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Ein Dorf sieht Schwarz – Löbnitz und das With-Full-Force-Festival

Ein Dorf sieht Schwarz – Löbnitz und das With-Full-Force-Festival

Löbnitz in Nordsachsen, malerisch gelegen am Rand der Dübener Heide. Einmal im Jahr wird diese Idylle jäh gebrochen: Im Ortsteil Roitzschjora schlägt das Festival With Full Force (WFF) mit ohrenbetäubender Musik zu.

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Die Headliner des Freitags beim With Full Force 2012: Machine Head um Frontmann Rob Flynn, der sich in Roitzschjora sensationell gut gelaunt präsentierte.

Quelle: Susanne Richter

Löbnitz/Roitzschjora. Längst ist das WFF Kult – und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Geschichte einer Annäherung.

Axel Wohlschläger sind die schlaflosen Nächte anzusehen. Vor knapp drei Wochen strömte die Mulde-Flut durch Löbnitz. Die braune Brühe setzte Dutzende Höfe und Einfamilienhäuser unter Wasser, die Straße nach Bitterfeld wurde von einem geborstenen Deich weggerissen. Bis heute sind die Schäden sichtbar, die Fasanerie wie auch der Campingplatz im benachbarten Roitzschjora sind immer noch nicht abgetrocknet. „Es hat nicht viel gefehlt, und wir hätten den Veranstaltern des With Full Force absagen müssen. Das Gelände selbst ist zwar nicht betroffen gewesen. Es war aber nach der Flut fraglich, ob das Festival abgesichert werden kann und die neue Zufahrt fertig wird“, sagt der Bürgermeister und atmet schwer.

Fotos vom WFF im vergangenen Jahr:

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Löbnitz/Roitzschjora. Löbnitz in Nordsachsen, malerisch gelegen am Rand der Dübener Heide. Einmal im Jahr wird diese Idylle jäh gebrochen: Im Ortsteil Roitzschjora schlägt das Festival With Full Force (WFF) mit ohrenbetäubender Musik zu. Längst ist das WFF Kult – und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Geschichte einer Annäherung.

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Doch genau das musste vermieden werden: Denn eine Absage hätte für den Ort fatale Folgen gehabt, der finanzielle Verlust wäre enorm gewesen. Deshalb kämpfte Axel Wohlschläger in den vergangenen beiden Wochen nicht nur gegen das Hochwasser, sondern auch – gemeinsam mit dem Katastrophenschutz und den Machern des With Full Force – um das Festival. Das Resultat: Seit Mittwoch können wieder 30.000 Metaller in das Dorf einfallen, am Donnerstag konnte die 20. Auflage des With Full Force wie geplant beginnen. „Es war ein Kraftakt sondergleichen“, sagt Axel Wohlschläger, „der ganze Ort hat mitgezogen.“ Dabei ist der stämmige Mann mit der hohen Stirn als Feuerwehrchef schon einiges gewohnt gewesen.

Dass sich die Einwohner von Löbnitz einmal derart für das Festival engagieren würden, ist im Jahr 1999, als das With Full Force in das Heide-Idyll einbrach, mitnichten abzusehen gewesen. Rückblickend ließe sich diese Geschichte in Dezibel erzählen, in getrunkenen Litern Bier, gerissenen Gitarrensaiten oder den Flugmeilen, die nicht wenige Besucher und viele Bands alljährlich zurücklegen, nur um an diesem langen Wochenende in Roitzschjora dabei sein zu können. Doch dies ist vor allem die Geschichte einer Annäherung zweier einander eigentlich fremder Gemeinschaften: hier die eingesessene ländliche Bevölkerung, und da die Metal-Subkultur, die eben jene dörfliche Gemeinschaft das Fürchten lehrt, zumindest auf den ersten Blick.

Diese Bands waren 2012 dabei:

Frisch gestrichene Fassaden, gekehrte Rinnsteine, viel Grün – darauf sind die Menschen hier aus ganzem Herzen stolz. Auf ihr Musterdorf. Deshalb wurden die langhaarigen und laute Musik hörenden, meist schwarz gekleideten Besucher anfangs als störend klassifiziert. Über die Gartenzäune hinweg ist immer wieder diese eine Frage diskutiert worden: Weshalb mussten diese Hottentotten ausgerechnet in der Idylle aus Auenlandschaft und Heidewegen fündig werden?

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Die Metaler in Roitzschjora feierten 64 Bands und blieben bester Laune.

