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Die rasende Emilia: Atmosphärisch dichte Regie-Arbeit des neuen Intendanten Lübbe

Die rasende Emilia: Atmosphärisch dichte Regie-Arbeit des neuen Intendanten Lübbe

Sie sind gespielt, die sechs Premieren, mit denen Enrico Lübbe seine Spielzeit am Leipziger Schauspiel eröffnet hat. Mit seiner eigenen Regie-Arbeit hat er sich ans Ende gesetzt.

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Der verliebte Prinz von Guastalla (Ulrich Brandhoff) irrt im Gefühlsrausch durch den Konfetti-Regen.

Quelle: Rolf ArnoldSchauspiel

Leipzig. Am Samstagabend war "Emilia Galotti" im ausverkauften Großen Saal zu erleben.

Vergleiche drängen sich auf nach den ersten Tagen der Spielzeit. Die Regisseure entwickeln geradezu einen Wettlauf durch ihre Stücke, unterbieten sich in der Spiellänge. Und es ist immer wieder das Bühnenbild, das ästhetisch heraussticht und Atmosphäre schafft. Darin fügt sich Enrico Lübbe ein, der nicht einmal 80 Minuten braucht, um seine Emilia Galotti statt in die Ehe in den Tod zu führen. Und mit Hugo Gretler hat er einen Bühnenaufbau ersonnen, der raffiniert Dynamik erzeugt und schnelle Szenenwechsel stützt.

Sechs schwarze, quadratische Säulen ragen in einer Reihe aus der Drehbühne. Kreist sie, trägt sie die Schauspieler mit. Doch die Säulen finden auch allein den Weg ums Rund bei starrer Bühne, dann schlüpfen die Schauspieler hindurch. Geheimnisvoll ausgeleuchtet vom Bühnenhintergrund entstehen dramatische Bilder. Da flirrt es im Konfetti-Regen, wenn der Prinz Emilia nachstellt. Und, viel später, schlüpft sein Schatten von Säule zu Säule, wenn er heimlich lauscht. Fein verdichtet wird die Atmosphäre noch von den musikalischen Ideen Bert Wredes, der auf Bach-Motive zurückgreift.

Lübbe und sein Team straffen das bekannte Trauerspiel, dessen Handlung Lessing auf nur einen Tag angelegt hat. Emilia ist dem Grafen Appiani versprochen. Doch auch der Prinz von Guastalla verliebt sich in sie. Dessen Kammerherr Marinelli weiß in aller Eile einen Überfall auf den Tross der Hochzeitsgesellschaft zu inszenieren und Emilia, ihr Rettung suggerierend, in das Schloss des Prinzen zu entführen.

Die Regie wirft einiges über Bord aus Lessings Text. Die Komplexität der Charaktere, von Lessing vielschichtig bis zweifelnd angelegt, erschöpft sich in Andeutungen. Der Prinz (Ulrich Brandhoff) tritt in einem Gewand auf die Bühne, dem Pyjama näher als herrschaftlichem Geschmeide. So zeigt er sich als schwache Figur, ein Träumer mehr, der andere gewähren lässt, um seine Wünsche zu erfüllen, vor den Konsequenzen aber die Augen verschließt. Ein moderner Mensch also, das Dilemma ist bekannt: Man will Fleisch essen, aber nicht wissen, dass dafür ein Schwein geschlachtet wird.

Emilia - konzentriert und ausdrucksstark gespielt von Anna Keil - ist beeindruckt vom Werben des Prinzen. Der Arm bleibt nach ihm ausgestreckt, das Gesicht aber ist schon schuldig abgewandt. Da ringt ein Mädchen um seine Tugendhaftigkeit. Bei diesen Figuren wird die Zerrissenheit in der kleinen Geste zumindest stimmig angedeutet. Marinelli (Michael Pempelforth mit streberhaftem Seitenscheitel und im geckenhaften Anzug) aber wandelt auf der Schwelle zur Komödienfigur. Was die Intensität des Abends immer wieder untergräbt.

Odoardo Galotti (Denis Petkovic) und Claudia Galotti (Henritte Cejpek) freuen sich als Eltern der Emilia in einem seltsam der Handlung entkoppeltem Hüftschwung auf die Hochzeit. Auch das mag als auflockernde Komik gemeint sein, stört aber eher als Fremdkörper. Beide - Odoardo im finalen Dialog mit Emilia und Claudia sich windend, als sie die Intrige erahnt - finden noch zu berührenderen Szenen. Insgesamt überzeugen die Darsteller, sticht vor allem Bettina Schmidt als verschmähte Gräfin Orsina mit einem auch sprachlich fokussierten Auftritt heraus.

Selten, dass die Inszenierung von der Linie der Reduktion abweicht, dem Text einen Gedanken hinzufügt. Hier passiert es einmal: Die Auseinandersetzung zwischen Appiani (Jonas Fürstenau mit wuchtiger Stimme) und Marinelli gipfelt in einem Kuss. Appiani zwingt Marinelli in die Intimität, um ihn dann abfällig zu Boden zu stoßen. Das mag zunächst überdreht wirken, albern gar, ist dramaturgisch aber geschickt gesetzt, werden damit doch Marinellis persönliche Motive am Grafen-Mord deutlicher. Er ist nicht nur dem Prinzen zu Diensten.

Motive, Pflichten, Gefühle - sie überlagern und widersprechen sich in den Figuren. Eine Komplexität, die die kompakte Inszenierung kaum ausarbeitet. Dennoch geht ein ansprechender, atmosphärisch dichter Theaterabend mit gelungener Ensembleleistung über die Bühne, vom Publikum mit langem Applaus bedacht.

iWeitere Aufführungen: 12., 18., 27.10., 16.11., 6.12. und 26.12., jeweils 19.30 Uhr; Kartentelefon: 0341 1268168; Karten und Informationen: www.schauspiel-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.10.2013

Dimo Rieß

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