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Doris Dörrie spricht in Leipzig über das Erzählen

Leipziger Poetikvorlesung Doris Dörrie spricht in Leipzig über das Erzählen

In der 10. Leipziger Poetikvorlesung spricht die Autorin und Regisseurin Doris Dörrie über das Erzählen – und ist dafür genau die Richtige mit ihrem Blick und ihren Erfahrungen.

Autorin und Regisseurin Doris Dörrie zu Gast im Leipziger Alten Rathaus neben Heiko Rosenthal, Bürgermeister u. Beigeordneter für Umwelt, Ordnung, Sport

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Poetikvorlesung zu Halloween, am Dia de Muertos; am Tag der Toten. Dazu die Frage „Wie hält der Mensch sein Leben aus?“ und das oberste Gebot jedweden Erzählens: Langweile nicht! Es lag an Doris Dörrie, sowohl diese von ihr selbst gestellte Frage Antwort suchend zu umkreisen, wie auch besagtes Gebot aufs Schönste zu erfüllen. Zur 10. Poetikvorlesung, die die Autorin, Film- und Opernregisseurin am Montag im rappelvollen Festsaal des Alten Rathauses hielt.

Künstlerinnen und Künstler zu Wort kommen zu lassen, die auch „außerhalb eines dezidiert literarischen Spektrums tätig sind“, ist eine wesentliche Setzung der Leipziger Poetikvorlesung. Dörrie (61) ist dafür eine fraglos passende Wahl. Spätestens seit ihrem Film „Männer“ (1985) ist sie einem breiten Publikum bekannt und auch als Autorin alles andere als eine Randerscheinung. Und mag dann auch Heiko Rosenthal in seinem Grußwort etwas damit kokettieren, als Bürgermeister für Umwelt, Ordnung und Sport doch ein wenig „artfremd“ auf dieser Veranstaltung zu sein, ändert das nichts daran, dass er zumal das filmische Werk Dörries kenne und schätze.

Als „Krisenparabeln des modernen Bewusstseins“ bringt dann Michael Lentz vom Deutschen Literaturinstitut das spartenübergreifende Œuvre Dörries auf einen kleinsten Nenner – und fügt gottlob ein „das klingt sehr hochgestochen und ist es auch“ an. Mit dem immer auch (selbst)-ironischen Ton Dörries korrespondiert das gut, wie auch Uni-Rektorin Beate Schückings treffende Charakterisierung einschlägiger Grußworte. Die seien wie „das Vorprogramm, bevor die richtige Band kommt“. Also eine Geduldsprobe. Im konkreten Fall allerdings eine, die ihrerseits das „Langweile nicht!“ dann doch ganz gut beherzigt hat.

Aversion gegen rhetorisches „Tiefkühlspinatgefühl“

Aber natürlich wartet man im Saal auf den Haupt-Act, also auf Doris Dörrie. Die beginnt ihre Vorlesung mit einem Geständnis: Eigentlich, sagt sie da, spreche sie immer frei. Zwecks Vermeidung allzu festgezurrter Formulierungen, aus Aversion gegen das rhetorische „Tiefkühlspinatgefühl“. Aus Unlust am Jargon in „postmodernem Beton“.

Nachvollziehbare Argumente fürs „Freisprechen“. Und dennoch nimmt Dörrie aus einer gewissen Scheu vor der Aufgabe „Poetikvorlesung“ von diesem Prinzip, dieser Freiheit Abschied- oder besser: Abstand. Das heißt, sie folgt einem Skript, welches alles andere als festgezurrt, betoniert, tiefgefroren aufscheint Dörries Poetikvorlesung ist eine des biographischen Episodenbogens. Eine, in der die Erinnerung Stimulans ist. In der die Empfindung immer mitgedacht und das Gedachte immer auch etwas Empfundenes ist. In der Dörrie sich auf sich selbst verlassend Zitate Anderer ausspart.

Bis auf drei kleine Ausnahmen. Eine davon ist Vladimir Nabokovs wunderbares Credo „Liebkose das Detail!“ Eine Aufforderung, gültig fürs Lesen wie Schreiben, fürs Filmedrehen wie Filmeschauen. Und ein Wesenszug dieser Poetikvorlesung.

Details: Ein altes Hotel in Tokio, gänzlich ohne Gäste – zu erkennen daran, dass vor den Türen keine Schuhe stehen. Eine Badewanne in New York, wie lebendig vor wimmelnden Kakerlaken. Und dann, viel früher im Leben, die rote Strumpfhose, die die dreijährige Doris ständig auf dem Kopf trug, sich so in ein anderes Kind mit langen, roten Zöpfen verwandelnd, eine „andere Erzählung von mir“ (Dörrie) schaffend, als Reaktion auf eine jener Erschütterungen der eigenen Welt (hier die Geburt zweier jüngerer Geschwister, die Erfahrung eines Nicht-mehr-Mittelpunkt-Seins) die immer auch eine Voraussetzung des Schreibens ist. Schließlich diese knappe Schilderung eines Erwachens aus einem Kindermittagsschlaf mit dem plötzlichen Bewusstseinsschock, dem gleichsam erwachten Begreifen dessen, dass alle Menschen sterben müssen.

Atmen lernen

„Warum überhaupt erzählen wollen?“ fragt Dörrie. Wegen der Angst, die es zu überwinden gilt, wieder und wieder: „Alle Geschichten sind Transformationsgeschichten.“ Weil als Erzählung alles erträglicher wird. Dass das nicht immer aufgeht, weiß Dörrie dabei selbst am besten. „So traurig, dass ich kaum noch atmen konnte“ war sie nach dem Krankheitstod ihres Mannes.

Inspiration, darauf verweist Dörrie schon früher in ihrer Vorlesung, kommt vom lateinischen Inspiratio; Einhauchen, einatmen. Wie das Erzählenkönnen mit Atmenkönnen zu tun hat, oder wie man wieder Atmen lernen kann mithilfe des Erzählens, mag sich dann gerade auch in jener kleinen Beschreibung des mexikanischen Dia de Muertos spiegeln, mit der Dörrie diese 10. Poetikvorlesung beendet.

Von Steffen Georgi

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