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Die ganze schöne Verzweiflung: Isolation Berlin im UT Connewitz

Hardcore-Melancholie Die ganze schöne Verzweiflung: Isolation Berlin im UT Connewitz

Sie singen von Einsamkeit und Stadtneurosen, Sehnsucht und Wut. In ihren Songs geht es um dieses ganze vermurkste, in Kompromissen gebändigte Leben, die Verletzungen, die einen wie Geister verfolgen und die sich nur bannen lassen, indem man sie wieder herausschreit. Isolation Berlin spielten sich am Dienstagabend im UT Connewitz in einen Rausch.

„Der Wahnsinn hält mich warm“: Isolation-Berlin-Sänger Tobi Bamborschke.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Kleiner Mikrocheck noch, ein routinierter Blödelschrei, ein Schluck aus der Bierpulle. Sänger Tobi Bamborschke macht die Augen zu und taucht weg: „Ich bin ein Produkt/ Ich will, dass man mich schluckt/ Dass man mich konsumiert/ Sich in mir verliert.“ Dazu ein Schlagzeug, das wie eine Kriegstrommel in den Untergang zieht. Isolation Berlin heißt die 2013 gegründete vierköpfige Band, die am Dienstagabend ihre Zuhörer und sich selbst im UT Connewitz berauschte.

Nach „Produkt“, das etwas angestrengt im Künstlertum watet, folgt „Annabelle“, eine NDW-artige Feier der Verliebtheit mit „Herzschlag bis zum Hals“ und Sternenhimmel. Ein fröhlicher Ausrutscher im Dunkelwerk einer Band, das Einsamkeit und Stadtneurosen, Sehnsucht und Wut in sich trägt, im emotionalen Untergrund der Party-Metropole Berlin spielt. „Ich glaube, ich nehm’ die nächste U-Bahn und fahr zum Bahnhof Zoo/ Dann nehm’ ich mir nen Strick und häng mich auf im Damenklo“, singt Bamborschke in dem Song, der wie die Band heißt.

„Und das Bett riecht noch nach ihr“

Es geht um dieses ganze vermurkste, in Kompromissen gebändigte Leben, die Verletzungen, die einen wie Geister verfolgen und die sich nur bannen lassen, indem man sie wieder herausschreit, aus sich herausspuckt. Oder indem man einfach loslässt: „Fahr weg, auf geradem Weg ins Meer/ Den Möwen hinterher/ so weit weg wie es geht/ Wenn dich doch hier nur alles deprimiert/ Und das Bett riecht noch nach ihr/ Du hast nichts zu verlieren“, heißt es in „Fahr weg“, einer der Zugaben an diesem großen Abend.

Es hat etwas Befreiendes, dem gelernten Schauspieler dabei zuzuhören, wie sich seine Stimme überschlägt, wie er sich ausleidet und alle Farben aus der Welt singt: „Alles grau, alles grau in grau/ Alles kalt, alles kalt, kalt, kalt/ Asche zu Asche, Staub zu Staub/ Alles Rauch, alles Schall und Rauch“. Warm hält da nur der Wahnsinn. Tragische Quintessenz in „Alles grau“: „Ich hab’ endlich keine Träume mehr.“ Ja, Glückwunsch, möchte man spontan zurückrufen. Und: Spart euch das fürs Rentenalter auf. Dabei ist der Weltverdruss eine im Grunde urromantische Haltung.

Vorbilder Rilke, Hesse und Eichendorff

Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Joseph von Eichendorff und Mascha Kaleko nennt der mit Lederjacke und Mütze auftretende Sänger denn auch als Vorbilder. Vergleiche mit Ton, Steine, Scherben kann die Band nicht mehr hören. Wenn, dann erinnern Sätze wie „Der Schlachtensee ist lang/ Und auch ohne dich ganz schön“ vielleicht an die Zeit, als Element of Crime noch zu Herzen gehende Lieder schreiben konnten.

Isolation Berlin, von denen es erst zwei Alben gibt, können es jetzt. Ihre Melancholie ist hier. Man hat das Gefühl, bei etwas sehr Wahrhaftigem zu Gast sein zu dürfen; etwas, das – je lauter und rauer die Band zur Sache kommt – umso gebrechlicher wird. Wie in der zweiten Hälfte des Konzerts. „Menschen und Gesichter, nutzen sich nur ab./ Alle Frau’n der Welt, machen mich nicht satt./ Ich fresse und ich fresse, doch ich krieg’ den Hals nicht voll“, brüllt Bamborschke postpunkig.

Man kann nur hoffen, dass die vier Endzwanziger nicht alle Elogen lesen, die ihnen gerade aus dem chronisch gelangweilten, nach jedem Happen Authentizität gierig schnappenden Feuilletons entgegenjubeln. Das beschwert nur. Und mit dem letzten Musikschrei ist es wie mit den letzten Paradiesen auf der Welt: Mit ihrer Entdeckung sind sie verloren.

„Aus den Wolken tropft die Zeit“, heißt das aktuelle Album von Isolation Berlin. Auch der Regen macht am Dienstagabend mit.

Von Jürgen Kleindienst

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