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"Dort lauern die Ungeheuer" - Rosa Loy und Neo Rauch im Interview

"Dort lauern die Ungeheuer" - Rosa Loy und Neo Rauch im Interview

Seit 1985 sind sie verheiratet. Am Donnerstag wurde im Essl Museum in Klosterneuburg bei Wien unter dem Titel "Hinter den Gärten" die erste gemeinsame Ausstellung von Rosa Loy und Neo Rauch eröffnet.

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Sind seit 25 Jahren verheiratet: Das Leipziger Künstlerpaar Rosa Loy und Neo Rauch.

Quelle: André Kempner

Klosterneuburg. Im Rahmen der Ausstellungsvorbereitungen traf Günther Oberhollenzer, Kurator im Essl Museum, das Malerpaar. Hier einige Auszüge aus dem im Katalog zur Ausstellung komplett veröffentlichten Interview.

Frage: In der Ausstellung des Essl Museums treten Sie zum ersten Mal als "Künstlerpaar" in Erscheinung. Wie entstand die Idee einer Gemeinschaftsausstellung?

Neo Rauch: Mit dieser Idee gehen wir schon lange schwanger. Es fehlte nur an einem geeigneten Ort und an einer glücklichen kalendarischen Fügung. Denn es musste für uns beide gleichzeitig möglich sein, diesen Ort verantwortungsbewusst zu bespielen. Durch die Aufgeschlossenheit von Herrn Essl ist es uns jetzt möglich gewesen, diesen lang gehegten Wunsch in seinem Museum Wirklichkeit werden zu lassen.

Wieso war das ein wichtiger Wunsch für Sie und welche Erwartungen verbinden Sie damit?

Rosa Loy: Wir wurden öfter gefragt: Malen Sie auch gemeinsam Bilder? Wie sehen die aus? Machen Sie was gemeinsam? Arbeiten Sie in einem Atelier? Also es gibt immer Fragen, wie man als Paar arbeitet. Wie sieht das dann aus? Die Bilder sind ja ganz gleich, oder sie sind ganz unterschiedlich. Und wir haben uns dann gedacht, mein Gott, wir stellen mit allen Möglichen aus, warum haben wir noch nie miteinander ausgestellt?

Wie haben Sie die Auswahl der Arbeiten festgelegt?

Loy: Wir haben überlegt, es sollten neue Arbeiten sein und auch ein paar ältere. Deshalb haben wir auch Arbeiten aus unserer eigenen Sammlung genommen, die wir uns gegenseitig geschenkt haben. Oder füreinander angefertigt haben. Auf diese Weise ist dann noch mal eine neue Schicht oder Ebene der Gemeinsamkeit zu sehen. Und Arbeiten, die wir gegenseitig ausgesucht haben, und die wir schätzen und mögen.

Für Sie ist es also auch das erste Mal, dass Sie die Bilder nebeneinander im Dialog oder auch Nichtdialog zeigen.

Loy: Ja, das kann man so sagen.

Rauch: Wir haben ein Mikrotestfeld in Gestalt unseres eigenen Hauses. Dort koexistieren die Bilder in trauter Eintracht und mitunter auch in fruchtbringender Dissonanz. So dass wir schon immer die Möglichkeit hatten, zu spüren, was es werden könnte, wenn man diesen letzten Endes ja sehr verschiedenen Ansätzen, die wir verfolgen, die Möglichkeit eines etwas weiter gespannten Aufeinandertreffens und Miteinandertanzens einräumen könnte. Ich verspreche mir davon tatsächlich ein Mit- und Gegeneinander zugleich. Das Prinzip des Sowohl-als-auch ist das eigentlich Reizvolle. These und Antithese, das findet sich in unserem Schaffen in Gestalt der ebenso ähnlichen wie unterschiedlichen Ansätze wieder.

Loy: Das kommt auch schon im Titel zum Tragen. Wir haben eine ganze Weile überlegt, welchen Titel wir wählen, und sind dabei immer privater geworden. Was verbindet uns privat? Wir mögen eben unseren Garten sehr. Und das "Hinter den Gärten" ist die nächste Schicht, die sich auf unsere Arbeit bezieht.

In Ihrem Text "Rosa", den Sie, Herr Rauch, für den Katalog "Manna" über Rosa Loy geschrieben haben, bezeichnen Sie die Arbeiten Ihrer Frau als "Gärten, die von einem Geist verwaltet sind, der den Haushalt feinster Stoffe im Sinn hat". Frau Loy, kann man Sie als eine "Gärtnerin der Kunst" bezeichnen?

Loy: Na ja, man muss wissen, ich bin im ersten Beruf Gärtnerin. Ich habe Gartenbau studiert, bin Diplomgartenbauingenieurin und komme aus einer Gärtnerfamilie. Gemalt habe ich auch immer gerne, und ich habe dann einfach Beruf und Hobby vertauscht. Natürlich kann man sagen, ja sicherlich pflege ich meine Bilder aufzubauen wie ein Beet oder wie einen Garten. Das kann durchaus passieren, dem würde ich mich gar nicht verweigern. Aber unabhängig davon sehe ich bei Neo auch immer mehr Gärten in seinen Bildern.