Quelle: Andreas Debski

Die Bedeutung des With Full Force hat sich den meisten im Dorf erst auf den zweiten oder dritten Blick erschlossen. Denn inzwischen kennt man einander. „Es ist klar, dass so eine Großveranstaltung erst mal schockt, wenn sie das erste Mal über einen hereinbricht. Es ist einfach eine Frage des Kennenlernens. Der erste Eindruck ist nicht immer der beste: Stauschlangen, Müll und Lärm stören in der Tat, doch das sind ja nur die Symptome. Ich denke, die Anwohner haben mittlerweile realisiert, dass es einfach nur 'anders' als gewohnt ist“, erinnert sich Roland „Bogo“ Ritter, einer der drei Väter des With Full Force, an die ersten, äußerst mühevollen Schritte nach dem Umzug des Festivals von Werdau und Zwickau nach Nordsachsen. Der Flugplatz Roitzschjora, auf dem sich ansonsten Segelflieger und vor allem Fallschirmspringer treffen, gilt mit seinen 80 Hektar seither als der heftigste Acker Deutschlands, das Festival als die größte Szene-Veranstaltung nach dem berühmten Wacken Open Air in Schleswig-Holstein.  

Früher fast abgebaggert, heute Natur pur

Wäre es nach den Planern der untergehenden DDR gegangen, würde es die Gemeinde Löbnitz heute nicht mehr geben. Ihr Ende war in den späten 1980er-Jahren besiegelt und auf 2010 datiert worden. Ein Untergang wegen einer Armlänge Braunkohle. Denn nur so dünn war das Flöz, das sich unter dem Dorf erstreckt. Mit dem Ende der DDR wurden nicht nur diese Pläne gestoppt, im Umfeld füllten sich auch Tagebau-Restlöcher, etwa zur Goitzsche oder zum Seelhausener See. Der Tourismus ist mittlerweile ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, ohne den es die Region schwer hätte – und das WFF hat daran einen entscheidenden Anteil.

„Von mir aus könnte das With Full Force jeden Monat sein: Wir haben ein volles Haus, im Dorf ist etwas los und man lernt ganz viele nette Leute kennen. Wir haben nur positive Erlebnisse. Manche Festivalbesucher kommen später sogar im Urlaub vorbei“, sagt Iris Keller, die, eine halbe Stunde Fußweg von den Bühnen entfernt, gemeinsam mit ihrem Mann Gerald in Löbnitz eine Pension betreibt. Seit mehr als einem Vierteljahr muss Iris Keller die Übernachtsanfragen an Betriebe in der Region weiterleiten, weil die eigene Herberge ausgebucht ist: Nach Bad Düben und Wittenberg, Delitzsch und Krostitz. „Wir konnten uns das erst nicht vorstellen: Aber durch das Festival sind unser Dorf und die Region tatsächlich weltbekannt geworden“, sagt Gerald Keller. Es ist ein Staunen, das in Löbnitz und Roitzschjora allgegenwärtig ist und mittlerweile von einem gewissen Stolz getragen wird. Das Dorf ist mit seinen Aufgaben gewachsen.

„Das Festival trägt zu einem guten Teil zu unserer Wirtschaftskraft bei, es ist zur größten Einnahmequelle geworden. Und viele profitieren davon: Das fängt beim Verkauf an und hört bei der Müllentsorgung lange nicht auf. Ohne die finanziellen Spenden des Festivals wären beispielsweise unser Parkfest und auch unser Reitturnier nicht durchzuführen“, erklärt Bürgermeister  Wohlschläger, und wird deshalb kategorisch: „Leiden muss hier wegen des Festivals  niemand.“ Allein 1500 Menschen – die meisten aus der Region Nordsachsen – versorgen die Fans auf dem Flugplatz. Dort gibt es neben Duschen und Toiletten, Imbissbuden und Bierwagen inzwischen selbst Bankautomaten und eine eigene Bäckerei. Ortsansässige Firmen kümmern sich um Müll, Wasser, Dixie-Toiletten und Security; Feuerwehr und Rettungsdienst stehen rund um die Uhr auf dem Festivalgelände bereit. Daneben verbringen Tausende Besucher die Zeit in den umliegenden Dörfern, vor allem um meist flüssigen Nachschub zu organisieren.

Für palettenweise Dosenbier ist gesorgt

„Für uns ist das Festival immer ein Event, auf das wir uns jedes Jahr freuen. An diesen Tagen gibt’s auch keinen Urlaub“, sagt eine Konsum-Angestellte in Löbnitz. Zu den acht Mitarbeitern kommen zusätzlich fünf weitere hinzu. Der Markt hat bereits palettenweise Dosenbier geordert: Das gehört sonst nicht zum Sortiment, aber weil auf dem WFF-Gelände Glasflaschen verboten sind, zählt Dosenbier zur Grundausstattung eines jeden Metallers. Daneben stapeln sich im Konsum die Sonderlieferungen von Wasser und Grillbarem.

