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Die Zukunft des Jazz ist ein Bariton

Gregory Porter im Leipziger Haus Auensee Die Zukunft des Jazz ist ein Bariton

Bei ihm sind die Begriffe „Jazz“ und „Superstar“ kein Gegensatzpaar: Mit seiner Quartett-Begleitung brachte der US-Sänger Gregory Porter am Mittwochabend das Leipziger Haus Auensee zum Kochen.

Chip Crawford am Klavier, Gregory Porter, Jahmal Nichols am Bass, Emanuel Harrold am Schlagzeug und Keyon Harrold an der Trompete.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Es ist die Stimme, vor allem die Stimme. Ungeheuer kraftvoll ist sie, so voluminös, dass Gregory Porter auch ohne Mikro das gut besuchte Leipziger Haus Auensee bis in den letzten Winkel flutet. Diesen Nebelhorn-Modus bemüht das Gesangsgebirge aus New York immer dann, wenn es als Prediger unterwegs ist, die guten alten Blues- und Souls-Botschaften der guten alten schwarzen Musik verkündet. Von Freiheit ist dann die Rede, von Gleichheit, von Menschlichkeit und von sozusagen globaler Liebe. Dann, in „Free“ beispielsweise oder beim „Musical Genocide“ funkelt diese unvergleichliche Röhre prachtvoll metallisch, schließen die Obertöne die Poren im Dienste der Eindringlichkeit. Aber Gregory Porter kann auch anders. Wenn in seinen Balladen von konkreter Liebe die Rede ist und von der Trauer im Angesichts ihres Endes, dann scheint aus dem Zentrum des Klangs heraus die Seele durch die angeraspelte Oberfläche dieser Stimme. Dann, in „Hey Laura etwa“ wird sie gleichermaßen rau wie sanft, weich wie schmeichelnd, verliert aber nie ihre Zentrum, diesen einzigartigen Gregory-Porter-Sound, der den Jazz in den letzten beiden Jahren wieder populär gemacht hat – ohne ihn zu verwässern. Denn im Gegensatz etwa zum skandinavischen Fräulein-Wunder und trotz der überdeutlichen Anklänge von Blues und Souls und auch Pop, ist dieses Konzert im Haus Auensee purer Jazz. Dem allerdings jede intellektuelle Selbstverliebtheit abgeht.

Dem kommt entgegen, dass Porter im Gegensatz zum Sommer derzeit nicht mit großem Orchester unterwegs ist, sondern mit kleinem Besteck. Keyon Harrold an der Trompete, Chip Crawford am Klavier, Jahmal Nichols am Bass und Emanuel Harrolds am Schlagzeug, mehr ist nicht nötig, um Porters Stimme und seinen klugen, unmittelbaren, zündenden Eigenkompositionen ei Gerüst zu geben. Und mehr als das. Denn obschon selbstredend die allermeisten – wenn nicht alle im Saal – wegen des Kolosses mit der interessanten Astronautenmütze über den Ohren (er findet sie, hört man, einfach schön) gekommen sind und in jedem Augenblick klar ist, wer hier den Chef gibt: Porter singt seine Mitstreiter nicht an die Wand.

Porter stellt sein Material vor, greift es am Ende der faszinierenden Klanglandschaften, in die seine Songs sich hier ergießen, dann tritt er dezent in den Schatten zurück und lässt die Kollegen machen. Lässt Crawford, der der Combo die Wucht gibt und durchaus avancierte Farben untermischt, seine Akkordgebirge in den Flügel stapeln, seine knappen Linien gravieren, seine seltenen Laufkaskaden entfesseln. Er lässt Keyon Harrold seine großartige Trompete blasen, die mit machtvollem, rundem, fast vibratofreien Ton die einschlägigen Epochen der improvisierten Musik durchmisst. Beeindruckend virtuos, entwaffnend sinnlich, staunenswert formvollendet sind seine ausgedehnten Solo-Reisen, sein Spiel so kalkuliert und überlegen wie das des berühmten Wynton Marsalis – aber nicht so distanziert und unterkühlt vor lauter Können.

Ganz unten sorgt Jahmal Nichols fürs verlässliche Pumpen. Sein Bass ist unerbittlich in seinem Vorwärtsdrang, lässt aber gern in weiten ostinaten Schleifen große Teile des Taktes unbesetzt, um dem Rest vom Fest die größtmögliche Freiheit zu lassen. Doch wenn dieser wie zu Beginn von „Musical Genocide“ von der Leine gelassen wird, entwächst dem Kontrabass eine Welt der Farben und Reflexe, der Linien und der Rhythmen. Für letztere zeichnet im Normalfall Emanuel Harrold verantwortlich – in unauffälliger Grandezza. Hört man genauer hin, wie es unter der meist geraden Oberfläche seines Spiels pumpt und brodelt, erlebt man im Sechsachteltakt einen unvergleichlichen Filigranarbeiter am Besen. Und wenn er seine komplexen Solo-Architekturen aufschichtet, bleibt kein Mund geschlossen im Saal und kein Fuß unbewegt.

Und dann tritt, nach einem Schluck aus de Wasserglas, der elegante Porter wieder an die Rampe resümiert variierend, beinahe wie bei einer barocken Da-capo-Arie. Er hält sich zurück mit abstrakten Solo-Ausflügen, scattet kaum, vokalisiert selten. Zu wichtig scheinen ihm die Texte seiner Songs zu sein, zu kostbar ihre Botschaft. Das indes macht die weitausgreifende Freiheit seiner Bögen, die Kraft seiner melodischen Ad-hoc-Erfindung nicht weniger aufregend. Elf Titel, ausnahmslos alle Hits der Alben „Walter“ und „Liquid Spirit“ sind darunter, erhalten so ihre kraftvoll-herbe Live-Gestalt, die sich meist erheblich entscheidet von ihrem verbindlicheren CD-Format.

Doch so frei das alles schwingt und klingt: nach preußisch exakt bemessenen 90 Minuten und elf Titeln. darunter ausnahmslos alle Hits beginnt mit „Free“ der Zugabenblock. Und diese Knappheit ist der einzige Makel des Leipziger Konzertes, dem auch Avery Sunshine als Support nicht wirklich abhilft. Gewiss: Ihre Stimme ist sensationell. Gekonnt bedient sie das Yamaha-Keyboard, das tut, als sei es ein Fender Rhodes, sicher getragen von Dana Johnsons nachgerade orchestraler Gitarre. Aber ihren Titeln fehlen die Widerhaken, fehlt die unverwechselbare Gestalt, die denen Gregory Porters zu dieser sehr besonderen Kraft verhilft. Und das Publikum zum finalen Jubel von den Stühlen reißt.

Von Peter Korfmacher

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