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Ein Bild vom Menschen - Swetlana Alexijewitsch erhält Friedenspreis des Buchhandels

Ein Bild vom Menschen - Swetlana Alexijewitsch erhält Friedenspreis des Buchhandels

Die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch hat zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Die Verleihung wurde zur Feier der Geschichten und ein Plödoyer für die Freiheit.

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Gottfried Honnefelder überreicht Swetlana Alexijewitsch die Friedenspreis-Urkunde.

Quelle: dpa

Frankfurt. Die Feierstunde wird zur Feier der Geschichten, der Stimmen. Ihnen gibt die weißrussische Autorin und Regimekritikerin Swetlana Alexijewitsch Raum - in ihren Büchern und in der Frankfurter Paulskirche, wo ihr gestern der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde dafür, dass "sie die Lebenswelten ihrer Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht".

Jeder von uns trägt ein Stück Geschichte in sich, und aus all dem entsteht die große Geschichte, sagt die Preisträgerin in ihrer Dankesrede. Ihre Bücher basieren auf Gesprächen, die sie an Küchentischen geführt hat, auf der Straße, in Cafés, im Zug. Sie geht zu denen, die keine Stimme haben. "Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie." Sie sucht den Menschen.

Fünf Bücher hat Alexijewitsch geschrieben, die Unerhörtes dem Begreifen näher bringen. Sie erzählt vom Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg ("Der Krieg hat kein weibliches Gesicht"), dokumentiert Erfahrungen der eigenen Familie während der Stalinzeit ("Die letzten Zeugen"), lässt Veteranen aus dem sowjetischen Afghanistankrieg und Mütter dort gefallener Soldaten sprechen ("Zinkjungen"), bricht das Schweigen über die Reaktorkatastrophe ("Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft"). Bei ihr kommen endlich die Frauen zu Wort.

Gerade ist "Secondhand-Zeit" auf Deutsch erschienen über "Das Leben auf den Trümmern des Sozialismus". Die Freiheit, schreibt Alexijewitsch im Vorwort, "entpuppte sich als Rehabilitierung des Kleinbürgertums (...). Als Freiheit Seiner Majestät Konsum. Als eine Größe der Finsternis. Der Finsternis der Bedürfnisse, der Instinkte - jenes privaten Lebens, von dem wir nur eine ungefähre Vorstellung hatten." Für die Autorin fügen sich die fünf Bücher zu einem einzigen, an dem sie seit fast 40 Jahren schreibt, einer russisch-sowjetischen Chronik.

Swetlana Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren, wuchs auf in einem Dorf in Weißrussland, studierte Journalistik in Minsk. Sie hat den größten Teil ihrer Lebens in der Sowjetunion verbracht, im "kommunistischen Versuchslabor", wie sie sagt.

Sie ist ein "Mensch des Ohres". Doch was sie auf der Straße hörte, fand sie in den Büchern der Eltern nicht wieder. Und entwickelte eine eigene literarische Gattung. In chorischer Zeugenschaft entsteht das Bild der Zeit und der Menschen, die in ihr gelebt haben. "Ich frage nicht nach dem Sozialismus, ich frage nach Liebe, Eifersucht, Kindheit und Alter. Nach Musik, Tanz und Frisuren", heißt es in "Secondhand-Zeit", einer Collage, die eine ganz außergewöhnliche Dichte und Kraft entfaltet.

"Als moralisches Gedächtnis hinterfragt sie, ob Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit nicht die besseren Alternativen wären", würdigt Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, das Werk und die Autorin, die in der vergangenen Woche auch eine der Favoritinnen für den Literaturnobelpreis war.

Der Historiker Karl Schlögel betont in seiner Laudatio den spezifischen Klang der dokumentarischen Romane und das "Zu-Wort-kommen-Lassen in einem politischen System, in dem Sprachregelungen gegolten haben, deren Verletzung tödliche Folgen haben konnte". In Weißrussland sind kritische Stimmen auch heute nicht geduldet, dürfen die Bücher von Swetlana Alexijewitsch nicht verkauft werden. "Sie glauben an die Macht, ich glaube an das Wort", hat sie in einem offenen Brief an Präsident Alexander Lukaschenko geschrieben, "die Regierung und das Volk müssen miteinander reden".

"Die Diktatur in Weißrussland, die Tragödien in Syrien - aus der Ferne ist das leicht lautstark zu beklagen", sagt Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann in seinem Grußwort und lenkt den Blick zurück - auf Deutschland, auf die Demokratien: "Die Bilder aus Lampedusa mahnen uns, wenigstens eine Minute darüber nachzudenken, mit welchen Unfreiheiten wir uns unsere Freiheiten erkaufen."

Freiheit, sagt uns Swetlana Alexijewitsch, "ist eine anspruchsvolle Pflanze, sie gedeiht nicht an jedem Ort, aus dem Nichts. Allein aus unseren Träumen und Illusionen."

Am Dienstag kommt Swetlana Alexijewitsch zum Gespräch nach Leipzig: 19 Uhr, Festsaal im Alten Rathaus; der Eintritt ist frei

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.10.2013

Janina Fleischer

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