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Durchs wilde Absurdistan

Ausgrabung in der Musikalischen Komödie Nico Dostals Operette „Prinzessin Nofretete“ Durchs wilde Absurdistan

In Leipzigs Musikalischer Komödie haben Regisseurin Franziska Severin und Chefdirigent Stefan Klingele am Samstagabend unter begeistertem Jubel Nico Dostals Archäologen-Operette „Prinzessin Nofretete“ ausgegraben.


Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Lieben Sie Brahms? Schön – das hilft hier zwar nicht weiter, weil nordischer Ernst nicht vorkommt in der aktuellen MuKo-Produktion. Es stört aber auch nicht. Denn Brahms liebte Strauß. Und wenn Sie Strauß lieben oder Strauss, Lehár oder Lincke, Korngold oder Kollo, Adrienne oder Aida, Walzer oder Witze, Foxtrott oder Filmmusik, Esther Williams oder Edward Elgar, Marika Röck oder Monty Pythons, dann müssen Sie nach Lindenau zu Nico Dostals „Prinzessin Nofretete“.

Die macht, inszeniert von Franziska Severin auf der Bühne Frank Schmutzlers und in den Kostümen Sven Bindseils, choreographiert von Mirko Mahr und dirigiert von Stefan Klingele aus dem Operetten-Haus eine Musiktheater-Bonbonniere, in der es alles in Überfluss gibt: Prunk und Pathos, Albernes und Anarchie, Schönes und Schräges, entlegene Reime und reinrassige Hits. Und nach der gut dreistündigen Premiere, die am Samstagabend in der ausverkauften Musikalischen Komödie wieder fürs euphorische Fußgetrappel sorgte, bleibt nur eine Frage ungeklärt: Wie konnte es geschehen, dass dieser Musiktheater-Spaß nach der Uraufführung 1936 in Köln wieder in der Versenkung verschwand?

An der Musik liegt es nicht: Dostal griff bis zu den Ellenbogen in die Trickkiste, bediente sich hemmungslos bei dem, was Vorfahren und Zeitgenossen aller Genres zu bieten hatten, schuf schwül exotisierende Vor- und Zwischenspiele, kecke Couplets, sentimentale Schlager, verwegene Tänze und Ensembles – und ließ die eigene schöpferische Brillanz immer wieder mit Genuss unterlaufen vom durchgeknallten Libretto Rudolf Köllers.

Man kennt nichts aus dieser großen Operette, keine einzige Nummer. Und doch fühlt und hört sie sich vom ersten bis zum letzten Ton vertraut an. Und man nimmt nach der Vorstellung nur darum keinen Ohrwurm mit heim, weil es derer so viele gibt in diesem Werk, das im Archäologen-Milieu im modernen Ägypten spielt und im Ägypten der Pharaonen, das spleenige Lords aufs Korn nimmt und frühe Pauschaltouristen, die über Grabungsstätten herfallen, wie ausgehungerte Party-Gäste übers kalte Buffet.

Die Handlung: Pharaonen-Tochter Nofretete muss den Provinz-Offizier Amar bekommen, damit 300 Jahre später die Archäologentochter Claudia Hjalmar kriegt, den Assistenten ihres Vaters, und nebenbei auch Teje ihren Prinzen Thototpe respektive Pollie ihren Totty. Dass am Ende quer durch Jahrtausende und Generationen die richtigen Paare zueinander finden, steht im Pflichtenheft der Gattung. Ebenso, dass der Weg dahin verschlungen ist. Aber dass er so weit ab vom Schuss mitten durchs wilde Absurdistan führt, macht den Zweiakter mit exotischem Zwischenspiel zum schrulligen Meisterwerk. Und wenn dem kein nachhaltiger Erfolg beschieden war, dann kann es nur entweder daran liegen, dass die Kölner Uraufführung ihm allzu viel schuldig blieb – oder daran, dass die Zeit nicht reif war für derlei Edel-Trash.

