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Effektive Effekthascherei: Oomph im Täubchenthal

Leipzig-Konzert Effektive Effekthascherei: Oomph im Täubchenthal

Die Show ist gut und kalkuliert: Die Gothic-Rocker Oomph! begeistern zum Tourauftakt im Leipziger Täubchenthal. Die Band um Frontmann Dero Goi zieht alle Register – und das Publikum mit.

Oomph!-Frontmann Dero Goi.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Das Täubchenthal ist fast zu hübsch. Hip ironisch die Retro-Überladung vom Hof bis zur Bleiglasfenster-Toilette. Doch mit hunderten Gothics auf dem Gelände schwindet die Ironie, der Blockhüttenlook bekommt Mittelaltermarkt-Charme, die LED-flammenden Kronleuchter im Baalsaal düsteren Ernst. Geladen haben Oomph! zum Auftakt des zweiten Teils ihrer 25-Jahre Jubiläumstour. Ein schwarzer Lindwurm aus Mitgealterten und Nachgewachsenen schlängelt sich am Einlass.

Die Gehörgänge ölen sollen zunächst die Kalifornier Death Valley High mit sympathisch ranzigem Death-Disco-Geschrammel, in dem nur vage klare Songstrukturen oder überbewertete Zutaten wie Melodien zu erkennen sind, dafür die eine oder andere Marilyn Manson-Anleihe. Leider kommt die Nicht-Stimme von Sänger Reyka ebenso wenig durch den Lärmteppich wie seine tapferen Animationsversuche beim bestenfalls höflich klatschenden Publikum fruchten. Zu fokussiert ist man auf die folgenden brachial-pathetischen oomphschen Ohrenkneifer-Melodien, die laut Eigenaussage einst schon die jungen Rammstein beeinflusst haben sollen.

Vorfreude nah an der Hysterie

Lautstarke Eröffnungshuldigung im Saal holt man sich per simplem Trick ab: Licht und Umbaumusik gehen gut zwei Minuten bevor die Musiker die Bühne betreten aus und geben so genug Raum für Vorfreude nah an der Hysterie.

Man sollte meinen, mit weit aufgerissenen Augen und schief gelegtem Kopf holt man niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, doch das Publikum liebt Frontmann Dero genau dafür, gern auch für die Variationen mit psychotisch ausgestreckter Zunge und zum stummen Schrei aufgerissenem Mund. Auch musikalisch lässt man sich umgehend mitreißen und gibt sich rhythmus- und textsicher, egal ob brachialer Industrial-Kracher oder diabolisch-rockiger Fast-Schlager.

Das Original-Trio ist live vierfach verstärkt, wobei die doppelte Schlagwerk-Besetzung wohl eher dem optischen Effekt als musikalischer Notwendigkeit dient, weitere Zusatztrommeln für einzelne Schläge von Dero sind obendrein überflüssige Effektgimmicks. Einzig zum Industrial-Hammer „Der neue Gott“ kommt derlei aufgeputschtes Gehaue akustisch sinnvoll zum Tragen.

Die dampfblasenden Podeste für Dero, Crab und Flux sind zwar optisch nett, bremsen als Stehplatz aber Bewegung, es sei denn man steigt zum Backround-Gesang herab, da die Mikros seitlich unten stehen, ein Effekt, der somit leider ins Leere läuft.

Alle Hebel werden gezogen

Umso effektiver zieht Sänger Dero derweil alle Hebel, sich und seine Mannen vom Publikum frenetisch feiern zu lassen, verkauft es dann aber als spontane Rührung. Immerhin: Es funktioniert, egal ob fröhlich poppiges Arme-schwingen beim „Weißen Licht“ oder inszenierte Wall of Death mit anschließendem Moshpit, den der sonst eher brave Goth-Mob tapfer ein Lied lang durchhält. Das alles ist ohne Zweifel gute, funktionierende aber ebenso kalkulierte Show.

Immerhin: Die sonst in der Gothic Szene mitunter ins Suspekte rutschende politische Richtung ist auf Toleranz und Vielfalt gepolt, ein allzu stolzes Deutschland wird klar mit Mittelfingern bedacht.

Die Zugaben gibt es stilecht blutverschmiert mit Zylinder. Nicht nur Gott ist ein Popstar, wie es bei Oomph! heißt, auch sie selbst beherrschen die Kunst der gelenkten Massenbegeisterung ganz gut.

Von Karsten Kriesel

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