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„Ein Gefühl der Verbundenheit“

John Eliot Gardiners Bach-Monographie „Musik für die Himmelsburg“ „Ein Gefühl der Verbundenheit“

John Gardiner, als Dirigent einer der größten Bach-Interpreten unserer Zeit, hat sein Bach-Bild auch zwischen Buchdeckel gepresst: „Bach. Musik für die Himmelsburg“ heißt seine monumentale Biographie, die nach dem Menschen in und hinter den Noten sucht.

John Eliot Gardiner.

Quelle: dpa

Leipzig. Sir John ist der einzige lebende Musiker, der mit Fug und Recht von sich behaupten kann, er sei unter den Augen Johann Sebastian Bachs aufgewachsen. Denn jenes berühmte Haußmann-Porträt, das zum Bachfest 2015 nach jahrhundertelanger Odyssee ins Leipziger Bach-Museum gelangte, es hing bei Familie Gardiner daheim in Dorset im Treppenhaus, als der kleine John die Welt zu entdecken begann. So war der Thomaskantor des Jahres 1748 immer gegenwärtig, derweil John Eliot allmählich in die Geheimnisse der und seiner Musik einzudringen versuchte. Was so beginnt, kann ja gar nichts Anderes werden als eine lebenslange Beziehung.

John Eliot Gardiner kommt also nicht los von Johann Sebastian Bach. Als Dirigent setzt er immer wieder neu die Maßstäbe – was vor allem daran liegt, dass er keine Dogmen akzeptiert. „Eine Zeitlang ignoriert, dann bruchstückweise aus der Versenkung geholt, entstellt, aufgebäht, schließlich in einer puritanischen Überreaktion minimalistisch abgespeckt – die Möglichkeiten, Bachs Musik dem vorherrschenden Zeitgeist anzupassen, kommerziell auszuschlachten oder für politische Zwecke einzuspannen, scheinen schier endlos“, fasst er die Bach-Exegese der letzten Jahrhunderte knapp zusammen. Und steht selbst seit fünf Jahrzehnten über allen Moden, weil er immer schon Bach vor allem bei Bach gesucht hat, in seinen Werken, seinen Handschriften, den musizierpraktischen, geistesgeschichtlichen, spirituellen Rahmenbedingungen seiner Zeit. Darum ist es nur logisch, dass John Eliot Gardiner seinen Bach zwischen Buchdeckeln porträtiert.

„Bach. Musik für die Himmelsburg“ heißt sein monumentales Werk, das drei Jahre nach dem englischen Original endlich auch auf Deutsch vorliegt. Der Titel bezieht sich auf die Schlosskapelle in Weimar, für die Bach ab 1714 einige seiner großartigen Kantaten komponierte. Daher rekurriert der Titel auch auf Gardiners These, dass Bach, ausgehend von seinem Kantatenschaffen, zielstrebig den Plan verfolgte, die (Nach-)Welt mit Zyklen zum Lobe Gottes zu beschenken, die in ihrer Größe und Tiefe, ihrer Ernsthaftigkeit und Pracht alles zuvor komponierte in den Schatten stellen sollten.

Und alle künftige Musik auch. Denn die Jahre, in denen Bach jene knapp 200 geistlichen Kantaten schrieb, die Gardiner mit seinem Monteverdi Choir im Bachjahr 2000 im Rahmen der Bach-Pilgrimage in Kirchen rund um den Globus aufführte, entstanden in einem singulären Zeitfenster: auf der Höhe des musikalischen Barock und am Vorabend der Aufklärung.

Die Bibliotheken sind voll von Büchern, die die Werke der Großen aus deren Biographie heraus zu erklären versuchen. Gardiner dagegen beschreitet den entgegengesetzten Weg. Ihm gelingt es, uns den Menschen Bach anhand seines Schaffens näherzubringen: „Der Heiligenkult, der in den letzten 200 Jahren um ihn betrieben worden ist, zeugt von einem weit verbreiteten Widerwillen, sich mit der Komplexität und den Widersprüchen seines Künstlertemperaments auseinanderzusetzen, und hat so manchen den Blick auf Bachs wahren Charakter verstellt – auf seine Alltagspersönlichkeit, die sich in und hinter dem Narrativ seines alles andere als alltäglichen Musikschaffens verbirgt.“

So zeichnet Gardiner anhand der geistlichen Vokalwerke, denn die kennt er naturgemäß am besten, das Bild eines mitunter ziemlich kleingeistigen, eines jähzornigen, zänkischen, nachtragenden starrköpfigen, aufbrausenden Menschen, der sehr unromantisch kalkulierend die eigene Karriere vorantrieb und die seiner Söhne – aber auch witzig sein konnte, geistreich und sehr diesseitig.

Dafür bemüht er nicht nur die Partituren, sondern selbstredend auch die Ergebnisse neuer und neuester Forschung, auf die er als Präsident des Bach-Archivs ja unkompliziert zurückgreifen kann, und weitet den Blick über die Zeitläufte, vom „Bach-Gen“ bis zum „Räderwerk des Glaubens“, von Bachs Kollegen der „85er“ bis ins „Deutschland an der Schwelle der Aufklärung“.

Ergebnis ist ein wirkliches Musiker-Buch, das uns den großen Thomaskantor tatsächlich näherbringt als die meisten anderen. Weil seine Triebfeder nicht Besserwisserei ist, sondern Neugier. Weil es bei aller Ernsthaftigkeit und Tiefe in einem sehr britischen Plauderton gehalten ist. Und vor allem, weil es ein klares Ziel verfolgt: „In dem wir uns die menschliche heitre Bachs vor Augen führen“, schreibt Gardiner, „machen wir uns bewusst, wie ähnlich er uns war. Wenn wir darauf verzichten, sein Genie erklären zu wollen (...), gewinnen wir etwas viel Wertvolleres: ein Gefühl der Verbundenheit, ein weitaus differenzierteres, kontrastreicheres Bild davon, wie seine Musik entstanden ist, sowie Erklärungsansätze, weshalb dieser Musik uns emotional so tief berührt.“ Und das ist letztlich weitaus wichtiger und auch interessanter als philologische oder biografische Spiegelfechterei.

John Eliot Gardiner:

Bach. Musik für die Himmelsburg.

Aus dem Englischen von Richard Bath.

Hanser,

735 Seiten,

35 Euro.

Von Peter Korfmacher

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