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Dutilleux und Schumann mit Alan Gilbert am Pult, Leif Ove Andsnes am Flügel

Großes Concert des Gewandhausorchesters Dutilleux und Schumann mit Alan Gilbert am Pult, Leif Ove Andsnes am Flügel

Alan Gilbert, der Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, und der Pianist Leif Ove Andsnes sind die Proagonisten der beiden Großen Concerte dieser Woche im jeweils ausverkauften Gewandhaus. Auf dem Programm: Henri Dutilleux schillernde „Métaboles“ und von Schumann das a-moll-Klavierkonzert und die Frühlingssinfonie

Der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes

Quelle: peer

Leipzig. Henri Dutilleux (1916–2013) ist ein Solitär unter den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Der Franzose brachte wie kein Zweiter Sinnlichkeit und Strenge, die destillierte Klarheit Weberns mit dem irrlichternden Esprit Ravels zusammen. Ergebnis ist beispielsweise in den „Métaboles“ von 1965 eine komplexe Zerbrechlichkeit, die nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen des Gewandhausorchesters gehört. Sollte man meinen. Aber was Alan Gilbert, Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker und im Sommer noch als Kandidat für die Leipziger Nachfolge Riccardo Chaillys gehandelt, da im ausverkauften Großen Concert am Donnerstagabend aus dem Gewandhausorchester herausholt, zeigt eindrucksvoll, dass dieses Orchester derzeit wirklich alles spielen kann.

Offenhörlich hat Gilbert sensationell gut geprobt. Denn hier klingt nichts nach harter Arbeit. In souveräner Selbstverständlichkeit lässt er diese Viertelstunde sich entwickeln. Kein Detail, keine Farbe, kein musikalischer Bezug dieses sinfonischen Vexierbildes geht ihm durch die Lappen – aber nicht im Dienste der Analyse, sondern in dem der Schönheit. Ein beherrschter Rausch der Farben und Nuancen, der Klänge und der Linien, und ein Appell für die Musik des 20. Jahrhunderts, der auch beim Leipziger Publikum ankommt. So begeistert jedenfalls fällt der Applaus selten aus, stehen neuere, andere Klänge auf dem Programm.

Im Grunde ist mehr als dies in einem Konzert nicht zu erwarten. Aber was danach mit Schumann geschieht, ist pure Magie: Das a-moll-Konzert könnte prototypisch für die Musik der Romantik stehen – was viele Solisten dazu verführt, die Emotionen ins Kraut schießen zu lassen. Leif Ove Andsnes, der 45-jährige Denker am Klavier aus Norwegen, wählt einen anderen Weg. Sein Schumann ist allein der Partitur verpflichtet, trägt sie als Kostbarkeit auf Händen, zeichnet sich durch bemerkenswerte Konsequenz und Unbeirrbarkeit in Tempofragen aus und fördert ganz ohne jede pianistische Wichtigtuerei selbst in diesem Repertoire-Dauerbrenner noch Unerhörtes zu Tage. Edel ist dieses Klavierspiel, aristokratisch und wahrhaftig, intelligent, beherrscht, uneitel und von unentrinnbarem Zauber bis in die Zugabe: Chopins F-Dur-Nocturne op. 15.

Was sich, vermittelt durch den grandiosen Gilbert, auch aufs Orchester überträgt. Hier kann keine Rede sein vom auftrumpfenden Solisten, den instrumentale Fußtruppen begleiten. Hier wird der so oft formulierte Anspruch vom sinfonischen Klavierkonzert Wirklichkeit. Und erneut straft das Gewandhausorchester die Mär von Schumanns Unzulänglichkeiten als Instrumentator Lügen: Er hat nicht schlechter orchestriert als seine Kollegen, sondern anders. Und werden die Registerwirkungen der Holzbläser, die klanglichen Umwidmungen von Linien, die betörenden Klang-Metamorphosen so hingebungsvoll ausgeleuchtet, dann muss man bisweilen wohl einräumen: besser sogar.

Hat bei Dutilleux Gilbert sozusagen auf dem Gewandhausorchester gespielt, spielen beide bei Schumann nun miteinander. Noch mehr als im Klavierkonzert in seiner ersten, der herrlichen „Frühlingssinfonie“. Hier kann der neuerdings auf den Stab verzichtende Gilbert sozusagen mit zwei linken Händen dirigieren, weil dieser Klangkörper bei dieser Musik des Taktierens mit der Rechten nicht bedarf. Mit verspielter Grandezza spielen Dirigent und Orchester sich gegenseitig die Bälle zu, halten bei allem Übermut den Klang transparent und beweglich, bisweilen auch elektrisierend herb, schöpfen immer wieder aus Schumanns Synkopenzauber Energie für neue Gipfelstürme, betten die Schönheit eines jeden Augenblicks gekonnt ein in Ganzes, das weit mehr ist als die Summe seiner Teile.

Dieser Dirigent und dieses Orchester musizieren in blindem Einverständnis. Beide inspirieren sich gegenseitig, und ganz offenkundig haben alle Beteiligten einen Riesenspaß daran. Das Publikum sowieso. Schade, dass es aus gesundheitlichen Gründen nicht auch noch Sibelius’ Siebte gab – auch wenn dieses Große Concert dann ein sehr langes geworden wäre.

Von Peter Korfmacher

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