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Dokumentarist, Expressionist, Naturalist: zum Tod von Andrzej Wajda

Regie-Legende Dokumentarist, Expressionist, Naturalist: zum Tod von Andrzej Wajda

Er war ein kräftiger filmischer Erzähler: der polnische Regisseur Andrzej Wajda. Zuletzt drehte er die Künstlerbiografie „Nachbilder“, die für den Oscar eingereicht wurde. Am Sonntag ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Andrzej Wajda 2013 bei der Premiere seines letzten großen Films„Walesa – Der Mann aus Hoffnung“ in Warschau.

Quelle: dpa

Leipzig. Er war ganz sicher der polnischste aller polnischen Regisseure. Immer und immer wieder blickte Andrzej Wajda zurück in die zerklüftete Geschichte Polens – und erzählte Geschichten aus einem unglücklichen, geschlagenen Land, von zerrissenen Männern, vom Lauf der Zeiten, die nur schwer zu überleben sind. Das Nachkriegs-Polen als Ergebnis einer ständigen historischen Metamorphose. Die kam oft von außen. Die kam aber auch aus den inneren Konflikten einer Gesellschaft auf der Suche nach jener nationaler Identität, die über alle sozialen Schichten hinweg zusammenhält. So spiegelten Wajdas Bilder aus der Vergangenheit auch immer die polnischen Nachkriegsverwerfungen.

Tauchte der Sohn eines Offiziers und einer Lehrerin, geboren in Suwalki, aufgewachsen in Radom, ein in seine nationalen Parabeln, so tat er das mal als kühler Betrachter, mal als Romantiker, mal desillusioniert, mal durchglüht von moralischer Unbedingtheit. Er war Dokumentarist, Expressionist, Naturalist, malte wild und furios, pathetisch und betroffen. Auch in seinen lyrischen, sanft aquarellierten Literatur-Adaptionen („Die Hochzeit“, „Die Mädchen von Wilko“) wetterleuchtete das polnische Schicksal, das sich über ein paar Jahrhunderte schleppt.

Malerische, expressive Bildsprache

Allerdings war Andrzej Wajda nie ein Illustrator des Unglücks, sondern immer ein kräftiger filmischer Erzähler, deren bisweilen surrealen Einstellungen oft von einer unerhört eindringlichen Symbolkraft sind. Kein Wunder: Andrzej Wajda wollte, nach den Untergrundjahren in der Heimatarmee, Maler werden. So studierte er denn auch ab 1946 vier Jahre an der Kunstakademie Krakow, bevor er an die Filmhochschule in Lodz wechselte. 1954 drehte er als Abschluss seinen ersten Langfilm: „Generation“, das Psychogramm einer verunsicherten, verlorenen Jugend, fotografiert in einer malerischen, expressiven Bildsprache. So etwas wie die Geburt der polnischen Kino-Schule.

Eine Trilogie war es, die Ende der 50er Wajda zu Polens Nationalregisseur machte: „Kanal“, ein ungemein intensives, semidokumentares Drama über den Warschauer Aufstand, „Asche und Diamant“, die Novelle über einen jungen, entwurzelten Attentäter der Heimatarmee, und „Lotna“, der tragische Untergang der polnischen Kavallerie, erzählt über die Wege eines Pferdes. Unerbittlich ausgebreitete Tragödien vom Scheitern, von Irrtümern und Verirrungen, vom Rad des Schicksals, das gnadenlos rollt – und überrollt.

Schlichtweg ein grandioses Meisterwerk ist Wajdas „Das gelobte Land“, ein bildgewaltiges Epos über das Erblühen der Textilindustrie in Lodz im 19. Jahrhundert, Reichtum und Armut, Kapitalismus und Dekadenz. Mit „Der Mann aus Marmor“ (Sturz eines Arbeiterhelden der Stalinzeit) und „Der Mann aus Eisen“ (Entstehen der Solidarnosc aus den März-Unruhen 1968) bekannte sich Wajda zur Walesa-Gewerkschaft, drehte nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen in der BRD („Eine Liebe in Deutschland“) und in Frankreich („Danton“), bevor er mit der leichten Romanze „Chronik von Liebsunfällen“ in die Heimat zurückkehrte, zwei Jahre Senator war und 1999 mit „Pan Tadeusz“ Polens Nationalepos von Adam Mickiewicz in Versen und als barockes Ausstattungsspiel verfilmte.

Verbeugung vor dem Vater

In ein Wespennest stach Andrzej Wajda mit „Die Karwoche“, als er auf den Weg einer verfolgten Jüdin 1943 zurückblickte und viele Polen entdeckte, die sich jeder Hilfe verweigerten. 2007 gelang ihm mit „Das Massaker von Katyn“, besonders in den letzten 20 Minuten, eine erschütternde Rekonstruktion der Ermordung polnischer Offiziere und Intellektuelle durch den KGB. Eine Verbeugung vor seinem Vater, der in Charkow getötet wurde.

Zwei Jahre später irritierte Andrzej Wajda, ähnlich wie Jahrzehnte zuvor mit „Alles zu verkaufen“, seiner Trauerarbeit für den jung verunglückten Zbigniew Cybulski, mit „Tatarak“, einer etwas papiernen, sehr privaten Erzählung um Sterben und Verlust. Zuletzt drehte er die Künstlerbiografie „Nachbilder“, die zum Oscar eingereicht wurde. Am Sonntag ist Andrzej Wajda 90-jährig gestorben.

Von Norbert Wehrstedt

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