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Die Zukunft von gestern

„Lange Nacht der Utopie“ Die Zukunft von gestern

In Leipzig hat die Sächsische Akademie der Künste Holk Freytag zum neuen Präsidenten gewählt und im Haus des Buches eine „Lange Nacht der Utopie“ gefeiert. Mit Angela Krauß, Christoph Hein und vielen anderen ging der Blick vor allem zurück zu alten Hoffnungen und Wagnissen.

Utopia gibt es wirklich – im US-Bundesstaat Texas. In Karlsruhe kennt man sogar die Entfernung. Dort sollte das Schild vor ein paar Jahren auf eine Veranstaltung zum Thema „Utopia“ aufmerksam machen.

Quelle: dpa

Leipzig. Die Kunst, so scheint es, steht der Utopie am nächsten, weil sie nichts beweisen muss. Das Theater beispielsweise sei ein Ort, an dem Träume wahr werden können, sagt Kay Voges, „per se ein utopischer Ort“, der Alternativen ausprobiert. „Wir müssen das Unmögliche suchen, und wenn wir es geschafft haben, sind wir gescheitert, weil es möglich geworden ist.“ Der Regisseur und Dortmunder Schauspielintendant hat am Samstag in der „Langen Nacht der Utopien“ im Haus des Buches mit seinen Kollegen Holk Freytag und B. K. Tragelehn über die Möglichkeiten des Theaters diskutiert. Schauspieler und Zuschauer teilten den Blick auf den Augenblick, sagt Brecht-Schüler und Heiner-Müller-Freund Tragelehn. „Utopie“ sei heute beinahe zum Schimpfwort gerworden, die junge Generation neige dazu, häufiger Dystopie in den Mund zu nehmen.

Zu diesem Zeitpunkt, es geht auf Mitternacht zu, kann man im Literaturcafé das Buffet noch riechen und die vorgerückte Stunde schon hören: die Konzentration lässt langsam nach. Seit 19 Uhr wird in Texten, Musik, Dramatik, Architektur, Tanz, Film und Gesprächen nach dem gesucht, was Christa Wolf übersetzt hat in „Kein Ort. Nirgends“. Es sind (fast) alle Sparten vertreten, denn die Veranstaltung bildet den Abschluss einer Mitgliederversammlung der Sächsischen Akademie der Künste, in deren Rahmen Holk Freytag als Nachfolger von Wilfried Krätzschmar zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Das öffentliche Fest, bei dem der Saal aus allen Nähten platzt, nennt Kuratoriums-Chefin Birgit Peter „ein Geschenk“ für ihr Haus des Buches.

Gedankenreise ins Zitaten-Land

„Brüche. Gegenbilder. Utopien“ heißt das Jahresthema der Akademie. Eigentlich ist es ein Jahrhundertthema, ein Menschheitsthema sogar. Die Textcollage zur Eröffnung legt vor mit Zitaten aus der Bergpredigt und dem Kommunistischen Manifest, aus Tommaso Campanellas „Der Sonnenstaat“ und Thomas Morus’ „Utopia“, mit den Worten von Thomas Müntzer, Friedrich Nietzsche, Martin Luther King, Thomas Mann sowie aus der Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Jüngster in diesem Kanon ist Roger Willemsen (1955–2016), der in „Wer wir waren“ schreibt: „Mag die Welt auch vor die Hunde gehen, die Zukunft hat dennoch ein blendendes Image, und selbst verkitscht zu Wahlkampfparolen, verkauft sie sich so gut, als wäre sie wirklich noch ein Versprechen.“

Frauen finden sich nicht unter den Zitierten, deren Diagnosen und Träume nahtlos ineinandergreifen. Später ist von Rosa Luxemburg zu hören, vom letzten großen Kampf, „in dem es sich um Sein oder Nichtsein der Ausbeutung, um eine Wende der Menschheitsgeschichte handelt“, in dem es „keine Ausflucht, kein Kompromiss, keine Gnade geben kann“. Die Gedankenreise in ein Land, das es nicht gibt, orientiert sich an Zitaten. Oder ist es ein Festklammern? Als Ersatz für neue Utopien? Dabei sollte kein Mangel an Phantasie herrschen, wo Enttäuschung Realität ist. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, sagt Uwe Gaul, Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst – und zitiert damit den Maler Paul Klee.

Kunst als Gegenwirklichkeit

Als Moderator des ersten Programmteils orientiert sich Christian Lehnert an Ernst Bloch, für den der utopische Diskurs die „ausmalende Vorwegnahme eines wünschenswerten Zustands“ war, hat aber auch eigene Gedanken zu Vorkommen und Verwendung von Wünschen, die vor allem in Fragen Ausdruck finden. „Ist das Wünschen in die Jahre gekommen?“ Ihm als Religionswissenschaftler ist vertraut, dass bei der Annäherung an philosophische Begriffe, „der theologische Grund“ durchschimmert. Als Lyriker weiß er um die Aufgabe der Kunst als „Gegenwirklichkeit“.

Dann geht es zurück nach vorn. Seit 1988 entwickelt der Leipziger Bernd Franke seine Komposition „half-way house – Solo xfach“ (für Joseph Beuys), in der jeder Musiker als Solist auftritt, auch „um alles zu dekonstruieren, was mit Massen zu tun hat“. Veränderung in der Gesellschaft beginne beim Einzelnen. Utopie, sagt Franke, sei für ihn eine „Melange aus Visionen, Wünschen, Ängsten, Träumen, Zweifeln ...“

Er sitzt mit den Schriftstellern Angela Krauß und Christoph Hein auf dem Podium – nachdem Hein „Kein Seeweg nach Indien“ gelesen hat, seinen Beitrag für die „New York Times“, um den Amerikanern das Ende der DDR zu erklären. „Es sind die Narren, die die Welt weiterbringen“, sagt er.

Mauerfall und Möglichkeitssinn

Auch Krauß beschreibt in „Wie weiter“ das, was „über Nacht Revolution hieß“, weil keine Zeit geblieben war, ein Wort dafür zu finden. „Utopie“ sei für sie überhaupt kein Wort, sagt Krauß, „es ist ein Begriff, denn ich erstmal von seiner Rüstung befreien muss“. Sie führt ihn zurück auf Persönliches, wendet ihn an auf das Gefühl am Morgen:„Heute bist du der Mensch, der du wirklich bist, der du schon immer sein wolltest.“ Im übrigen könne nur das Schweigen „die Berührung mit dem Unbekannten“ anbahnen.

Wenn der Publizist Friedrich Dieckmann den Mauerfall als einen „utopischen Moment par excellence“ bezeichnet und Werner Durth als Architekturhistoriker in seinem Vortrag über geträumte, geplante und gebaute Utopien Beispiele wie die Gartenstadt Hellerau zeigt, dann dient Vergangenheit sowohl als Projektionsfläche für ein besseres Leben – als auch als Erinnerung an bessere Träume.

Auf der Suche nach der besseren Zeit wird nicht der Zukunft über die Schulter geschaut, sondern in den Rückspiegel. Sicher kann man über Utopien nicht mit den Wörtern von gestern sprechen und kaum mit den Begriffen der Gegenwart. „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben“, wird Robert Musil zitiert. Den gilt es zu schärfen.

Von Janina Fleischer

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