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Dröhnen mit Röhren: Sunn O))) lärmen zum 25. Geburtstag des Conne Island

Konzert Dröhnen mit Röhren: Sunn O))) lärmen zum 25. Geburtstag des Conne Island

Das Conne Island hat sich zur Feier der 25-jährigen Existenz einen speziellen Gast als ersten Höhepunkt der vom Jubiläum geprägten zweiten Jahreshälfte geladen, der nur schwer als Sound einer Geburtstagsfeier zu imaginieren ist. Am Mittwoch dröhnt dort schwermütig die Band Sunn O))).

Ist es Musik oder einfach nur Geräusch? Attila Csihar, Tos Nieuwenhuizen, Greg Anderson und Stephen O’Malley (von links) huldigen in ihrer Band Sunn O))) den Möglichkeiten des Verstärkers – gern auch in entsprechender Lautstärke.

Quelle: Peter Hönnemann

Leipzig. Eine Art Vorfreude-Angst vibriert unter den Krach-Connaisseuren der Stadt, verbunden mit einer alten Grundsatzfrage. Denn das Conne Island hat sich zur Feier der 25-jährigen Existenz einen speziellen Gast als ersten Höhepunkt der vom Jubiläum geprägten zweiten Jahreshälfte geladen, der nur schwer als Sound einer Geburtstagsfeier zu imaginieren ist. Oder zumindest nur einer extrem auf Katharsis angelegten.

Sunn O))) jedenfalls, gegründet 1998 in Seattle von Greg Anderson und Stephen O’Malley, die heute in Los Angeles beziehungsweise Paris leben, sind nicht für offensiv überbordende Fröhlichkeit bekannt. Vielleicht, das kann auch mehr als 100 Jahre nach der Ausrufung der „Kunst des Geräuschs“ durch den italienischen Futuristen Luigi Russolo noch ein Streitpunkt sein, nicht einmal für Musik. Zumindest nicht der herkömmlichen Art.

O’Malley und Anderson, der zeitgleich mit der Band das entsprechende Label Southern Lord gründete, hatten eine gemeinsame Vorgeschichte in den Death/Doom-Metal-Bands Thorr’s Hammer und Bewitched, entwickelten sich aber von diesen noch relativ tradierten Rock-Formen, denen sie in einem ihrer vielen anderen Projekte durchaus noch zugeneigt sind, bei der Wiederzusammenführung als Sunn O))) stetig weiter zu einem Raum greifenden Klang an sich. Einem überaus entschleunigten Geräuschträger, der ohne rhythmische Strukturen auskommt, sieht man ab von den in weiten Abständen gesetzten Gitarrenanschlägen zur Erzeugung massiver und sich überlagernder Feedback-Wellen. Die ohne Röhren-Verstärker natürlich nicht zu haben sind, aus denen Sunn O))) für die Live-Performance eine gigantische Mauer errichten lassen, vor der sie ihr Lärm-Ritual zelebrieren, gehüllt in mönchsartige Roben und umwoben von dichtestem Nebel, den kaum ein Licht durchdringt.

Russolos „Kunst des Geräuschs“

Dass der Bandname eine Verneigung vor der Verstärkerfirma Sunn ist, versehen mit einem Resonanz versprechenden Symbol, enthüllt zusätzlich die offenbare Konzepthaftigkeit des Ganzen. Man muss dabei jedoch nicht gleich bis zu Russolo zurück, den sie aber sicherlich (mittlerweile) kennen. Der oft benannte größte Bezugspunkt waren die mittlerweile auch von Southern Lord veröffentlichten Drone-Vorreiter Earth, die ungemein inspirativ bei ihrer Entwicklung eines Gespürs für Räumlichkeit und deren Potenziale der Klangentfaltung waren.

Da die Show vom Schubladenkonsortium präsentiert wird, seien aber auch noch ein paar andere Verweisfächer benannt. Die Minimal Music von La Monte Young zum Beispiel. Oder Lou Reeds „Metal Music Machine“, ein Früh-Klassikers des Dröhnens. Oder die Geräuschforschung des Industrial, fortgesetzt in experimenteller Elektronik. Mit einer Einladung in jenen Kontext, ausgesprochen 2003 von den britischen Soundspezialisten Autechre zum von ihnen kuratierten „All Tomorrow’s Parties“-Festival, kam auch die internationale und vor allem Schubladen übergreifende Wahrnehmung von Sunn O))).

Ein düsterer Kreis schließt sich

Auch hier halfen Earth, wenn auch ungewollt, denn deren Fehlen lancierte Sunn O))) plötzlich als direkten Support von Aphex Twin. Dass Autechre bald ebenfalls zu 25 Jahren Conne Island auflaufen, ist da nur so zufällig konsequent wie schön. Der Rest nun ist eine Erfolgsgeschichte fortgesetzter Langstrecken-Soundforschung, die nicht zuletzt zu Kooperationen mit Ulver, Scott Walker, Pan Sonic, Nurse With Wound oder Merzbow führte. Oder O’Malley in das Duo KTL mit dem Noise-Experten Peter Rehberg vom Label Editions Mego, bei dem er das Sublabel Ideologic Organ betreut.

Aber auch wenn die Wertschätzung nunmehr längst weit über aufgeschlossene Metal-Kreise hinaus geht – dessen Ästhetik verlassen Sunn O))) doch nie ganz. Sie versetzen eher seine Grenzmarkierungen stetig weiter. Nicht zuletzt mit dem auf das ritualistische Grundpathos noch eine Sonderportion Black-Metal-Drastik werfenden ungarischen Dauergast Atilla Csihar, der seine schrille Stimmakrobatik sonst vor allem bei der norwegischen Black-Metal-Legende Mayhem einsetzt. Deren Ur-Besetzung wiederum im November 1990 in den damals noch Eiskeller heißenden gleichen Räumen auftrat, was auf einem bei Eingeweihten berühmten Mitschnitt dokumentiert wurde.

Es schließt sich hier also zudem ein besonders düsterer Kreis, von dem aus sicher spannende Diskussionen um Satanismus, Neo-Paganismus oder den Kult des Nordischen geführt werden könnten. Aber sicher erst ein paar Tage nach der Show. Diese nämlich, supported von dem ebenfalls schwer zu empfehlenden kanadischen Trio Big Brave, stellt durchaus eine Gefahr für die spätere Fähigkeit zum Zuhören dar. Denn die oben erwähnte Grundsatzfrage ist selbst für nach Intensität dürstende Genießer größter Lautstärken: ohne oder besser doch mit Hörschutz? Eine körperliche Erfahrung wird es sowieso, massivster Tieffrequenz-Attacken sei Dank. Ein Birthday-Beben also, nicht zuletzt.

Sunn O))), davor Big Brave, Mittwoch, 21 Uhr, Conne Island (Koburger Straße 3), Vorverkauf 27,50 Euro

Von Alexander Pehlemann

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