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Dieter Wellershoff: Eine gesteigerte Form von Leben

Der Schriftsteller Dieter Wellershoff wird 90 Dieter Wellershoff: Eine gesteigerte Form von Leben

Mit dem Roman „Der Liebeswunsch“ gelang Dieter Wellershoff im Jahr 2000 erstmals der Sprung auf die Bestsellerlisten. Anders als manche Kollegen verweigerte er nie Auskünfte zu seiner Person. Nuin wird er 90 Jahre alt.

Dieter Wellershoff

Quelle: dpa

Leipzig. Mit dem Roman „Der Liebeswunsch“ gelang Dieter Wellershoff im Jahr 2000 erstmals der Sprung auf die Bestsellerlisten. Anders als manche Kollegen verweigerte er nie Auskünfte zu seiner Person. In autobiographischen Skizzen lüftete er den Schleier über seiner Privatsphäre. Die Notizen enthüllten den hürdenreichen Entwicklungsweg eines Intellektuellen, den das bürgerliche Behaglichkeitsideal stets anekelte. Scheinheiligkeit und falsche Geborgenheit, wie man sie ihm in der „miesen kleinen Welt“ seiner Kindheit vorgaukelte, waren ihm von früh an ein Gräuel. Der öde Alltag mit seinen immer gleichen Ritualen nötigte ihn, in die „Reservate der Phantasie“ zu fliehen. Über Indianerbücher und alte Landkarten gebeugt, schuf er sich eine Idylle, aus der ihn erst der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges riss. Von der konventionellen und pflichtgetreuen Existenz der Eltern abgestoßen, glaubte er an den Militärdienst als heroisches Abenteuer. Durch nationalistische Parolen verdorben, wähnte er in Deutschland eine „Phantasmagorie, die von den germanischen Heldensagen bis zu Bismarck und Hitler reichte“.

Im Frühjahr 1943 meldete er sich als Freiwilliger an die Front. Doch Drill und kollektive Willkür ließen den Siebzehnjährigen bald am Sinn des Kommiss-Dienstes zweifeln. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ meldete 2009 zwar, er sei 1944 in die NSDAP eingetreten, doch ein Aufnahmeformular fand sich trotz intensiver Recherchen nie. Nach der Verwundung durch einen Granatsplitter und Genesungsurlaub geriet er bei der Schlacht um Berlin in amerikanische Gefangenschaft. Als Überlebender des Desasters sah er den Völkermord im Nachhinein als „fürchterlichen Überlebenskampf, als eine Zeit der Entmenschung, der Auslöschung, der Zukunftslosigkeit“. Diese Erfahrung ist für Wellershoffs literarische Entfaltung von einschneidender Bedeutung. Wie Heinrich Böll kehrte er völlig desillusioniert aus dem Feld heim. Von einem tiefen Misstrauen gegen jede Art Ideologie befallen, gehörte er zu den Skeptikern, die nur eine einzige Hoffnung hegten: Deutschland möge künftig Neutralität wahren und sich auf seine kulturellen Traditionen besinnen. Dass er sich in dieser Situation der Ernüchterung von den Werken Gottfried Benns angezogen fühlte, verwundert kaum. Er promovierte über den Kulturpessimisten und gab später dessen „Gesammelte Werke“ heraus.

Bald verabschiedete Wellershoff sich jedoch von der apolitischen Gedankenwelt seines Idols und engagierte sich als Redakteur der „Deutschen Studentenzeitung“ gegen Wiederaufrüstung und die Westintegration der Bundesrepublik. Schon als Jugendlicher hegte er unter dem Eindruck eines pathetischen Schiller-Films und der Lektüre von Shakespeare spontane dichterische Ambitionen. Doch seine Karriere begann erst Mitte der 1960er Jahre mit der Publikation des Romans „Ein schöner Tag“. Bis dahin zehrte er von den kargen Honoraren, die ihm Rundfunkstationen und Zeitungen für Hörspiele, Features und Feuilletons zahlten. Während dieser Periode hauste er gemeinsam mit seiner Frau Maria von Thadden und der Kinderschar in Absteigen und Kemenaten, die jeglicher Schilderung spotteten.

Lexika bewerten Wellershoff bis heute als „Initiator, Mentor und Theoretiker“ der „Kölner Schule des Neuen Realismus“. Wie falsch diese Einordnung ist, konstatierte Günter Herburger: „Die sogenannte ‚Kölner Klippschule’ oder ‚Kölner Schule’ war eine Erfindung der Journalisten. Wir hatten uns nie so verstanden. Bald waren wir versprengt“. Auch Wellershoff wehrt sich vehement dagegen, als Urheber eines „festen Schreibrezeptes“ zu gelten. Tatsächlich zählt er zu den Autoren, die sich nicht fixieren lassen, die es ablehnen, „jemand Bestimmtes zu sein“. Für ihn bedeutet Literatur in allererster Linie „eine gesteigerte Form von Leben“.

Im Unterschied zu betagten Gurus seiner Gilde wie Martin Walser schreibt er nicht aus gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. Seine Motive sind individueller Natur. Er weiß, dass sein Beruf nicht unbedingt gebraucht wird. Gezielt beruft er sich auf John Cage, der sagte: „Wenn wir die Welt von unseren Schultern nehmen, bemerken wir, dass sie nicht fällt“. Mit 88 reflektierte er über das „Ans Ende kommen“. „Das Schlimme bei der Todeserwartung ist ja, dass einem so viel noch genommen wird, wenn man glaubt, man hat es noch. Im Sterben aber, glaube ich, verschwindet es einfach.“ Jetzt erschien eine Auswahl seiner wichtigsten Erzählungen. Die darin enthaltenen Texte zeugen laut Ijoma Mangold von der Kunst, „die Macht der Gefühle der Kraft der Vernunft zu unterziehen“.

Lesetipp: Dieter Wellershoff: Im Dickicht des Lebens. Ausgewählte Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, 424 S., 19,99 Euro

Von Ulf Heise

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