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Drei Grad wärmer - Der neue Roman "Nilowsky" von Torsten Schulz

Drei Grad wärmer - Der neue Roman "Nilowsky" von Torsten Schulz

Sein Prosa-Debüt "Boxhagener Platz" (2004), später von Matti Geschonneck verfilmt, hat Torsten Schulz auf einen Schlag bekannt gemacht.

Der 1959 in Berlin geborene Autor schreibt außerdem Drehbücher und lehrt Praktische Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg. Nach dem Erzählungsband "Revolution und Filzläuse" (2008) ist jetzt sein zweiter Roman erschienen: "Nilowsky".

Von Janina Fleischer

Eine Bemerkung vorweg: Ja, die Handlung ist angesiedelt in der DDR der 70er und 80er Jahre. Sprelacarttische finden Erwähnung, Parteibonzen und Lenin-Zitate. Dennoch ist "Nilowsky" kein DDR-Roman. So wie Bücher, die im Ruhrgebiet der 60er oder Westberlin der 80er spielen, nicht BRD-Romane genannt werden müssen. Ein anderer Zusammenhang ist wesentlich: Torsten Schulz hat in Berlin-Spindlersfeld, das liegt zwischen Köpenick und Adlershof, seine Jugend verbracht. Wie bei "Boxhagener Platz", Kindheits-Gegend, sieht er keinen Grund, einen anderen Ort zu wählen. Die Zeit ist jene Vergangenheit, in der es weder Internet noch Mobiltelefone gab, in der Bahndämme Spielplätze waren und Vertragsarbeiter aus Mozambique exotisch.

Diesmal wird der Held erwachsen. Markus Bäcker heißt er, der anfangs 14-jährige Ich-Erzähler. Mit den Eltern musste er aus der Mitte Berlins an den Stadtrand ziehen. Hier ist es drei Grad Celsius wärmer als im Prenzlauer Berg: zwei Grad wegen der Schwefeldämpfe ausstoßenden Chemiefabrik und ein Grad wegen der Mozambiquaner. Sagt Nilowsky, Reiner Nilowsky. Der ist schon 17, Sohn des Wirts vom "Bahndamm-Eck". Er spricht so eigenartig entschieden, wie er denkt und kann vermutlich hellsehen. Die Mutter starb, da war er 4. Die Großmutter stammt aus Apulien und kann nicht sterben, bevor nicht ihr Schwiegersohn, der Kneiper, endlich tot ist. Der ist sein bester Gast und verprügelt seinen Sohn.

Nilowsky schweigt darüber und sammelt Groschen, die er auf den Bahngleisen plattfahren lässt, um sie zu verwandeln, zu veredeln sogar, denn Spuren vom Kleingeld würden für immer an den Rädern des Zugs kleben bleiben, würden durch Frankreich fahren und durch Spanien. Diese Art Glaube wie auch einige Arten von Aberglaube prägen die Alltagsweisheit der Figuren, die eigenwillig sind, liebenswert und komisch. Nilowsky erklärt mit heiligem Ernst, für Afrikaner sei Gott der höchste Revolutionär.

Am Ende wird die Familie Bäcker kaum fünf Monate hier bleiben, wo die Gleise ins Irgendwo führen, die Menschen aber sehr konkret ihren Vorfahren und deren Geschichten verhaftet sind. Fast alle Wege führen auf den Friedhof und enden dort noch lange nicht. Nilowsky sind sie vertraut: ältere Frauen wie "Neger-Wally", die für Roberto, Ricardo und Pedro kochen, während die Pause machen "für die Revolution" oder mit Voodoo-Zauber und Hühnerblut den Lauf der Liebe überlisten wollen, was zwar geht, aber nicht gut. In deren rotgelbem Holzhaus allerdings war selbst Nilowsky noch nie. Er wird Markus' zunächst einziger Freund hier draußen. Immer wieder verschwindet er für ein Weilchen, nicht ohne geheimnisvolle Botschaften zu hinterlassen, die im Grunde Befehle sind.

Dazu kommt Carola, die beschlossen hat, nicht älter als 13 zu werden, weshalb das "Koboldmädchen" auch mit 17 noch aussieht wie eine 12-Jährige. Nilowsky kann sich nur eine Zukunft mit Carola an seiner Seite vorstellen. Carola mag an Sex nicht mal denken, an Markus hingegen schon. So lernt der das Wort platonisch kennen. Die Pubertät hat ihn bereits fest im Griff. Verliebtheit kommt, Verliebtheit geht. Abitur, Grundwehrdienst in Eggesin und Pädagogikstudium sollen ihn ablenken - von Carola wie auch von Nilowsky, der im Knast gelandet ist, und mit dem ihn in einem halb brüderlichen, halb väterlichen Verhältnis längst auch Verrat verbindet. Ein Versuch der Befreiung.

Torsten Schulz beginnt unterhaltsam und fesselt dann mit seiner Geschichte von Abhängigkeiten, von Unfreiheit, auch Unterwürfigkeit aus anderen als politischen Gründen. "Komm mit!" sagen Wally, Nilowsky oder Carola zu Markus; seine Eltern setzen es voraus. Am Ende geht er bewusst in eine Freundschaft, die der Liebe verwandt scheint. Da rundet sich eine Geschichte, die über Zeit und Ort der Handlung hinausweist.

 

 

Torsten Schulz auf der Buchmesse und bei "Leipzig liest": 15. März, 17 Uhr, ARD-TV-Forum (Halle 3, Stand C501); 16. März, 19 Uhr, Centraltheater, Hinterbühne, (Bosestraße 1)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.03.2013

Janina Fleischer

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