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Ein Bus mit rotzigen Melodien auf der A9: Sarah Leschs erstes Leipziger Album

Neue Platte und Konzert Ein Bus mit rotzigen Melodien auf der A9: Sarah Leschs erstes Leipziger Album

Ende 2015 ist Liedermacherin Sarah Lesch von Tübingen nach Leipzig gezogen. Am Freitag erscheint „Da draußen“, das dritte Album der 31-Jährigen – und das erste, das hier entstanden ist. Am Samstag feiert sie die Platte mit einem Konzert auf der Geyserhaus-Parkbühne.

Ihr Vater spielte mit Tobias Künzel bei Amor & Die Kids, aber Sarah Lesch selbst lebt erst seit Ende 2015 in Leipzig – wenn die 31-Jährige nicht gerade auf Tour ist.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Kurz vor dem Horizont, kurz vor einem Abgrund stemmt das Pferd erschrocken die Hufe. Da wird der Reiterin klar: „Springen muss man am Ende alleine, weil es sonst zu einfach wäre.“

Diese „Geschichte vom Pferd“ singt Sarah Lesch ganz am Schluss ihres neuen Albums, das am Freitag erscheint. Fast neun Minuten dauert das Lied, einen Refrain hat es nicht, dafür unzählige Strophen, die einem die Tränen in die Augen treiben. „Wenn ich nicht weiß, wie es weitergehen soll, erzähle ich mir eine Geschichte“, erklärt die Musikerin, auf das Stück angesprochen. „Die Geschichte vom Pferd sollte mir Mut machen.“

Seit Ende 2015 lebt Sarah Lesch in Leipzig, sie „hatte tierisch Schiss“ vor dem Schritt aus Tübingen hierher, gesteht sie. 1991, mit fünf, war ihre Mutter mit ihr aus Altenburg ins Schwäbische gezogen. Mit 18 wurde sie selbst Mutter, „in einem Kaff bei Heilbronn, das war kein Spaß“, erzählt sie. Doch in Tübingen, wo sie mit dem Sohn und dem Theaterregisseur Felix Schmidt lebte und eine Zeit lang als Kindergärtnerin arbeitete, war sie zur lokalen Liedermachergröße avanciert. Als sie die Produktion ihres zweiten Albums „Von Musen und Matrosen“ 2015 per Online-Crowdfunding finanzierte, sei die Hälfte der Spenden aus Tübingen geflossen.

Lesch hat ihre „Insel im Schwabenland“ liebgewonnen, die „bucklige, alte Provinzstadtnudel mit ewigem Schlafzimmerblick“, wie sie in einem Abschiedslied auf der neuen Platte liebevoll singt. Mit Kind, aber ohne Mann hat sie ihre „kleine Perle am Neckarstrand“ dennoch gen Osten verlassen, um hier von der Musik zu leben. Ihre Mutter und die ganze Familie dort waren von der Idee nicht gerade begeistert, merkte sie – und erzählte sich die „Geschichte vom Pferd“.

„Testament“ entwickelt ein Eigenleben

Der Umzug nach Leipzig fiel ungefähr in die Zeit, in der Sarah Leschs Stück „Testament“ ein Eigenleben entwickelte: hundertausendfach geteilt, millionenfach angeklickt. Ihr Leben als Künstlerin ist seither nicht mehr dasselbe. Die Bühnen sind größer, aus bis dahin täglich vielleicht zehn Facebook-Anfragen sind hundert geworden. In Österreich gewinnt das Lied einen Protestsong-Contest, an einer Supermarktkasse erzählt ihr die Kassiererin, dass es sie zum Weinen gebracht habe. Lesch erinnert sich noch, wie sie Sandro De Lorenzo anrief, den Chef ihres damaligen Labels Rummelplatzmusik, nachdem sie ihr „Testament“ geschrieben hatte: „Ich habe einen Hit – sechs Minuten lang, unzählige Strophen, kein Refrain“, verkündete sie ihm mit schöner Selbstironie.

Und doch spürte sie da schon, dass das vermeintlich radiountaugliche Lied nicht nur ihr aus dem Herzen sprach. „Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd“: So geht es offensichtlich sehr vielen. Ihren Sohn will die Sängerin nicht den Traumverkäufern und Symptom­designern überlassen – sondern ein Kind hinterlassen, „das sich selbst gehört“.

Ob ihr bald erneut so ein viraler Hit gelingt? Das bereitet Sarah Lesch keine Sorgen. „Man darf nichts von der Muse erwarten, sonst tritt sie einen in den Hintern“ – sie sagt das sehr resolut. Die neue Situation setze sie aber durchaus unter Druck: „Manche denken seither, dass ich immer alles richtig mache. Aber das ist überhaupt nicht der Fall, ich trage keinen Heiligenschein.“ Zudem ändern sich mit dem Erfolg die finanziellen Koordinaten: „Auf einmal leben nicht nur mein Sohn und ich von meiner Musik, sondern ich muss noch andere Leute bezahlen.“

Vor „Testament“ hatte Sarah Lesch den ganzen Verwaltungsaufwand selbst gestemmt, der an so einem Musikerinnendasein hängt: Konzerte organisiert, mit Fans kommuniziert, die Presse kontaktiert. Jetzt muss und kann sie vieles davon einem weitreichenden Leipziger Netzwerk überlassen, dem Label und Musikverlag „Kick The Flame“ und der Booking-Agentur „Golden Ticket“. Sandra Fink, einst mit ihrer Gruppe Safi Leipziger Band des Jahres, hat das CD-Artwork gestaltet.

