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Die alten Leiden des neuen Mannes

Wilhelm Genazino Die alten Leiden des neuen Mannes

Er ist bekannt für seine Romanhelden in Krisen. Männer, die nicht aus dem Quark kommen. Denen man aber gern dabei zusieht. Am Montag erscheint Wilhelm Genazinos neuer Roman „Außer uns spricht niemand über uns“. Diesmal macht er es einem wirklich nicht leicht.

Gefangen in der Großstadt. Doch manchmal genügt es, „die Stadtbilder zu wechseln, um mit ihnen auch die inneren Zustände auszutauschen“.

Quelle: dpa

Leipzig. Er leidet. Er hat Angst. Ihn plagen Sorgen. Dieser Mann hat es wirklich nicht leicht. Auch dieser, muss man sagen, denn die Protagonisten in Wilhelm Genazinos Romanen sind nie zu beneiden. Nach „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, „Wenn wir Tiere wären“ oder „Bei Regen im Saal“ nun: „Außer uns spricht niemand über uns“. Am Montag kommt das Buch in die Läden.

„Ich lebte fast ohne Grund, ohne Absicht und ohne Ziel, aber mit viel Gedanken. Deswegen fühlte ich mich oft überfordert und daher oft löcherig oder halb angefressen.“ Es ist dies nur eine Bestandsaufnahme von vielen, genau genommen macht dieser Mann ständig Inventur. Was für ihn bedeutet: „1. Eine Bestandsaufnahme dessen, was da ist. Und 2. Nach der Bestandsaufnahme eine Handlungsüberlegung: was zu tun sei mit den Beständen.“ Am liebsten aber bleibt er ein Betrachter der Bestände, „alles andere war mir zu kompliziert und deswegen Angst hervorrufend“.

So viel Angst muss sein, will man sein Leben in Klage und Abscheu, Sorge und Verdruss, Scham und Überforderung vergehen sehen wie dieser gescheiterte Schauspieler, der von Jobs als Rundfunksprecher lebt und auch mal eine Moderation bei Modenschauen annimmt, nicht zuletzt wegen der Aussicht auf ein überschaubares Abenteuer mit einem Mannequin. Genazino schreibt tatsächlich Mannequin, was schön ist, so ein bisschen antiquiert. Dennoch wirkt dieser Mann zeitlos, ein Witwer, der, als seine Armbanduhr stehenbleibt, allein deshalb eine neue Batterie kauft, weil er sichergehen möchte, dass die Zeit verstreicht. Ob nun mit ihm oder ohne ihn. Meist gegen ihn.

Immer wieder neu vergessen

Hier ist wieder einer, der durch die Straßen streift, der – im Wortsinn – seinen Gedanken nachgeht. Er tut dies aus verschiedenen Gründen, einer davon ist: zu vergessen. „Ich würde in der Stadt umhergehen und ganz langsam, verteilt über die Zeit, Stück für Stück, Teile meines Lebens und meiner Erinnerungen verlieren, bis sie in dem großen Container des Vergessens verschwunden waren und von niemandem mehr gesucht wurden, auch von mir nicht.“

Vergessen will er Carola. Die ihn verlassen hat. Davongerannt. Sie arbeitet als Telefonistin in einer Spedition, was ihr peinlich geworden ist, und trainiert für einen Marathon, was ihr Weg ist, auf der Stelle zu treten. Sie sorgt dafür, dass ihr Freund sich neue Unterhemden kauft und besorgt ihm Schlafanzüge, die er nie trägt, weil sie kneifen im Schritt. Gern würde sie bei ihm einziehen, doch er übergeht die Frage. Sie hätte (dann doch) gern ein Kind mit ihm, nur bietet er keine Sicherheit. Finanziell nicht und schon gar nicht emotional. Die beiden sprechen über nichts. „Man kann eben nicht zu anderen Menschen aufrichtig sein und gleichzeitig zu sich selbst.“ Auch Carola ist Lethargie nicht fremd, doch scheint sie zu wissen, was sie will. Zumindest, dass sie etwas will. Und sie handelt. Zum Beispiel trinkt sie. Ihr „eigenes Sich-selbst-nicht-Verstehen“ muss sich „im Alkohol immer wieder neu vergessen“. Dann geht sie noch weiter.

