Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Drei Mal Lügen - Daniel Kehlmanns neuer Roman "F" entwirft eine magische Geschichte

Drei Mal Lügen - Daniel Kehlmanns neuer Roman "F" entwirft eine magische Geschichte

Drei Brüder und ihr Vater stehen im Zentrum des neuen Romans "F" von Bestsellerautor Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt"). So mysteriös wie der Titel, so magisch ist die Geschichte, in der es um Glaubensfragen geht, um Kunst- und Finanzmärkte.

Voriger Artikel
Die Würde im Auge des Betrachters - Ferdinand von Schirachs neuer Roman "Tabu"
Nächster Artikel
Im Thal der Täubchen: Nur wenige Besucher bei erstem Konzert des neuen Leipziger Clubs

Daniel Kehlmann (Archivfoto) wurde 1975 in München geboren. Sein erster Roman "Beerholms Vorstellung" erschien 1997. "Die Vermessung der Welt" (2005) wurde ein Bestseller und von Detlev Buck verfilmt.

Quelle: dpa

Leipzig. Und um F wie Fatum, Schicksal. Spielerisch bringt Kehlmann in diesem Gegenwartsroman Übersinnliches und Wirtschaftskrise unter einen Hut.

Die Zwillinge Iwan und Eric sehen einander so ähnlich, dass sogar das Schicksal sich irrt und Warnungen wie Hilferufe zwar ankommen - aber beim jeweils Falschen. Falsch sind auch die Bilanzen, die Finanzberater Eric erfindet, und die Bilder, die Kunsthändler Iwan verkauft. Ihr Halbbruder Martin wird Priester und flüchtet in einen Glauben, den er gar nicht hat. Nur Vater Arthur scheint glücklich einer Lebenslüge entkommen zu sein, nachdem ihn bei einer Hypnose-Show der Blitz der Erkenntnis traf.

So läuft in Daniel Kehlmanns neuem Roman "F" eigentlich alles auf eine Katastrophe zu. Ausgangspunkt ist der 8. August 2008, ein heißer Tag, noch ein Jahr bis zur Wirtschaftskrise. Kehlmann lässt ihn drei Mal durchleben von den drei Ich-Erzählern Martin, Eric und Iwan Friedland. Was scheinbar harmlos beginnt, steigert sich im Zusammenlaufen der einzelnen Stränge zu einer großen Geschichte.

Bevor es dazu kommt, hält Kehlmann kurz inne mit Arthurs Rückblick auf die Familiengeschichte, die eine vom Scheitern der Väter ist, die Schauspieler waren, Wegelagerer, Sohn eines Söldners: "Und wäre er gestorben, gäbe es weder mich noch meine Söhne. An unserer Stelle würden andere, die es nun nicht gibt, ihr Dasein für unausweichlich halten." Auch die Fragen nach Zufall und Schicksal sind es, die in immer neue Räume führen und diesen Roman Seite für Seite über sich hinaus wachsen lassen. Magie spielt dabei eine große Rolle - nicht unbedingt die des Tarot-Kartenlegers auf dem Jahrmarkt, sondern die der Zusammenhänge. Oft wirkt das unheimlich, aber immer folgerichtig.

"Überleg dir genau, wer du sein möchtest", sagt Iwan. "Frag dich, was der, der du sein möchtest, tun würde. Und dann tu genau das." Er hat die Rechnung ohne "das große F." gemacht, Fatum, denn "der Zufall ist mächtig, und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal." Das sagt Arthur, der die Familie verlassen hat, um Romane zu schreiben. Erfolg aber hat er erst mit dem Buch "Mein Name sei Niemand", einer verwirrenden Geschichte von Überdruss und Selbsthass, in der es die Welt nicht gibt und den Menschen auch nicht. Eine Figur darin, F., behauptet, niemand habe ein Selbst und jedes Ich sei eine Täuschung. Kaum jemand nimmt Notiz von diesem Buch, bis es den ersten Leser in den Tod lockt. Eine kleine Selbstmordwelle, die Zeitungen berichten, und Arthur ist ein gefragter Autor. "Es geht auch ohne Kompromisse", sagt er. "Man kann leben, ohne ein Leben zu haben. Ohne Verstrickungen. Das macht vielleicht nicht glücklich, aber es macht leicht."

