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"Die neuen Medien haben Menschenrechtsprobleme näher gerückt"

"Die neuen Medien haben Menschenrechtsprobleme näher gerückt"

Josef Haslinger (57) ist neuer Präsident der Schriftstellervereinigung PEN. Er setzte sich in einer Stichwahl mit 59 von 109 Stimmen gegen Buchpreis-Trägerin Ursula Krechel ("Landgericht") und den Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild durch.

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Der alte und der neue PEN-Präsident: Johano Strasser (links) und Josef Haslinger.

Quelle: dpa

Der in Österreich geborene Autor lehrt als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Im Interview spricht er über die Aufgaben des PEN und persönliche Ziele

Frage: Hat es Sie überrascht, dass die Wahl auf Sie fiel?

Josef Haslinger: Ich war nicht sicher, ob es möglich sein würde, eine Mehrheit zu finden. Aber ich habe auch nicht befürchtet, gnadenlos durchzufallen. Da war dieser Anruf von der Findungskommission im vorigen Sommer. Sie hatten mich als möglichen Kandidaten aufgestöbert, und ich habe nach zwei Wochen Bedenkzeit zugestimmt. Es ist ein Ehrenamt und damit ist es auch eine Ehre, PEN-Präsident zu sein. Freilich müssen einem die mit einem solchen Amt verbundenen Tätigkeiten auch liegen - und ich glaube, das ist der Fall.

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger Johano Strasser, der elf Jahre an der Spitze stand?

Es geht gar nicht sosehr darum, den Kurs des Vorgängers zu korrigieren. Johano Strasser hat eine gute Arbeit gemacht, deshalb ist er ja auch so lange PEN-Präsident geblieben. Und er wurde auch nicht abgewählt, sondern hatte Mühe, sein Amt wieder loszuwerden. Er wollte seine Tätigkeit ja schon ein Jahr früher beenden. Ich habe ein paar Ideen zur Weiterentwicklung der internen Strukturen, damit die Mitgliedschaft in dieser weltweiten Organisation für junge Autoren wieder ein begehrenswertes Ziel wird.

Worin liegen die aktuellen Probleme des deutschen PEN?

In der unzureichenden öffentlichen Wahrnehmbarkeit. Der deutsche PEN zählt, was sein internationales Engagement für verfolgte Autoren betrifft, zu den aktivsten PEN-Zentren überhaupt. Er unterhält Wohnungen und Stipendien für Autoren, die aus ihren Heimatländern flüchten mussten. Und das ist nicht nur ein wichtiges menschenrechtliches Engagement, es kommt letztlich auch der Reputation des Landes zugute, wenn ein verfolgter Autor sagen kann, Deutschland hat mir Asyl gewährt. In dieses Engagement lässt sich die Öffentlichkeit gewiss noch besser einbinden. Was aber verbessert werden kann, ist die Funktion, die der PEN für seine deutschen Mitglieder hat. Im PEN ist die Crème de la Crème des deutschen Literatur- und Geisteslebens versammelt, aber das ist nach außen nicht wirklich sichtbar. Veranstaltungen zu entwickeln, bei denen die Mitglieder gerne mitmachen, wäre ein Ziel.

Wie haben sich Aufgaben und Bedeutung des PEN in den zurückliegenden Jahren gewandelt?

Die neuen Medien haben nicht nur die Entwicklung in der arabischen Welt, in China und in anderen Umbruchs- und Aufbruchsländern beschleunigt, sondern uns die damit verbunden Menschenrechtsprobleme auch näher gerückt, was zu einem verstärkten internationalen Engagement des deutschen PEN-Zentrums führte. Die neuen Medien schaffen, was das Urheberrecht betrifft, jedoch auch für die Autoren eine neue Situation. Keine Schriftstellerorganisation kann sich dieser Debatte entziehen. In der Diskussion um ein europaweit gültiges neues Urheberrecht, das den Autoren einen Schutz vor Enteignung, Verzeichnung, Missbrauch und Plagiaten garantiert, dürfen die Betroffenen das Feld nicht den wirtschaftlichen Interessen der internationalen Verwertungskonzerne überlassen.

Sehen Sie die Charta des PEN innerhalb Deutschlands erfüllt?

Wie könnte man in einer Woche, in der in Deutschland der Prozess gegen eine rechtsradikale Mörderbande begonnen hat, sich beruhigt zurücklehnen. In Punkt drei der Charta des internationalen PEN heißt es, dass die Mitglieder sich verpflichten, "mit äußerster Kraft für die Bekämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhass und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit" tätig zu sein. Da ist wohl noch einiges zu tun. Und da sind auch die Autoren gefordert, sich einzumischen.

Was genau können sie tun?

Stellung nehmen. Die Welt, wie sie ist, schildern. Die Konflikte fassbar machen, den Menschen nahe bringen. Das muss jeder Autor für sich selbst entscheiden. Diejenigen, die dem PEN beitreten, wollen vor solchen Entwicklungen jedenfalls nicht die Augen verschließen.

Tut Deutschland genug, verfolgten Autoren Asyl oder die Möglichkeit zur Veröffentlichung zu geben?

Beides ist noch ausbaufähig. Selbstverständlich funktioniert das Ganze nur, wenn es nicht nur entsprechende Hilfsstrukturen, sondern auch eine Öffentlichkeit gibt, die sich für die betroffenen Menschen interessiert. Was es heißen kann, im Exil zu vereinsamen, hat so mancher deutsche oder österreichische Autor während des nationalsozialistischen Herrschaft erfahren müssen.

Was waren die für Sie wichtigsten Themen auf der Jahrestagung des PEN?

Die Urheberrechtsdebatte und die Diskussion zur Entwicklung in Ungarn. Der Doppelzüngigkeit der derzeitigen ungarischen Regierung, die das Ausland beruhigt, aber im Inland den Rechtsradikalen, Antisemiten und Antiziganisten das Feld überlässt, muss auf allen Ebenen Europas entgegengetreten werden.

Interview: Janina Fleischer

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.05.2013

Janina Fleischer

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