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Durchfahrende Schiffe - "Aus dem Berliner Journal" von Max Frisch

Durchfahrende Schiffe - "Aus dem Berliner Journal" von Max Frisch

20 Jahre lag das Konvolut aus fünf Ringbüchern in einem Bankschließfach. So hatte es der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) am 31. März 1980 verfügt.

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Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch im Jahr 1989. Sein "Berliner Journal" war für 20 Jahre nach seinem Tod gesperrt, jetzt sind Auszüge daraus erschienen.

Quelle: dpa

Zwei dieser Bücher sind nun als Auszüge "Aus dem Berliner Journal" erschienen. Sie entstanden 1973/74, als Frisch und seine Frau Marianne in Berlin Friedenau lebten.

Im März 1973 war Max Frisch auf der Leipziger Buchmesse Gast des Verlages Volk und Welt. "Zweieinhalb Tage lang auf Händen getragen", notiert er. "Aus beiläufigen Gesprächen doch allerlei Informationen; Vorsicht mit Schlussfolgerungen meinerseits. Wir, im Status des Privilegierten, fühlen uns wohl und das Volk auf den Strassen sympathisch."

Seit ein paar Wochen erst lebt das Ehepaar Frisch in der Westberliner Sarrazinstraße 8. Einer der Gründe von Zürich wegzugehen: weil dort "zuviele mich kennen". Regelmäßig reist Frisch in den Ostteil der Stadt, wo im Verlag Volk und Welt eine Ausgabe seiner "Tagebücher" vorbereitet wird. Er trifft auf Kollegen, Lektoren, Funktionäre; begegnet Jurek Becker, Wolf Biermann, Günter Kunert, Christa und Gerhard Wolf. Er erlebt die Vorsicht in Gesprächen, reflektiert über das "loyal-ironische Verhältnis" zum System: "Charakter zu haben muss furchtbar schwierig sein; man atmet auf, wenn einer glaubwürdig erscheint in seiner Affirmation oder Kritik." Neugier und Zweifel machen den Zuhörer und Beobachter Frisch zum Zeugen.

Er konstatiert eine "Mischung von Kameraderie und strikter Verhohlenheit" und nach einer Lesung vor dem Schriftstellerverband erlebt er die Diskussion in einer gewissen "Hackepeter-Gemütlichkeit". Befragt wird der Gast kaum, und was er selbst sagt, bleibt oft "wie auf Band gesprochen, ohne feed back". Er bemerkt bei Autoren wie den Wolfs "etwas Besonnenes, eine Haltung, die man aus pfiffigen Vorworten aus der Feudalzeit kennt. Denken und Veröffentlichen sind zweierlei; das schärft vielleicht das Denken." Der Blick des Schweizers ist offener als der westdeutscher Kollegen. Das Herz vielleicht auch.

Die Analysen, Porträts oder Reflexionen sind teils poetische, stets in sich geschlossene Texte - wie jener über Zürich als geteilte Stadt. In Sentenzen hadert Frisch mit dem eigenen Schreiben, er arbeitet an seiner Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän" (1979), und beklagt, fast 62-jährig, das Altern: "Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses: Beim Schreiben kann man wenigstens nachsehen, was man vorher gesagt hat; aber das verrät auch nicht immer, was man hat sagen wollen. Wie wenn man mit Kreide auf ein nasses Glas schreibt." Aufrichtigkeit ohne Erkenntnis ist ihm "eine gelassene Art von Verzweiflung an sich selbst". Ironie definiert er "als das billige Mittel, einen Menschen zu reduzieren auf unser eigenes Verständnis".

Ob der Schriftsteller mit sich oder anderen ins Gericht geht, mit Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger oder Günter Grass - er bleibt gerecht (nie selbstgerecht) bis an die Schmerzgrenze. Bei Grass erkennt er: "Sein Beschluss, er werde sich aus der politischen Aktivität zurückziehen, aber offenbar verträgt er nicht, was damit verbunden ist: Abnahme seiner öffentlichen Präsenz."

Mit dem 1959 aus der DDR nach West-Berlin übergesiedelten Uwe Johnson verbindet Frisch eine Freundschaft. "Sympathie macht ihn nie kumpelhaft, unter Umständen aber männlich-zärtlich bei einer präzisen Schamhaftigkeit." Die Freunde bleiben beim "Sie", weil das "eine besondere Art von Zuneigung, Vertrauen ohne Zutraulichkeiten" erlaubt und sichert. "Was will er eigentlich?", fragt er sich, "das schlechte Gewissen derer, die in der DDR leben und das Übel, das sie erkennen, unter Opfern bekämpfen? Es hat mit schlechtem Gewissen zu tun, aber mit seinem, so fürchte ich, ohne es ihm sagen zu können." Johnson überlässt er als einzigem eine Kopie der ersten beiden "Berliner Journal"- Hefte. Die Originale belegt Frisch mit einer 20-jährigen Sperrfrist - bis 31. März 2011.

"Da kommt man in Bereiche, wo man als Kleinsparer gar nicht hineindarf", erinnert sich Thomas Strässle, Herausgeber des nun erschienenen Buches, an den Moment, als im April 2011 der Banksafe am Zürcher Bellevue geöffnet wurde, um womöglich einen Schatz zu heben. "Die Legende ging, es würde sich beim Berliner Journal um ein druckreifes Manuskript handeln", schreibt Strässle im Nachwort. Das habe sich jedoch "nur zu Teilen bewahrheitet". Heft eins und zwei (1973-1974) erweisen sich als "ins Reine geschrieben, ausformuliert und durchkomponiert", die Hefte drei bis fünf (1974-1980) hingegen sind "zum Ende hin skizzenhaft verfasst und kreisen fast ausschließlich um Frischs Privatleben".

Deshalb spricht Strässle, zudem Präsident der Max-Frisch-Stiftung, von "persönlichkeitsrechtlichen Gründen", wenn er derzeit Auslassungen verteidigen muss und Unvollständigkeit. Ihm war "von Anfang an klar, dass so ein Buch ein editorisches Himmelfahrtskommando" ist.

Als Frisch 1974 nach New York reist und Alice Locke-Carey begegnet, rücken diese Affäre und die Erzählung "Montauk" (1975) in den Fokus seiner Aufmerksamkeit - er reduziert das "Journal" zum "Austragungsort seiner privaten Angelegenheiten". Hier wie dort aber zeigt sich ein "geschichtliches Interesse an der eigenen Biographie und an der Biographie anderer", ein, wie er schreibt, "Interesse an der Faktizität". Hier wie dort wird daraus Literatur. Im Mai '74 notiert er in Berlin: "Der Wärter in einem Leuchtturm, der nicht mehr in Betrieb ist; er notiert sich die durchfahrenden Schiffe, da er nicht weiss, was sonst er tun soll."

 

 

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Herausgegeben von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser. Suhrkamp Verlag; 235 Seiten, 20 Euro

 

 

Im Rahmen von "Auftritt Schweiz" auf der Leipziger Buchmesse sprechen Ingeborg Quaas, Thomas Strässle und Adolf Muschg über den Verlag Volk und Welt vor dem Hintergrund des "Berliner Journals" (Moderation: Siegfried Lokatis): Samstag, 15. März, 19.30 Uhr, Schauspielhaus (Rangfoyer).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.01.2014
Janina Fleischer

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