Anker auf den linken Mittelfinger tätowiert

In der Kneipe „Stoned“ im Kolonnadenviertel hatte Lesch bei einem Konzert vor ein paar Handvoll Leuten spontan beschlossen und verkündet, in Leipzig leben zu wollen. Ob niemand eine Wohnung für sie hat? Tatsächlich meldete sich eine Zuschauerin mit einem Angebot. Am Ende wurde es aber eine andere Bleibe, eine in Plagwitz, die dem Sohn am besten gefiel. „In Leipzig liegen meine Wurzeln“, erklärt die Musikerin, „die wollte ich finden. Ein Teil von mir hat sich in Schwaben nie zu Hause gefühlt.“ Ihr Vater ist der Musiker Ralf Kruse, in den 80ern Geiger der Leipziger Band Amor & Die Kids. Sie hat hier zudem eine Schwester und einen Bruder – den sie erst jetzt kennengelernt hat. Ihr Bruder kam ins Stoned und erzählte ihr, dass er sie als Liedermacherin kannte, ohne zu wissen, dass sie seine Schwester sei.

Den Vater, zu dem der Kontakt abgebrochen war, lud sie zu einem Konzert in die Alte Handelsbörse ein. Und er war begeistert. Seine Tochter wiederum war so glücklich über das Wiedersehen, dass sie es zum Anlass nahm, sich einen Anker auf den linken Mittelfinger zu tätowieren. Seit einem Schulunfall in der vierten Klasse fehlt dem Finger die Kuppe, weshalb man ihr keine große Laufbahn als Gitarristin prophezeit hatte. „Das Tattoo ist für mich das Zeichen: Jetzt läuft die Sache.“

Und wie. Auf dem neuen, dem dritten Album gelingt es der 31-Jährigen abermals, die Welt im Großen und die Welt im Kleinen mit wahren und poetischen Zeilen zu beschreiben. „Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, Mut heißt nur, dass man trotzdem springt“, singt sie im Titellied „Da draußen“, das trotz ernstem Text gleich beim ersten Hören gute Laune verbreitet. „Wer wütend ist, ist nicht wachsam und sieht nicht, was wirklich passiert. Wer Angst hat, fängt an zu beißen, der sich hilflos fühlt, funktioniert.“

Auch ein fröhliches Ankunftslied ist auf der Platte enthalten. „Reise Reise Räuberleiter“ heißt es zu groovendem Bass, „mein Liebster, heute wandern wir aus“. Um zum Ziel zu gelangen, fährt „ein Bus mit rotzigen Melodien über die A9“ – „Das Stück klingt schon weit mehr nach Leipzig als nach Tübingen“, findet seine Schöpferin. Und im Liebeskummerlied „September“, das vom Ankommen in der Normalität handelt, ist ein Graffito vom Heinrich-Heine-Kanal verewigt: „Meistens kreisen wir viel zu viel um uns selbst, denk ich oft, wenn ich hier so durchs Viertel flanier. Denn da steht auf dem Fußweg geschrieben: Weniger ich, mehr wir.“

„Weniger ich, mehr wir“

Der Slogan trifft jedenfalls schon mal auf ihr Freiluftkonzert auf der Geyserhaus-Parkbühne zu, bei dem sie am Samstag das Erscheinen der neuen Platte feiert. Max Prosa, Lukas Meister und Karl die Große schließen sich Lesch an, Liedermacher wie sie. Die Zeit, in der das Genre als verstaubt galt, ist definitiv vorbei. „Ich sehe mich ganz in dieser Tradition“, sagt Lesch. Die Namen Gerhard Schöne und Dota Kehr fallen, Letztere ist kaum älter als sie. „Als ich Dota zum ersten Mal singen hörte, wusste ich: Das will ich auch.“

Womit sie aber nicht gerechnet habe: „dass meine Konzertbesucher auf einmal tanzen wollen!“ Sie lacht. „Aber ich erzähl trotzdem minutenlang meine Geschichten.“ Bisher hat es ihr niemand übel genommen. Sowieso möchte sie nicht nur mit ihrer Band große Auftritte hinlegen, sondern weiterhin kleine Konzerte geben, nur sie mit der Gitarre, vor vielleicht 50 Leuten. „Und wenn eines Tages alles wieder kleiner wird, freu ich mich, dass es zwischendurch groß war, und mach eben klein weiter. Ich liebe diesen Beruf.“

Wobei es kein Beruf für eine alleinerziehende Mutter ist, wie Sarah Lesch feststellen musste. Ihr Sohn ist zu seinem Papa nach Baden-Württemberg zurückgezogen. „Zwölf Jahre habe ich mit einem tollen jungen Mann zusammengewohnt. Dass er nicht mehr ständig hier ist, ist sehr traurig“, sagt sie.

„Springen muss man am Ende alleine.“ In der „Geschichte vom Pferd“ hüpft der verlassene Gaul der Reiterin allerdings dann doch hinterher. „Ob sie wohl immer noch fallen? Oder hat es zum Fliegen gereicht? Was hinter dem Mut kommt, bleibt ungewiss. Sonst wäre es ja zu leicht.“

Sarah Lesch: „Da draußen“ erscheint am Freitag bei Kick the Flame/Broken Silence und kann als CD für 15 Euro und Doppel-LP für 22,50 Euro unter anderem bestellt werden unter www.sarahlesch.de. Konzert mit Max Prosa, Lukas Meister und Karl die Große am Samstag, 19.45 Uhr, Geyserhaus-Parkbühne (Kleist­straße 52), Abendkasse 22/20 Euro

Von Mathias Wöbking

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