Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Effektive Effekthascherei: Oomph im Täubchenthal

Leipzig-Konzert Effektive Effekthascherei: Oomph im Täubchenthal

Die Show ist gut und kalkuliert: Die Gothic-Rocker Oomph! begeistern zum Tourauftakt im Leipziger Täubchenthal. Die Band um Frontmann Dero Goi zieht alle Register – und das Publikum mit.

Oomph!-Frontmann Dero Goi.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Das Täubchenthal ist fast zu hübsch. Hip ironisch die Retro-Überladung vom Hof bis zur Bleiglasfenster-Toilette. Doch mit hunderten Gothics auf dem Gelände schwindet die Ironie, der Blockhüttenlook bekommt Mittelaltermarkt-Charme, die LED-flammenden Kronleuchter im Baalsaal düsteren Ernst. Geladen haben Oomph! zum Auftakt des zweiten Teils ihrer 25-Jahre Jubiläumstour. Ein schwarzer Lindwurm aus Mitgealterten und Nachgewachsenen schlängelt sich am Einlass.

Die Gehörgänge ölen sollen zunächst die Kalifornier Death Valley High mit sympathisch ranzigem Death-Disco-Geschrammel, in dem nur vage klare Songstrukturen oder überbewertete Zutaten wie Melodien zu erkennen sind, dafür die eine oder andere Marilyn Manson-Anleihe. Leider kommt die Nicht-Stimme von Sänger Reyka ebenso wenig durch den Lärmteppich wie seine tapferen Animationsversuche beim bestenfalls höflich klatschenden Publikum fruchten. Zu fokussiert ist man auf die folgenden brachial-pathetischen oomphschen Ohrenkneifer-Melodien, die laut Eigenaussage einst schon die jungen Rammstein beeinflusst haben sollen.

Vorfreude nah an der Hysterie

Lautstarke Eröffnungshuldigung im Saal holt man sich per simplem Trick ab: Licht und Umbaumusik gehen gut zwei Minuten bevor die Musiker die Bühne betreten aus und geben so genug Raum für Vorfreude nah an der Hysterie.

Man sollte meinen, mit weit aufgerissenen Augen und schief gelegtem Kopf holt man niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, doch das Publikum liebt Frontmann Dero genau dafür, gern auch für die Variationen mit psychotisch ausgestreckter Zunge und zum stummen Schrei aufgerissenem Mund. Auch musikalisch lässt man sich umgehend mitreißen und gibt sich rhythmus- und textsicher, egal ob brachialer Industrial-Kracher oder diabolisch-rockiger Fast-Schlager.

Das Original-Trio ist live vierfach verstärkt, wobei die doppelte Schlagwerk-Besetzung wohl eher dem optischen Effekt als musikalischer Notwendigkeit dient, weitere Zusatztrommeln für einzelne Schläge von Dero sind obendrein überflüssige Effektgimmicks. Einzig zum Industrial-Hammer „Der neue Gott“ kommt derlei aufgeputschtes Gehaue akustisch sinnvoll zum Tragen.

Die dampfblasenden Podeste für Dero, Crab und Flux sind zwar optisch nett, bremsen als Stehplatz aber Bewegung, es sei denn man steigt zum Backround-Gesang herab, da die Mikros seitlich unten stehen, ein Effekt, der somit leider ins Leere läuft.

Alle Hebel werden gezogen

Umso effektiver zieht Sänger Dero derweil alle Hebel, sich und seine Mannen vom Publikum frenetisch feiern zu lassen, verkauft es dann aber als spontane Rührung. Immerhin: Es funktioniert, egal ob fröhlich poppiges Arme-schwingen beim „Weißen Licht“ oder inszenierte Wall of Death mit anschließendem Moshpit, den der sonst eher brave Goth-Mob tapfer ein Lied lang durchhält. Das alles ist ohne Zweifel gute, funktionierende aber ebenso kalkulierte Show.

Immerhin: Die sonst in der Gothic Szene mitunter ins Suspekte rutschende politische Richtung ist auf Toleranz und Vielfalt gepolt, ein allzu stolzes Deutschland wird klar mit Mittelfingern bedacht.

Die Zugaben gibt es stilecht blutverschmiert mit Zylinder. Nicht nur Gott ist ein Popstar, wie es bei Oomph! heißt, auch sie selbst beherrschen die Kunst der gelenkten Massenbegeisterung ganz gut.

Von Karsten Kriesel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr