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Eigentlich Romantiker: Tilo Baumgärtel stellt zum Rundgang in der Spinnerei aus

Eigentlich Romantiker: Tilo Baumgärtel stellt zum Rundgang in der Spinnerei aus

Seit 2002 in Berlin das Galerieprojekt Liga seine zweijährige Tätigkeit startete, gehört Tilo Baumgärtel zum Stamm der bald darauf so benannten Neuen Leipziger Schule mit ihrer figürlichen Ausrichtung von Malerei.

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Tilo Baumgärtel in seinem Atelier.

Quelle: Jens Kassner

Leipzig. Im gleichen Jahr bekam er den Kunstpreis der Sachsen LB. Die Liste der Ausstellungen des produktiven Künstlers ist lang. Mit "Terra" in der Galerie Kleindienst kommt jetzt zum morgigen Kleinen Winterrundgang in der Spinnerei ein weiterer Eintrag hinzu.

Auch wenn sich der Ausstellungstitel sehr geerdet anhört, ist auf den Bildern, die bis vor kurzem noch an den Atelierwänden hingen, viel Wasser zu sehen, aus düsteren Wolken herabregnend, reißende Ströme bildend, bewohnte Gebiete überflutend. "Das kann metaphorisch verstanden werden. Das Wasser steht auch für das Unbewusste in unserer Seelenlandschaft." Und Unbewusstes in der Traditionslinie der Surrealisten dominiert in den Bildern Tilo Baumgärtels.

Doch nicht Träume oder Trancezustände sind Quelle der Bildfindung. "Es sind eher Bildwünsche, die ich mir erfülle. Teilweise gehen die von einem Detail ins Ganze. Der Schriftsteller Julien Green hat mal gesagt, er habe einen ganzen Roman geschrieben, nur weil er einen ganz bestimmten Ledersessel in einer ganz bestimmten Ecke stehen sah. Das hat ihn inspiriert und war der Anfang für ein ganzes Buch. Bei mir ist manchmal ein Bildelement der Kern für ein ganzes Bild, das ich da herum entwickle. Insofern ist das Bild nicht geplant, sondern baut sich ornamental um etwas herum, was ich im Skizzenbuch habe."

Diese schwarzen Hefte sind sein ständiger Begleiter. Allerdings nicht bei Wanderungen durch Stadt und Landschaft, sondern eher durch innere Welten. "Das ist immer meine Außenstelle vom Gehirn, wo ich teilweise langfristig Sachen auf Reserve ablege, was man mal machen könnte" Manchmal können aber auch Medienbilder Auslöser sein. In einer Sendung über das vom schweren Erdbeben zerstörte Haiti sah Baumgärtel Notbehausungen mit Wänden aus Autoreifen und großen Fensterwänden zur Klimaregulierung. Diese eigenartigen Oberlichter kehren bei mehreren Bauwerken auf seinen Bildern wieder, umflutet von Wasser. "Es könnte der Einstieg in eine ganz neue Werkphase sein, wo ich Architekturideen auch selber entwickle und mir Dinge ausdenke, wie man selbstständig als Nichtmieter sich Behausungen einrichten kann."

Nicht einer neuen Periode des Schaffens ist aber geschuldet, dass in der kommenden Ausstellung nur Malerei zu sehen ist. Sonst reichert er die farbigen Großformate gern mit Zeichnungen, Grafiken oder auch Videoinstallationen an. Diesmal sollten es ausschließlich Bilder sein, die auf Karton gemalt sind statt auf Leinwand. Das ermöglicht schnelles Arbeiten. Und bedingt es. Korrekturen sind kaum noch möglich, die Arbeits- und Ausdrucksweise verändert sich.

Die großen Fenster im dritten Stock der Halle 18 bieten viel Weltanschauung, der Blick geht bis zur Innenstadt. Doch der Künstler konstruiert sich wie schon in der Kindheit auch heute noch eigene Sphären, die selten optimistisch aussehen. Woher diese Düsternis? "Keine Ahnung. Für meine Begriffe von Schönheit und Bildwirkung sind es freundliche Bilder. Weil ich den Betrachter einlasse, weil ich etwas erzähle, mitteile. Es ist ja das Wesen der Freundlichkeit, das man etwas mitteilt. Ich will den Betrachter nicht abstoßen, weil da schlechtes Wetter ist. Es gibt auch abstoßendere Dinge als schlechtes Wetter. Das sind nur Mittel zum Zweck. Wenn es regnet, dann ist es nicht gleich eine düstere Welt. In der Realität ist es auch so. Wenn es regnet, habe ich nicht gleich schlechte Laune, hab das ganz gerne."

Trotz der katastrophischen Stimmung in den meisten seiner Bilder sieht sich Baumgärtel als Romantiker. Allerdings ist er eine Art von postmodernem Romantiker, der das Erhabene und Pathetische mit Elementen von Banalität bricht. Statt eines Reiters mit wehendem Mantel stapft ein junges Paar durch die gewittrige Landschaft, ein Fahrrad schiebend. Die Bilder beginnen nicht nur mit einem Detail, sie hören auch damit auf. Mit diesem Hereinholen des Alltags erdet Tilo Baumgärtel die Bilder letztlich doch, trotz all der Feuchtigkeit.

iTilo Baumgärtel - Terra; Galerie Kleindienst, Spinnereistr. 7; Eröffnung morgen, bis 15. Februar, Di-Fr 13-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.01.2014

Jens Kassner

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