gute Party gesorgt. Es hat überhaupt nicht geschadet, dass wir nicht da waren. Man hat das Lied trotzdem gespielt, und alle haben gesungen, und das ist für uns auch okay. Wir wollten uns nicht in die Sonnenstrahlen der Mannschaft stellen, die ein tolles Turnier hingelegt hat. Wir haben nichts dazu beigetragen, also stand uns der glorreiche Moment einfach nicht zu.

 Anders als bei Ihrem Auftritt 1990 steht Ihre Bühne nun nicht mehr vor dem "Zentralstadion", sondern der "Red Bull Arena". Es ist bekannt, wie sehr Ihr Herz an den Traditionsvereinen Fortuna Düsseldorf und FC Liverpool hängt. Was halten Sie vom Projekt RB Leipzig?

 Das ist eine ambivalente Angelegenheit. Natürlich möchte man als Fußball-Fan, dass sein Verein unabhängig ist. Aber in gewissen Regionen muss man erst mal Sponsoren finden, die dann auch noch zum Image des Vereins passen. Das ist oft schwierig und frustrierend. Das kann ich als leidgeprüfter Düsseldorfer sagen. Aber es gibt gewisse Szenarien, die mir missfallen. Wenn etwa die ganzen Red-Bull-Vereine europaweit anfingen, sich untereinander Spieler zuzuschieben - das ginge in Richtung Wettbewerbsverzerrung. Man schluckt auch immer, wenn sich der Sponsor in den Vereinsnamen drängt.

 Theoretisch bedeutet RB "Rasenballsport".

 Jaja, aber wir wissen alle, wofür RB steht. Was soll's. Ich kann verstehen, dass die Leipziger guten Fußball sehen wollen. Ich breche da nicht meinen Stab drüber. Ich bin in Deutschland Fan von Fortuna und muss mich um nichts anderes kümmern. Da habe ich genug Probleme (lacht).

 Wobei die Fortuna RB beim Zweitliga-Duell in der vergangenen Saison nicht gerade zuvorkommend empfing. Unter anderem mit Ihrem Lied "Kauf mich".

 Ja, ich erinnere mich. Also das Lied ist ja wohl gut! Bei uns werden halt öfter mal Tote-Hosen-Lieder gespielt, das sollte man nicht persönlich nehmen.

 In diesem Fall sollte RB Leipzig das wohl schon persönlich nehmen, oder?

 Unsinn! Natürlich nützt man in solchen Momenten die Schwächen einer Biografie aus. Wenn das mit einem zwinkernden Auge geschieht - wir haben das Lied "Kauf mich" ja über uns selber geschrieben - sollte man es nicht so ernst nehmen. Wenn man sich im Fußball nicht durch Lieder so ein bisschen anmachen darf, wäre es ein wahnsinniger großer Verlust. Solange alles auf einer verbalen Ebene bleibt, ist ein bisschen Gift für jede Partie nur gut.

 Übernachten Sie in Leipzig eigentlich auf der Schlafcouch Ihres Bruders, des Anwalts Michael Frege, oder im Fregehaus, das mittlerweile ein Hotel ist?

 Weder noch! Mein Bruder hat zwar lange in Leipzig gelebt, aber er ist jetzt nach Düsseldorf zurückgekehrt. Ich hatte ihn oft in Leipzig besucht und dort immer eine gute Zeit. Und im Fregehaus, ja, eigentlich müsste ich da übernachten, aber ich weise alle Spekulationen in diese Richtung zurück. Irgendwann werde ich das tun, aber nicht jetzt. Tatsächlich gehörte es einem meiner Vorfahren. Es war wohl damals ein Bankhaus. Ich glaube, es gab mal eine Hungersnot in der Region, und da hat diese Familie Frege jede Menge Getreidesäcke gespendet. Jedenfalls hatte sie da einen guten Ruf.

 So wie heute Sie über alle Parteigrenzen. Vor zwei Jahren rief Angela Merkel Sie an, weil Volker Kauder den Wahlausgang mit "An Tagen wie diesen" gefeiert hatte. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

 Geschmeichelt ist des falsche Wort. Ich hab mich gewundert, dass sie sich in all den Wirren der Neuwahlen die Zeit nahm, um sich für diese verhunzte Version in dieser Wahlparty-Nacht quasi zu entschuldigen. Sie hat das wohl einfach aus dem Bauch heraus gemacht und uns die Hand gereicht. Für uns bedeutete das: Schwamm drüber.

 Sie kannten Merkel bereits persönlich, weil Sie sie 1994 interviewt hatten. Was würden Sie sie heute fragen?

 Wenn wir uns heute wieder begegnen würden, wüssten wir mehr voneinander. Damals habe ich eine Person getroffen, die zwar schon auf ihrem Weg war, ganz klar. Aber Frau Merkel hat seither sehr viel gelernt in ihrem Beruf, ich könnte sie nicht mehr mit so simplen Fragen ärgern. Momentan existiert in der deutschen Politik wohl keine Figur, der man das Geschäft besser zutrauen würde. Ich lass mal wertfrei stehen, ob das für sie spricht oder eher traurig für Deutschland ist. Ich bin kein großer Freund ihrer Partei und auch nicht generell der Regierungspolitik, aber ganz ehrlich: Es könnte uns noch schlimmer treffen.

 Sind Sie nervös, am Samstag vor so großer Kulisse aufzutreten?

 Eine gewisse Unruhe besteht ständig. Eine Anspannung, ob das gutgeht. Wir haben Respekt vor Samstag, und wir bereiten uns gewissenhaft vor. Man muss immer wieder neu lernen, vor so einer großen Menge zu bestehen und den Abend entspannt zu leiten. Niemand kann kalt starten und vor 70 000 Leuten rausgehen, ohne ein bisschen zu wackeln. Aber das ist Teil des Spaßes. Wie auf einem hohen Seil zu balancieren: Die Möglichkeit des Absturzes macht's erst gut.

 Das Konzert der Toten Hosen am Samstag auf der Festwiese vor dem Stadion ist ausverkauft. Es beginnt um 17.30 Uhr mit dem Vorprogramm: Schmutzki, Bad Religion, Kraftklub.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.08.2015
Interview: Mathias Wöbking

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