Für die MuKo-Produktion jedenfalls gilt: Wer sich hier nicht wie Bolle amüsiert, kann selbst im Keller nicht lachen. Grandios bricht Operndirektorin Franziska Severin die Tableaus auf und belegt den doppelten Boden der Ironie mit einem dicht gewebten Teppich brüllend komischer Details und expliziter Schenkelklopfer bis hinunter zu den Choristen. Da haben Touristinnen ihren Putzfimmel nicht im Griff, und die Hofdamen der Nofretete bekommen eine Sehnenscheidenentzündung von der Handhaltung, die wir alle bei „Walking Like an Egyptian“ von den Bangles kennengelernt haben oder bei „Asterix und Kleopatra“ – oder auf den Hieroglyphen-Friesen aus dem Ägyptischen Museum, die nun den Rang verkleiden. Überhaupt konnten die Werkstätten augenscheinlich nicht genug bekommen von der Produktion einschlägiger Antiken, allüberall stehen Sarkophage herum und Götter. Angesichts dieser Ausstattungsorgie bleibt nur eine Frage unbeantwortet. Warum war für Herrn Fischer keine Ratte mehr da?

Wie auch immer: Seit Wochen ist die MuKo im Nofretete-Fieber. Das überträgt sich auf die Premiere: Das Personal ulkt um sein Leben: Die zauberhafte Nora Lentner und der wunderbare Andreas Rainer als komisches Doppel-Paar Pollie Miller/Teje und Totty/Thototpe, der urkomische Patrick Rohbeck und die herrlich zickige Angela Mehling als Lord Callagan/Pharao Rhampsinit und Tante Quendolin, der fabelhafte Michael Raschle als Dolmetscher-Taschendieb-Seher-Hohepriester Abu Assam/Assamabu – sie alle sorgen, dafür, dass keine Auge trocken bleibt. Und selbst Lilli Wünscher und Radoslaw Rydlewski entwickeln als Claudia Nofretete und Hjalmar/Amar ungewohnte Komik.

Grundvoraussetzung dafür, dass Severins staunenswerte Gaben fürs Komische sich enthemmt entfalten, ist, dass auf musikalischerseits der nötige Ernst obwaltet. Das beginnt im Graben, wo Stefan Klingele mit dem MuKo-Orchester eindrucksvoll beweist, wie gut diese Kapelle ist. Ob Dostal das große Leinwand-Besteck fordert oder die Kammer-Pinzette, ob er schwelgen lässt oder swingen – Klingele und seine Musiker um Konzertmeisterin Agnes Farkas treffen den richtigen Ton. Warm ist er, edel und flexibel, bleibt auch da, wo fett die Ironie zwischen den Notenlinien hindurchquillt, der Präzision verpflichtet. Was da aus dem Graben kommt, lässt sich beinahe eins zu eins auf CD der Ewigkeit übergeben.

Gesanglich fällt der Befund differenzierter aus. Denn das ernste Paar weist doch einige Defizite auf. Rydlewskis Tenor ist eine sichere Bank – braucht aber immer ein wenig, bis die unteren Räume angekoppelt sind. Erst im Verlauf des Abends öffnet sich sein Organ, geadelt durch Schmelz und Wärme. Wünscher startet mit allzu erdenschwerer Intonation und Einheits-Vokal. Ersteres bessert sich, zweiteres nicht. Das komische Paar Lentner/Rainer dagegen überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton. Sie mit sinnlicher Beweglichkeit und herrlich hellen Farben, er mit geschmeidiger Leichtigkeit und jungenhaftem Charme. Und auch bei den vielen anderen Kollegen, von Rohbeck über Raschle bis zum von Mathias Drechsler präparierten Chor gibt’s nichts zu meckern.

Kurzum: Christian Geltinger, der Chefdramaturg der Oper Leipzig, ist nicht genug dafür zu loben und zu preisen, dass er mit archäologischem Spürsinn Nico Dostals Archäologen-Operette „Prinzessin Nofretete“ausgegraben hat. Und Franziska Severin dafür, dass sie dieser Mumie neues Leben einhauchte. Brahms hin wie her: Wer Musiktheater liebt, wird „Nofretete“ lieben.

Vorstellungen:1., 2., 4., 15., 16., 29., 30 April, 6., 16., 30. Juni, 1. Juli. 9., 10. September, 25., 26. November, 30., 31. Dezember, Karten (15–39 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Abend- respektive Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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