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Durch Stürme bedrohte Idylle - Werke des Komponisten Britten in Leipzig im Konzert

Durch Stürme bedrohte Idylle - Werke des Komponisten Britten in Leipzig im Konzert

Seine Musik erzielte emotionale Wirkungen die bis heute unverbraucht sind und das auch in der digitalen Welt bleiben werden: Vor 100 Jahren wurde der Komponist Benjamin Britten geboren.

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Benjamin 1958 Britten in seinem Studio im Red House in Aldeburgh (Grafschaft Suffolk).

Quelle: Kurt Hutton

Leipzig. "Orpheus Britannicus" wurde er genannt - ist das nicht doch eine kleine Übertreibung und ästhetische National-Selbstvergewisserung? Vielleicht kommt man der Sache näher, wenn man die Betonung auf das zweite Wort legt, denn mindestens in einer Hinsicht steht Benjamin Britten, heute vor 100 Jahren geboren, in einer Reihe mit älteren Landsleuten wie Elgar, Walton, Delius oder Vaughan Williams: Ihre Musik möchte ergreifen, aber nicht missionieren.

Ehe diese Klänge die Welt suchen, gehen sie erst einmal ins Innere und schirmen sich mit einer feinnervigen und auch ein wenig elitären Noblesse gegen alle allzu heftigen Zumutungen von außen ab. In Brittens Falle gab es sehr handgreifliche biographische Gründe für diese Tendenz: Ein homosexueller, pazifistischer Linker war gleich mehrfach ausgegrenzt - umso mehr in Zeiten eines Weltkriegs, bei dem das eigene Land vor der Notwendigkeit stand, sich aktiv zu verteidigen.

Seine Einzigartigkeit besteht darin, wie er die dadurch bedingte dünnhäutige Sensibilität übers Individuelle hinaus verallgemeinern konnte zum Gleichnis einer nervösen, trotz relativer äußerer Stabilität in ihren Innenräumen nicht mehr sicheren Bürgerwelt, der er dennoch auch selbst verhaftet blieb. Es war eine reizbare und leicht verletzliche Liebe, die Benjamin Britten an seine Freunde, aber auch an sein Land band.

Die Provinz Suffolk, wo er geboren wurde, eine tiefe Prägung durch die musikliebende Mutter empfing und in der er trotz langer Ausflüge seinen Lebensmittelpunkt behielt, wurde zum Gleichnis-Ort für diese ambivalente Haltung: eine immer durch Stürme bedrohte Idylle, bezaubernd, aber auch geprägt durch engstirnige Bigotterie, die sich in den Dörfern und Kleinstädten auslebte.

In seinem "Peter Grimes", 1945 uraufgeführt und für den Komponisten der endgültige Durchbruch zum Welterfolg in der genauen Mitte seines Lebens, hat er dieser Welt ein Denkmal gesetzt; aber sie tönt, in einem gleichzeitig faszinierenden und verschreckenden Zwielicht, als Hintergrund auch dort mit, wo Britten ins Hochliterarische geht: sei es auf den Spuren Shakespeares im "Sommernachtstraum", sei es auf denen des somnambul-gruseligen Henry James in "The turn oft he screw" oder denen Thomas Manns im "Tod in Venedig".

Nicht nur auf der Opernbühne lebte der Künstler seine Liebe zur verfeinerten, nachhörenden Wortausdeutung aus, sondern gleichermaßen in einer Folge bedeutender Liederzyklen, langen Reihen von Volksliedbearbeitungen und chorisch-oratorischen Werken, unter denen das 1962 uraufgeführte "War Requiem" als humanistisches Monument in Zeiten des Kalten Krieges steht, wo das Rituelle, Militärische und Politische höchst intim durchlebt und durchlitten, die private Utopie aber zum Versuch einer Gegenwelt wird.

Sprechend sind seine Klänge nicht zuletzt auch da, wo Benjamin Britten rein instrumental komponiert - sei es in der den Eltern gewidmeten "Sinfonia da Requiem", den lyrisch geprägten Konzerten oder seinen jeweils drei Cellosuiten und Streichquartetten. Wieder ist das schwierige Verhältnis des einzelnen zur Allgemeinheit ein latentes Grundmotiv. Und weil er es verständlich kommunizieren wollte, haben ihn die verschiedenen avantgardistischen Klangentwürfe, die seine Lebenszeit bis 1976 begleiteten, wenig angerührt, ohne dass er sich ihnen völlig verschlossen hätte. Am Ende blieb er - ähnlich Dmitri Schostakowitsch, mit dem ihn ein tiefes gegenseitiges Verständnis verband - so etwas wie ein progressiver Konservativer: ein Komponist, der sich in die Tradition stellte, ohne sich von ihr versklaven zu lassen - und damit emotionale Wirkungen erzielte, die bis heute unverbraucht sind und das, wie es scheint, auch in der digitalen Welt bleiben werden.

Freitag, 20 Uhr, Gewandhaus: Im Großen Concert dirigiert Andrew Manze Werke von Britten und Mozart. Auch in der morgigen Audio Invasion steht Britten auf dem Programm. Restkarten (5-52 Euro) jeweils an der Abendkasse oder unter Telefon 03411270280.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.11.2013

Gerald Felber

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