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Dramen-Destillat

236. Gewandhaus-Saison eröffnet Dramen-Destillat

Mit Ludwig van Beethovens siebter Sinfonie, dem fünften Klavierkonzert und der zweiten Leonoren-Ouvertüre starteten das Gewandhausorchester und András Schiff unter Herbert im ausverkauften Gewandhaus in die 236. Saison.

András Schiff und das Gewandhausorchester unter der Leitung Herbert Blomstedts.

Quelle: Kempner

Leipzig. Beethovens fünftes, sein „Kaiser“-Klavierkonzert steht und fällt mit einem Nichts. Immer wieder scheint der Kopfsatz auf der Stelle zu treten mit naiven Wechseln an der funktionsharmonischen Basis. Im Orchester klingt das ziemlich robust, im Klavier ein wenig nach Spieluhr. Sie kann regelrecht nerven, diese Episode, so sehr, dass Glenn Gould sie einst ins Zentrum seines pianistischen Nachweises stellte, dass dieses Werk nichts tauge. Das ist zwar recht unterhaltsam, aber natürlich grober Unfug.

András Schiff, Solist der selbstredend ausverkauften Saisoneröffnung am Samstagabend im Gewandhaus, nähert sich diesen Momenten rätselhaften Leerlaufs mit Akribie und Liebe. Der Bösendorfer, den er auf die Bühne hat wuchten lassen, lässt in der Höhe zwar ein wenig die vom Steinway gewohnte Kontrolle vermissen. Der glasige Glöckchenklang passt dennoch bestens zu seinen Erkundungen: Bei jedem Mal leuchtet er aus einem anderen Winkel hinein und findet in der vermeintlichen Leere betörende Schönheiten.

Schiffs Beethoven-Spiel ist unkonventionell. Mit dem Binnentempo verfährt er recht frei, und wenn er Spots auf sonst unterbelichtete Details richtet, scheint er manchmal selbst überrascht von dem, was da zutage tritt. Aber nie wird sein Spiel mutwillig, weil er die sehr kraftvollen Bösendorfer-Farben vor allem nutzt, um zu singen. Und so leuchtet das Melos selbst noch aus den Passagen, den Akkordbrechungen, den Oktaven heraus. Kraftvoll im Kopfsatz, innig im durchaus ein wenig bewegten Adagio un poco mosso und mit martialischer Vehemenz im Finale.

Dieses Klavierspiel, dem Schiff als Zugabe mit Teilen aus Bachs B-Dur-Partita noch eine pianistische Delikatesse hinterherschickt, die allein den Besuch des Konzerts lohnte, könnte der Nukleus für eine konzertante Sternstunde sein. Dass es anders kommt, hängt mit dem Gewandhausorchester zusammen, das unter der Leitung seines Ehrendirigenten Herbert Blomstedt den heroischen Impuls des Beginns aufnimmt – und beibehält. Kaum reagiert das Orchester auf die Farben, die Impulse, die gestalterischen Ideen, die Schiff am laufenden Band ins Tutti reicht. Auch seine Tempo-Vorstellungen bleiben weitgehend unbeachtet. Und so spielen der atemberaubende Solist und das fabelhafte Orchester bisweilen nebeneinander her. Nach mehreren einhellig umjubelten Festival-Auftritten in den letzten Tagen ist dieses Ergebnis ein wenig verstörend. Das ist zwar Jammern auf höchstem Niveau, aber der Vierklang Beethoven, Schiff, Blomstedt, Gewandhausorchester versprach eben noch mehr.

Dass Blomstedt sich Beethoven symbiotisch verbunden fühlt, zeigt indes die zweite Leonoren-Ouvertüre, mit der die 236. Gewandhaus-Saison beginnt. Blomstedt setzt ganz aufs Drama. Tatsächlich bietet sich diese Ouvertüre an, als Destillat den weiten Weges vom Dunkeln ins Licht einzufangen. Irden sind dabei die Farben des Orchesters, reich die Lichtreflexe, und Blomstedt gelingt das staunenswerte Kunststück, die Spannung über die gefährlich langen Generalpausen hinwegzutragen. Monumentales Orchesterspiel im Kleinen.

Die Siebte dagegen verlangt monumentales Orchesterspiel im großen Maßstab. 62 Takte lang präsentiert Beethoven im Poco sostenuto die motivischen, harmonischen und vor allem rhythmischen Modelle, aus denen er den Viersätzer zu schichten gedenkt. 62 Takte lang steigert Blomstedt die Spannung, bis sie sich im Vivace entlädt. Er entlädt sich indes eher gemessen, denn nicht nur hier bleibt Blomstedt deutlich hinter Beethovens Metronomzahlen zurück. Aber da Tempo eher eine Frage der Energie ist als eine der Geschwindigkeit, hemmt das kaum den Sog dieser Musik. Aber sie tanzt auf der Stelle – trotz der vielen schönen Töne, der betörenden Details und der durch die Bank fabelhaften Leistungen des Orchesters um Frank-Michael Erben.

Auch das herrliche Allegretto geht Blomstedt geruhsam an, mehr wie ein Andante. Doch hier entwickelt sich der strukturell strenge Satz in so lebendiger, sanft leuchtender und transparenter Schönheit, dass es hinreichend Gründe gibt, sich auf die Siebte in der gerade bei Accentus entstehenden Gesamteinspielung aller Sinfonien Ludwig van Beethovens zu freuen, die Blomstedt sich, dem Gewandhausorchester und uns zu seinem 90. Geburtstag im kommenden Juli schenkt. Mit den beiden letzten Sätzen wird man, kommen sie aus diesem Großen Concert, auch leben können. Obschon Scherzo und Finale eher grobmotorisch die restliche Energie aus der zu Beginn des Kopfsatzes vorgespannten Feder in (mäßige) Bewegung und (erhebliche) Dynamik umsetzen. Beide Sätze geraten gut, auf weiten Strecken sehr gut. Aber hinter den Erwartungen, die das Gewandhausorchester in den letzten Jahren unter Chailly und auch unter Blomstedt gerade mit Beethovens Sinfonien geschürt hat, bleibt das Ergebnis doch zurück.

Unabhängigkeit vom ohnehin fragwürdigen Ewigkeitsanspruch einer CD-Produktion: Diese Siebte funktioniert für den Augenblick. Im Taumel der Begeisterung lassen sich manche Konzertbesucher zu Bravo-Rufen in den Schluss-Akkord hinein verleiten – was bei Lichte besehen kein wirklich gutes Zeichen ist. Wenig später reißt es die Menschen im Saal von den Plätzen. Und weil Blomstedt derlei enthemmte Akklamationen offenbar auch im 90. Lebensjahr noch nicht ganz geheuer sind, dreht er sich um und klatscht mit – dem Orchester zu, das noch immer seines ist. Schön, dass die Durststrecke ohne Große Concerte vorüber ist. Und schön, dass Herbert Blomstedt von den 68 noch kommenden der 236. Saison immerhin noch 9 übernimmt.

Herbert Blomstedt in den Großen Concerten der Saison 2016/17: 17. / 18. November (Werke von Beethoven, Strauss und Wagner); 2. November (Werke von Händel – Festliche Musik zu Gunsten der Stiftung „Leipzig hilft Kindern“); 12., 13., 15. Januar (Werke von Beethoven); 16., 17., 18. März (Werke von Beethoven – mit Anne-Sophie Mutter); www.gewandhaus.de

Von Peter Korfmacher

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