Rauch: Schon immer.

Man kann es auch als metaphorisches Bild sehen: Ich habe gelesen, dass Sie, Herr Rauch, Ihre Einflüsse, Ihre Inspirationen als "Wildwuchs" bezeichnen, den Sie wie ein Gärtner zu bändigen versuchen.

Rauch: Ja, gewiss. Ein Künstler sollte sehr viel von einem Gärtner an sich haben. Von daher ist auch die Titelfindung sehr geglückt, denn "hinter" den Gärten erstrecken sich die Gebiete des Ungesonderten, des Ungebändigten, dort ist der Wald, dort lauern die Ungeheuer und der Wildwuchs. Und übertragen auf die Sphären des Rationalen und des Irrationalen, die ja allerhöchstens durch einen Gartenzaun voneinander getrennt sind, lassen sich auch schöne Rückschlüsse auf die Eigentümlichkeit unseres malerischen Tuns ziehen. Denn es geht ja darum, diesen Wildwechsel zwischen den beiden Zonen im Auge zu behalten. Was springt über? Was geht von der Ratio, von unserem unter Umständen sehr formellen Garten, hinüber ins Dickicht und was kommt von dort zurück? Und das sind die Dinge, die man mit den Leinwänden auffängt.

Loy: Es ist nicht nur so, dass aus der Wildnis etwas in den gepflegten Garten kommt, sondern es gibt immer auch Pflanzen, die auswandern, die verwildern und die man dann irgendwo wiederfindet. Und man denkt sich: Interessant, die kennst du doch von irgendwoher! Sie sind sozusagen auf eigenen Beinen davongewandert und haben sich irgendwo tief verwurzelt. Sie überraschen mit einer neuen Ordnung und lachen einen einfach an und sagen: Sieh mal, ich bin schon da, ich komme aus deinem geordneten System und das Chaos hat mich aufgenommen. Und hier ordne ich jetzt, und bis zu einem gewissen Grad werden sie vielleicht auch verschlungen. Das ist ja das Schöne: Beide Seiten befruchten einander.

Rauch: Dass man es auch zulässt!

Loy: Ja. Und man macht einen Schnitt und plötzlich sieht das Bild ganz anders aus, oder es gibt eine ganz neue Idee, eine neue Qualität. Das ist diese Befruchtung von innen nach außen.

Herr Rauch, Sie haben einmal gesagt: "Manchmal genügt ein Wort, um ein Bild auszulösen."

Rauch: Das kann ein Wort sein wie "Ursprung" oder "Buschwindröschen" oder "Hintergrund"...

Loy: ... oder "Hinter den Gärten". Man hat dann sofort eine Assoziation und dann kommt so eine Perlenkette

Rauch: Klangräume schließen sich dann auf, Farben wehen hinein.

Für viele Betrachter ist das Faszinierende an Ihren Bildern, dass sie - auch wenn man immer wieder bestrebt ist, sie zu entschlüsseln - rätselhaft und geheimnisvoll bleiben.

Rauch: Ja, es muss immer einen Restbestand des Unentschlüsselbaren, des Nichtverbalisierbaren geben. Das ist der Punkt. Die Malerei ist für die Zwischentöne und die Zwischenstufen des Wirklichen und Halbwirklichen und Unwirklichen zuständig.

Loy: Jeder möchte das Rätsel lösen, jeder will den Stein der Weisen präsentieren. Aber damit katapultiert man sich mitunter in die letzte Reihe.

Rauch: Auf der anderen Seite muss ich natürlich auch warnen: Es ist ja keineswegs so, dass meine Bilder vollkommen textfrei wären. Also mir ist durchaus daran gelegen, eine Spur durch den Garten hindurch in Richtung Wildnis zu legen. Wichtig ist aber, dass sich hinter dem Gartenzaun die Spur verliert.

Glauben Sie, dass vieles vom jeweils Anderen bewusst oder unbewusst in Ihre Malerei einfließt?

Loy: Es gibt bestimmt unbewusste Sachen, die einfließen. Aber es ist natürlich auch so, dass wir uns vom gleichen Humus nähren oder von ähnlichem Humus - wir gehen unterschiedlich an ähnliche Dinge heran und diese finden sich dann inhaltlich oder farblich wieder. Bewusst würde ich aber nicht sagen. Bewusst funktioniert nicht, das klappt nicht.

Rauch: Das kann man nicht machen. Das wäre auch höchst unfein, wenn ich hinüberginge, um dort etwas aufzugabeln und sofort wieder auf meine Leinwand zu montieren. Das passiert eigentlich ausschließlich unbewusst. Dann haben wir gemeinsame Erlebnisse, wir sehen gemeinsam bestimmte Filme oder Ausstellungen. Und tragen dann die atmosphärischen Schwebeteilchen dieser Erlebnisse in unsere Werkstätten hinein.

Loy: Ja, wir arbeiten hier 15 Jahre zusammen, wir sind 25 Jahre verheiratet. Wir sind ein altes Ehepaar.

r.

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