Leicht hat es keiner seiner Söhne. Martin, der als Priester quasi auf dem kurzen Dienstweg mit der Vorsehung verbunden ist, kann mit Mysterien nichts anfangen, benutzt den Begriff aber gern, wenn er keine Antwort weiß. Er glaubt nicht an Gott, sondern an Zufälle. Die hätten dazu geführt, dass zwischen ihm und den Frauen nichts zustande kam. Seine Hoffnung war: "Sobald ich an Gott glauben würde, würde sich alles ordnen, dann würde mein Leben nachträglich zu einem Schicksal werden. Dann würde alles Fügung gewesen sein." Vielleicht ist er kein Betrüger, aber ein Heuchler. Zumindest fälscht er sein Leben.

Während der Leser jedem der drei durch den 8. August folgt, die gleichen Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven miterlebt, was oft nicht ohne Komik ist, reist er mit den Erinnerungen der Erzähler in deren Vergangenheit, gerät in Diskurse über Gott und die Kunstwelt und über das Mittelmaß. Glaube sei eine Spekulation über Wahrscheinlichkeit, erklärt Martins Studienkollege, heute stellvertretender Chefredakteur von Radio Vatikan. "Glauben heißt: annehmen, dass es wahrscheinlich so ist, obwohl es auch nicht so sein könnte. Nicht glauben heißt: annehmen, dass es wahrscheinlich nicht so ist, auch wenn es durchaus so sein könnte. Ist der Unterschied wirklich groß?"

Eric glaubt nur an Investitionen. Für den Finanzberater kommt erst der Betrug, dann das Gebet. Er hat eine Frau, eine Tochter und eine Geliebte, in seinem 7,5-Millionen-Euro-Haus hängt ein Paul Klee, den er nicht mag, doch "ein Mann in meiner Position muss nun mal ein teures Gemälde besitzen". Er kann es nicht verkaufen, "zu viele Leute haben es im Salon gesehen, wo ich ja immer drauf hingewiesen habe, sehen Sie meine Klee"

Auch er führte ein täuschend falsches Leben. Nun, mit 37, ist er pleite. Hat aber, wie bei Anlagebetrügern üblich, nicht nur das eigene Vermögen verloren. Also fälscht er Bilanzen, ignoriert 2731 ungelesene Mails. Er muss Tabletten schlucken, um den Tag zu überstehen. Manisch, verwirrt und paranoid in angenommener oder tatsächlicher Erpressbarkeit sagt er, man dürfe nicht die Kontrolle über die Preise verlieren. Und verliert die Kontrolle über sein Leben.

Verglichen mit den anderen wirkt Eric überzeichnet. In den Seelen der Ungläubigen und in den Seelen der Künstler scheint Kehlmann sich wohler zu fühlen. Wie in der von Iwan, der Maler werden wollte. Er hat in Oxford studiert. Hat es zum Kurator, Nachlassverwalter, Träger teurer Anzüge gebracht. Das Malen hat er aufgegeben, weil er Mittelmaß nicht erträgt: "Ich kann nur Ich sein. Und das reicht nicht." Deshalb vielleicht entdeckt er die Ironie als Kunstform. Später wird ein Kritiker fragen: "...ja haben wir wirklich so große Angst vor der Unsicherheit, dass wir es für nötig halten, uns in den Schutzpanzer der Ironie zu hüllen"?

Eine Frage, die sich auf vieles übertragen lässt, und eine von vielen Fragen, die Kehlmann aufwirft in diesem magischen, ernsthaften und bei all dem ungeheuer unterhaltsamen Roman.

Daniel Kehlmann: F. Roman. Rowohlt Verlag; 384 Seiten, 22,95 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.12.2013

Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr