Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Don DeLillos Roman „Der Omega-Punkt" erscheint

Don DeLillos Roman „Der Omega-Punkt" erscheint

Nach gut 100 Seiten ist Schluss. Nicht viel für einen Roman. Doch hat man an diesem Punkt das Gefühl, etwas Großes gelesen zu haben, etwas Epochales, ein Buch des Lebens.

Leipzig. Der US-Amerikaner Don DeLillo, geboren 1936, in einem Atemzug mit Paul Auster oder Phillip Roth genannt, gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der Gegenwart. Und geht doch mit seinen Romanen „Unterwelt", „Falling Man" oder jetzt „Der Omega-Punkt" über das hinaus, was Gegenwart beschreibt. DeLillo entwickelt eine Anschauung der Welt, die sich Stufe für Stufe erschließt. Da denkt er Satz für Satz, baut Stein auf Stein. „Ich lerne aus meinen eigenen Sätzen etwas über die Figuren eines Romans", sagte er in einem Interview. So lässt es sich lesen: politisch, philosophisch, persönlich.Der Omega-Punkt ist das Ende. Das Erreichbare. „Wir sind eine Menge, ein Schwarm. Wir denken in Gruppen, reisen in Armeen. Armeen tragen das Gen der Selbstzerstörung in sich. Eine Bombe ist nie genug. Im Nebel der Technologie, genau dort hecken die Orakel ihre Kriege aus. Denn jetzt kommt die Introversion, Pater Teilhard kannte das, der Omega-Punkt. Ein Sprung aus unserer Biologie hinaus." So erklärt Richard Elster, was zu begreifen die Sprache sich „abrackert", um einen Gedanken außerhalb unserer Erfahrung zu erfassen. Das Bewusstsein der Menschen habe sich erschöpft, sagt er und kokettiert mit der Umkehr, dem Rückzug nach innen. „Müssen wir für immer menschlich bleiben?"Elster, 73, hat Gründe sich abzuwenden. Er war Berater der Regierung während des Irak-Kriegs, ein Gelehrter, der im Pentagon mit Kleingeistern Kriege führte. Aussterben ist nun sein Thema. Hier, in der Wüste, „irgendwo südlich von Nirgendwo", wohin er sich zurückgezogen hat, um zu essen, zu schlafen und zu schwitzen, weil er den Körper lösen will „aus dem, was er den Ekel von Nachrichten und Verkehr nannte". Der kleinen Kämpfe überdrüssig übergibt er sich Weite und Leere.Sein Gast ist Jim Finley, der Ich-Erzähler, halb so alt und besessen von der Idee, einen Film zu drehen über Elsters Zeit in der Regierung, das „Blöken und Stammeln über den Irak". Das Projekt wird ihm zur Obsession, ihn fasziniert die Idee, Elster vor einer kahlen Wand sprechen zu lassen über den Versuch, Wirklichkeiten zu erschaffen. Etwa mit Volksmärchen vom Ende der Welt: grassierende Tierkrankheiten, übertragbarer Krebs, Hunger weltweit.So führen die beiden Männer Gespräche, wie sie nur im Niemandsland möglich scheinen, dort, wo Raum und Zeit sich selbst genügen. Denn das ist DeLillos großer Bogen: das Vergehen losgelöst von der schleichenden Zeit der Armbanduhren, Kalender, verbleibenen Lebensminuten. Hier werfen große Worte harte Schatten: Wahrheit, Lüge, Krieg. Der Autor bringt Ort und Sprache in Gleichklang, synchronisiert Nichtwissen und Erkenntnis, komponiert einen Rhythmus aus Reflexion und Pointe.Der Bruch kommt mit Jessie. Elsters Tochter reist aus New York an, zu dritt bilden sie eine Art Familie. Bis Jessie verschwindet und sich auch äußerlich alles auflöst. „Nachts waren die Zimmer Uhren" und „jede vergehende Minute eine Funktion unseres Wartens." Wird das Rätsel jemals gelöst.Einfache Antworten verweigernd untersucht DeLillo, wie Verlust Wahrnehmung verändert. Wir bräuchten Zeit, um das Interesse an den Dingen zu verlieren, sagt Jessie, als sie noch einmal auftaucht - in der Vergangenheit. Wir treffen sie in jenem Rahmen, der die Geschichte klammert: Vor einer Videoinstallation, die Hitchcocks Film „Psycho" auf 24 Stunden dehnt, verliert sich ein Mann zwischen Ursache und Wirkung. Er fühlt Dinge, deren Bedeutung sich ihm entzieht.DeLillo verbindet Film und Literatur, Schuld und Bedauern, Ideal und Wirklichkeit zu einer grandiosen Herausforderung. „Jeder verlorene Augenblick ist das Leben."

Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr