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Dota Kehr vor Leipzig-Konzert im Interview

Mit neuem Album im UT Connewitz Dota Kehr vor Leipzig-Konzert im Interview

Dota Kehr aus Berlin hat sich peu à peu hochgearbeitet – von der Straßenmusik in große Clubs. Heute gilt die 36-Jährige als eine der besten Songschreiberinnen Deutschlands. In ihren Liedern verarbeitet sie Ängste und gesellschaftspolitische Inhalte ohne platte Parolen. Am kommenden Dienstag spielt Dota im UT Connewitz. Wir sprachen mit der Künstlerin.

Geht auf Tournee: Dota Kehr.

Quelle: promo

Leipzig. Sängerin und Gitarristin Dota Kehr aus Berlin hat sich peu à peu hochgearbeitet – von der Straßenmusik in immer größere Clubs. Nebenbei gründete sie ein Label, nahm zwei Alben in Brasilien auf, schloss ein Medizinstudium ab – und bekam zwei Kinder. Heute gilt die 36-Jährige als eine der besten Songschreiberinnen Deutschlands. In ihren oft traurigen Liedern verarbeitet sie persönliche Ängste und gesellschaftspolitische Inhalte ohne platte Parolen. Am kommenden Dienstag spielt Dota im UT Connewitz. Wir sprachen mit der Künstlerin.

Der Sound auf Ihrem Album „Keine Gefahr“ ist sehr elektronisch. Wie kam es zu diesem Kurswechsel?

Wir hatten einfach Lust drauf. Elektronische Musik ist ein weites Feld, und unser Schlagzeuger Janis und ich haben eher zufällig angefangen, damit zu experimentieren. Das Elektronische passte gut zu den Stücken, die ich für dieses Album auf der Akustikgitarre geschrieben habe. Bei unseren Konzerten spielt Janis viele von den elektronischen Sounds live auf Pads. Wenn man überhaupt kein Live-Risiko hat und die Musik nicht schwingen kann, finde ich es immer sehr langweilig.

Das Lied „Grenzen“ sorgt im Netz bereits für Gesprächsstoff. Sind vor allem die Grenzen zwischen den Nationalstaaten für den Rechtsruck in Europa verantwortlich?

Eigentlich sind es die Nationalstaaten selbst, die für den Rechtsruck sorgen. Zu sagen, wir sind die Angehörigen einer bestimmten Nation und das sind die anderen, ist ein überholtes Konzept. Ich glaube, es bräuchte ein lokales Gemeinwesen, in dem man Steuern zahlt, demokratisch partizipiert und demgegenüber man sich verpflichtet fühlt. Das muss aber kein Nationalstaat sein, sondern eine kleinere, überschaubare Einheit. Das Lied „Grenzen“ erlaubt sich, mit der Handkante alles Realpolitische vom Tisch zu wischen, indem es in die Richtung einer positiven Utopie blickt.

In dem Lied fordern Sie einen „Pass, wo ‚Erdenbewohner‘ drinsteht”. Das ist eine hehre Utopie, aber was kann man real gegen Nationalismus tun?

Nationalismus ist etwas, was in den Köpfen ist. Dazu brauchen wir ein Umdenken. Nationalismus hat in der Vergangenheit und der Gegenwart zu so vielen Kriegen geführt. An Stellen, wo es vorher überhaupt keine Nationen-Wahrnehmungen gab, spielt das gezielte Nationalismus-Vorantreiben inzwischen eine große Rolle: Sich als Teil einer Nation wahrzunehmen und einen anderen inneren oder äußeren Feind zu definieren. Der Satz „Nennt mich naiv“ kommt in dem Lied vor. Ich maße mir nicht an, dass ich mich da besonders gut auskenne, aber in der großen Linie stimmt das.

„Grenzen“ ist ein Plädoyer für Menschlichkeit. Kann Gefühlskälte durch Klänge positiv beeinflusst werden?

Ich glaube schon. Es ist jedoch nicht mein Anliegen, mit solch einer Botschaft die Welt verändern zu wollen. Das ist viel zu groß. Aber ein Lied kann mindestens an dem Abend oder im dem Raum, wo es gespielt wird, etwas bewirken. Alles darüber hinaus ist die Variable X.

„Keine Gefahr“ lautet der Titel Ihres neuen Albums. In den 50er Jahren wurde Rock’n’Roll als gefährlich eingestuft. Ist Popmusik heute noch gefährlich oder subversiv?

In der Musik ist ja schon alles gemacht worden, die Rolling Stones waren damals ein Aufschrei, heute kann man mit dem Stilistischen und Inhaltlichen der Musik niemand mehr schockieren. Von den großen Plattenfirmen ist im Grunde alles geschluckt und kommerziell ausgewertet worden. Ich finde, wenn man auf einer Bühne steht, hat man die Verantwortung, die Aufmerksamkeit, die man bekommt, positiv zu nutzen. Musik kann ja auch viel Hass oder Vorurteile schüren, weil ein Lied im Gegensatz zu einem Zeitungsartikel einen direkten emotionalen Zugang schafft. Aber ob davon eine Gefahr ausgehen kann? So war der Titel jedenfalls nicht gemeint.

Wie dann?

Zum einen wollte ich das direkt so sagen, weil zurzeit überall viel Angst geschürt wird. Deswegen: keine Gefahr! Der Tiger auf dem Cover scheint das zu konterkarieren, aber hey: Geht für Sie von diesem Bild eine Gefahr aus? Eben!

In den ersten Jahren haben Sie vor allem in autonomen Kulturzentren und besetzten Häusern gespielt. Wie hat Sie das geprägt?

Zum einen habe ich die linke Gesinnungspolizei kennengelernt. Ich wurde nicht entdeckt von einer Plattenfirma, die mir dann eine fette Bookingagentur mit den besten Kontakten und eine riesen Promomaschine an die Seite gestellt hat, wie es auch der Weg sein kann. Ich habe es mir sehr langsam erspielt. Das finde ich gut.

Ist das Festhalten am eigenen Label auch ein politisches Statement?

Ja, auch. Ich mag es, mit den Füßen auf dem Boden zu stehen. Den Weg über die autonomen Kulturzentren und Jugendhäuser möchte ich nicht missen.

Interview: Olaf Neumann

Konzert im UT Connewitz am 2. Februar, 20 Uhr; Karten im Vorverkauf für 17 Euro.

Von Olaf Neumann

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