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Roman.Hanser Verlag;160 Seiten, 18 Euro

Quelle: Hanser Verlag

Das ermüdete Ich geht in Wirklichkeit nirgendwohin. Es leidet im Stehen. Auf eine Art ist dieses Leiden kokett. Beim Wort Hawaii-Toast wittert der Mann „das Näherkommen des Todes“; alles an ihm strahlt „etwas Zerknittertes und Staubiges“ aus. Dabei trägt er eine bessere Welt stets mit sich herum; „für den Fall, dass es eine bessere Welt einmal geben sollte, war ich vorbereitet“. Von solchen Sätzen ist es nicht mehr weit zu den „Kulturmelancholikern“, die ihr Leiden nicht ausfindig machen können, „weil sie die Gründe für das Verschwinden immer bei äußerlichen Anlässen“ sehen und nie bei sich selbst.

Doch so nah kommt der Ich-Erzähler dem Tellerrand selten, muss er doch die Mangelgefühle auslöffeln, eine kalte Suppe der Vergangenheit. Bei Geburtstagsfeiern der Verwandtschaft „saßen lauter erfolglose Kriegs- und Nachkriegsverlierer in unserem Wohnzimmer und gaben sich gegenseitig recht.“ Und dann noch Mutter. Um die er sich, obwohl sie schon lange tot ist, noch immer Sorgen macht.

Mit all dem, mehr oder weniger ironisch unterfüttert, sind Genazinos Leser vertraut: mit aufsteigender Kindheit, der Fixierung auf Brüste, der Angst vor Kaufhäusern, Urlaub und eheähnlichen Zuständen, mit trinkenden Freundinnen und der Beobachtung von Obdachlosen oder anders ausgestoßenen Menschen. „Momentweise hatte ich das Gefühl, mich in einer Nachkriegszeit ohne Krieg zu befinden. Warum sahen so viele Leute verloren und verlassen und sogar verhöhnt aus?“

Kaum Phantasie für Möglichkeiten

Für diese alten Leiden des neuen Mannes bietet Frankfurt am Main den Rahmen, im Kern gehört alles zum Inventar des Unbehausten. Der hat bei Genazino „ein gutes Verhältnis zur Wiederkehr des Gleichen. Stets war ich darauf gefasst, dass etwas zu Ende ging, aber dann hörte ich im Radio die immergleiche Musik von Mozart, Beethoven, Bach, Chopin und all den anderen.“ Was diesem Manne fehlt, ist Phantasie für Möglichkeiten. Wenn einer in Gedankenschleifen umhergeht, wenn er den Main überquert, ohne zu verstehen, „dass es manchmal genügt, die Stadtbilder zu wechseln, um mit ihnen auch die inneren Zustände auszutauschen“, wenn er nicht auftaucht aus den Tiefen seiner Schrulligkeit – dann wird jede „wunderbare Erinnerung“ zur „Herbeiführung des gegenwärtigen Mangels“. Wenn einer immerzu ängstlich ist, gehemmt und leicht zu erschöpfen, dann lässt man ihn irgendwann ziehen.

So ist die Gefahr groß, während der Lektüre das Interesse zu verlieren an dieser Figur, der Genazino keinen richtigen Gegenspieler gibt. Dabei hat sie neben dem Widerwillen gegen Hunde, Fahrräder und Rucksäcke, neben abklingenden Bedürfnissen nach Frauen durchaus auch ein Verlangen: „Zuweilen hatte ich den Eindruck, das Verlangen nach Bedeutsamkeit sei ein verhülltes Heimweh.“ Es bleiben viele Sätze, bei denen es sich gut verweilen lässt. Bevor der Mann weitergeht und stehenbleibt und wartet. Am Ende weiß er übrigens, auf wen.

Von Janina Fleischer

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