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Durch Licht in die Finsternis

Alan Gilbert dirigiert im Großen Concert des Gewandhausorchesters Durch Licht in die Finsternis

Beethovens federleichtes B-Dur-Klavierkonzert und Béla Bartóks düsterer Operneinakter „Herzog Blaubarts Burg“ im Großen Concert des Gewandhausorchesters. Am Pult: Alan Gilbert, Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker.

Alan Gilbert am Pult, Inon Barnatan am Flügel

Quelle: Kempner

Leipzig. Die Sache geht nicht gut aus. Bereits die ersten Töne, die Alan Gilbert behutsam aus der Stille hebt bei den Großen Concerten dieser Woche, lassen ahnen, dass Blut klebt am Räderwerk, das da so trügerisch sanft Fahrt aufnimmt. Per aspera ad astra, durchs Raue zu den Sternen, durchs Dunkle zum Licht – was über Jahrhunderte der abendländischen Kunst die Richtung vorgab, interessierte Béla Bartók und seinen Librettisten Béla Balázs nicht, als sie 1911 den Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ schufen. Hier geht die Reise durchs Helle schnurstracks in die Düsternis: Judiths Hochzeitsnacht mit Ritter Blaubart wird ihre letzte sein.

Symbolistisch aufgeladen ist diese Oper, und der Prolog-Satz „Wo ist die Bühne? Außen oder innen, ihr Männer und Frauen?“ ein schlagkräftiges Argument für die konzertante Aufführung des Einakters. Denn die Eindringlichkeit, mit der Bartók diese Reise ins innere Dunkel, bedarf der Szene im Grunde nicht – vorausgesetzt, sie wird so emotional, so erzählerisch so sensibel und bei Bedarf auch so gewalttätig umgesetzt wie mit dem Gewandhausorchester unter Gilbert.

Diese Aufführung zieht ihre Größe nicht so sehr aus der Präzision des Zusammenspiels. Da war man am Augustusplatz in den letzten Jahren schon weiter. Doch macht dies die Eindringlichkeit doppelt wett, mit der Gilbert mit diesem Klangkörper die Palette der meist matten, nur vorübergehend leuchtenden oder grellen Farben von Bartóks Partitur in den Dienst einer psychoanalytischen Wahrheit stellt. In keiner Sekunde hängt der Spannungsboden durch. Atemlos folgt ein Großteil des Publikums dem Weg des Herzogs und seiner verlorenen Braut vorbei an Folterkeller und Waffenlager, Tränensee und blutenden Rosen – bis zu jener siebten Tür, hinter der die Erfüllung im Tod wartet.

Michelle DeYoung sei indisponiert, entschuldigt Gewandhausdirektor Andreas Schulz zuvor die Mezzosopranistin, die Judith ihre Stimme leiht. Unnötig – wie so oft. Denn sollte sich tatsächlich der Schleier eines Infektes über diesen Gesang gelegt haben, stört er nicht weiter. Es geht bei dieser aus Wort und Seele gezeugten Deklamation weniger um den schönen Gesang als darum, dass die Seele, das Unbewusste, das Verstörende und das Verstörte sich Bahn brechen. DeYoungs Judith ist keine zerbrochene Elfe, kein Opfer. Erhobenen Hauptes folgt sie der Liebe in den Abgrund. Entsprechend ist der Blaubart Mikhail Petrenkos kein Schurke, sondern seinerseits ein Getriebener. Auch dieser Bariton setzt mehr auf die wahren Töne als auf die schönen – und profitiert wie seine Kollegin sehr davon, dass er aufs ungarische Original zurückgreifen kann, derweil das Publikum im nicht ganz vollen Saal die Übersetzung via Übertitel präsentiert bekommt und Zeuge einer konzertanten Sternstunde im Großen Concert wird.

Der eine weitere halbe voraus geht: Beethovens zweites Klavierkonzert, das eigentlich sein erstes ist, mit Inon Barnatan am Steinway. Auch hier geht es um Licht und um Farben – aber auf der anderen Seite des Spektrums: hell, verspielt, überschäumend vor Energie. Erstaunlich, dass dieses herrliche Werk das am seltensten gespielte der fünf Klavierkonzerte Beethovens ist. Und auch wieder nicht: Denn es ist nicht leicht, sich für einen Beethoven zu entscheiden in diesem Geniestreich, dessen Wurzeln in Bonner Teenager-Jahre hinabreichen. Barnatan setzt nicht auf die Pranke des späteren Titanen in Wien, sondern auf den Funken, der mehr noch als zu Mozart auf Haydn weist, Beethovens Zukunft mit den Ahnen kurzschließt.

Für diese so gewitzte wie gelöste Musizierhaltung ist Barnatan der perfekte Pianist: Die Delikatesse seines Anschlags, der Reichtum der Aquarell-Farben, die er in orchestraler Vielfalt aufträgt, ohne dass sie je ineinanderflössen, seine elegante Phrasierungskunst, die ihn selbst die quirligsten Passagen und Kaskaden noch subtil aussingen lässt, die findige Raffinesse, mit der er fortwährend betörende Details ans Licht bringt, ohne dass dies den Fluss hemmte – das sind die Werkzeuge mit denen er aus diesem frühen Beethoven das vollkommene Meisterwerk des Klassikers herausarbeitet. Und mit den gleichen Mitteln lässt Gilbert das Gewandhausorchester um Frank-Michael Erben schimmern, strahlen, glänzen, singen, tanzen. Zusammen erschaffen Solist und Ensemble eine Welt voller Heiterkeit, Schönheit und Wonnen, die die Verliese von Blaubarts Burg im zweiten Teil noch düsterer scheinen lässt.

Für den Applaus bedankt sich Barnatan mit Busonis Transkription von Bachs „Schafe können sicher weiden“ – eine ganz nach innen leuchtende Perle polyphon fließenden Klavierspiels. Wäre schön, diesen Pianisten bald wieder im Gewandhaus erleben zu dürfen.

Den Beethoven gibt’s heute, 16 Uhr, noch mal im Familienkonzert; 27., 28.10.: Großes Concert: Alan Gilbert dirigiert Anders Hillborgs zweites Violinkonzert (Solistin: Lisa Batiashvili) und Gustav Mahlers ERste. Karten (5–69 Euro) im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050. und www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1270280 oder an der Gewandhauskasse.

Von Peter Korfmacher

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