Weil nahezu jeder irgendwie am Festival beteiligt ist, sind die meisten Anwohner längst selbst WFF-Fans geworden und nehmen auch die von den Festivalmachern seit Jahren angebotenen Freikarten gern an. Im Gegenzug sprechen Löbnitzer und Roitzschjoraer ihrerseits Einladungen zu kostenlosen Toiletten- oder Duschbesuchen an die Metaller aus, an Sonnentagen wird auch mal  gemeinsam bei einem Bier im gepflegten Vorgarten gesessen. Aus den Bedenkenträgern sind  Zaungäste ohne Berührungsängste geworden. Denn auch wenn den meisten Dorfbewohnern die Musik nicht gefällt – Neugierde und Sympathie haben die Skepsis besiegt.

Musikalisch gelingt dem With Full Force Jahr für Jahr etwas Außergewöhnliches: Das Festival bringt so ziemlich jede härtere Spielart auf die Ohren: von Punk über Hard- und Metalcore bis hin zu Thrash, Death und Black Metal – im Gegensatz zum legendären Wacken Open Air, wohin zwar jedes Jahr um die 75.000 Besucher pilgern, das sich aber zumeist auf den herkömmlichen Metal als kleinsten gemeinsamen Nenner beschränkt. „Das kann in dieser Größenordnung niemand anderes als wir in Deutschland bieten“, ist sich Roland „Bogo“ Ritter sicher. Für das With Full Force sind in diesem Jahr 67 Bands bestätigt, die auf zwei Bühnen spielen. Darunter befinden sich Größen wie Slayer, Motörhead, In Flames oder Korn, aber genauso sehr spezielle Szene-Schwergewichte wie Napalm Death, Marduk oder Naglfar, die selbst auf dem With Full Force kaum dem Mehrheitsgeschmack entsprechen.

In der Heide-Idylle werden Stars geboren

Nach Roitzschjora kommen aber nicht nur die Bekannten – hier werden aus Unbekannten schon mal Stars gemacht. So haben sich die inzwischen übergroßen Rammstein auf dem WFF im Jahr 1997 ihre ersten Festival-Meriten verdient; einige Jahre später auch die aktuellen Überflieger von Heaven Shall Burn aus Thüringen, die quasi zum Inventar von Roitzschjora gehören, nun als Headliner gebucht werden und in den Charts an der Spitze stehen. „Wenn man sich vorstellt, dass wir vor ein paar Jahren noch selbst in den ersten Reihen mitgesprungen sind, ist die Entwicklung schon Wahnsinn“, gesteht Maik Weichert, Gitarrist von Heaven Shall Burn. Stammgäste sind längst auch die Proll-Klamauker von Elsterglanz und Mambo Kurt. So weit reicht also die Band-Breite.

Bislang machte das Festival nur zweimal negative Schlagzeilen: Im Jahr 2009 starb eine 23-Jährige in ihrem Zelt. Anfängliche Gerüchte, ein Drogen-Alkohol-Mix habe zum Tode geführt, entbehrten rasch jeder Wahrheit. Die junge Frau aus Sachsen-Anhalt erlag einer Gasvergiftung durch Kohlenmonoxid. Auf Grund dieses Unglücksfalls wurden spezielle Vorschriften zum Parken der Autos erlassen. Der zweite Vorfall ist den meisten Lesern wahrscheinlich besser in Erinnerung: Durch einen Blitzeinschlag auf dem angrenzenden Zeltplatz wurden im vergangenen Jahr 51 Jugendliche verletzt. „Wir haben die Rettungskräfte verstärkt, sind in Übungen noch einmal mögliche Unfälle durchgegangen – letztlich gibt es aber keine absolute Sicherheit, es ist eine Veranstaltung unter freiem Himmel“, macht Axel Wohlschläger, der Bürgermeister und im Zweifelsfall verantwortliche Krisenchef klar. Doch vielleicht kommt das With Full Force in diesem Jahr endlich einmal ohne Wetterextreme aus: nach der Hitzeschlacht anno 2010, den Schlammspielen von 2011 und der Sahara-Hitze mit dem nächtlichen Gewitter im vergangenen Jahr. Das Schlachtfeld scheint bereitet. In Roitzschjora, dieser Heide-Idylle.

Noch mehr Informationen gibt´s im LVZ sonntag.

Andreas Debski

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