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„Die schöne Helena“ an der Leipziger Musikhochschule

Opern-Premiere „Die schöne Helena“ an der Leipziger Musikhochschule

Helena, die „schönste Frau der Welt“, möchte Abwechslung in ihren Ehealltag bringen. Jacques Offenbachs Buffo-Oper in drei Akten persifliert einen Stoff der klassischen Antike. Am Wochenende hatte die Studioproduktion der Hochschule für Musik und Theater Premiere.

Carolin Schumann als Helena und Christopher Fischer als Paris.

Quelle: Siegfried Duryn

Leipzig. Nicht einmal zum Schlussapplaus traten sie aus ihrem Halbdunkel hinter dem Hauptspielfeld heraus: Im Großen Probensaal der Hochschule für Musik und Theater am Dittrichring agieren die 14 Musiker des Salonorchesters „Felix“ genauso solistisch und virtuos wie die jungen Studierenden, die sich an der „Schönen Helena“, dieser echt schwer auszubalancierenden Operette und Offenbachiade, zu schaffen machen. Dieser Debütantenball ist eine Super-Farce mit gerade noch angehender Etikette und ganz viel Erotik.

Der musikalische Witz, den der musikalische Leiter Diego Romano mit energischen Gesten und seiner Violine entfacht, ist den frivolen Grenzgängen auf der Szene absolut ebenbürtig. Das liegt auch am Team der musikalischen Einstudierung, das keine Schlamperei duldete und ordentlich an der Diktion meißelte.

Pointen-Feuerwerk

Es geht los in einer Sauna, wo die Handtücher viel weißer sind als das Gewissen der in ihrer Ehe sexuell notorisch unterforderten First Lady. Die aktuelle politische Realität und das Bühnengeschehen sind auf analoger Schwingungsebene: Helena selbst und auch der Gastregisseur Matthias Winter vom Theater Chemnitz, der neben einem Pointen-Feuerwerk eine in ihrer minimalistischen Ökonomie passgenaue Choreographie beisteuert. So passgenau, dass die gestrichenen Figuren Ajax II., Orest und Achilles gar nicht mehr in den Sinn kommen.

Ein Lattengestell als Saunabank und Doppelbett sowie ein riesiger Gong sind die einzigen Spielmöbel. Sie genügen zur banalen TV-Show und einem der ganz wenigen ultradirekten Geschlechtsverkehre, die das Genre Operette frontal verträgt: „Die schöne Helena“ mit dem „schön bescheidenen“ Paris, wer’s glaubt …

Im Finale kürt ein echter EU-Botschafter im nicht minder echten Maharadscha-Outfit die alkoholisierte Helena zur „Botschafterin der Schönheit und Entwicklungshelferin“. Als Endlos-Encore wuchten davor die hellenischen Drahtzieher das von Offenbach aus Meyerbeer-Paraphrasen und Rossini-Crescendi heißgekochte Kriegstreiber-Terzett ins freudig erregte Auditorium.

Begattung vs. Begegnung

Über das Ensemble gibt’s nur Gutes zu vermelden: Carolin Schumann ist schon jetzt die rassig-rasante Diva im schummerigen Boudoir und im grellen Licht des großen Auftritts. Sie scheint das Soubretten-Seminar einfach übersprungen zu haben. Johannes Pietzonka schafft es, mit tenoralen Charakterfarben und Korrektheit den sonst viel älteren Ehetrottel Menelaos fein zu konturieren. Christopher Fischer als Paris, der hier aus dem apfelreichen Vintschgau kommt, ist ein niedlich-durchtriebener Traumtyp. Sein Gestaltungsvermögen wiegt die noch nicht ganz freie Extremhöhe mehr als reichlich auf. Leevka Hambach wird durch die Übernahme der Orest-Couplets auch zur Hauptfigur. Hingucken und auflauschen lässt Nadiya Zelyankova als bartstoppeliger Raver-Hosenmezzo. Andreas Drescher hat als szenisch und stimmlich kühler Kalchas eine lebenstaugliche Lektion aus Umberto Ecos „Phänomenologie des Quizmasters“ gezogen. Rollenadäquat zeigt Jakob Eberlein ein Stier-Tattoo „Made in Mykene“ und mehr Stimmpower als Hirn.

Vielleicht gibt es ja für diejenigen, die das diesmal nicht sehen konnten, eine Wiederaufnahme. Und sei es auch nur, um arglosen Zuschauern den Unterschied zwischen „Begattung“ und „Begegnung“ klarzumachen.

Von Roland H. Dippel

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