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Ein Gerechter, der ächzt unter den Zumutungen des Schicksals

Wiederaufnahme an der Oper Leipzig: Balázs Kovaliks Inszenierung der „Frau ohne Schatten“ Ein Gerechter, der ächzt unter den Zumutungen des Schicksals

Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ ist zurück an der Oper Leipzig. Mit neuen Sängern ändern Musik und Balázs Kovaliks Inszenierung ihren Charakter – und bleiben großartig.

Großartiger Sängerdarsteller: Franz Grundheber.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Es ist erstaunlich, wie Stimmen Opern-Produktionen völlig andere Richtung geben können: Als im Juni 2014 zum 150. Gebgurtstag des Komponisten Balázs Kovaliks Inszenierung von Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ Premiere feierte, standen Kaiserin und Kaiser im emotionalen Zentrum dieses bis zum Bersten mit Symbolen aufgeladenen Märchen-Welt-Theaters, weil Simone Schneider und Burkhard Fritz dem hohen Paar mit lyrischer Glut und menschlicher Hingabe Profil verliehen. Nun ist die „Die Frau ohne Schatten“ zurück. Vier der fünf monströsen Hauptpartien sind neu besetzt. Und seit Sonntagabend geht das Schicksal des Färbers Barak und seiner Frau zu Herzen.

Das liegt vor allem am Gast Franz Grundheber, der dem kleinen Handwerker ein großes Rollen-Porträt zuteil werden lässt. 79 Jahre ist dieses Monument eines Sänger-Darstellers mittlerweile alt. Man sieht das. Denn Grundheber ist nicht mehr allzu gut zu Fuß: Immer wieder sucht er Halt an festen Stellen in Heike Scheeles ständig (und ein wenig hakelig) sich verändernder Bühne, und wenn es die Szene zulässt, setzt er sich nieder. Das szenische Ergebnis indes hat nichts von Gebrechlichkeit, es fügt sich vielmehr ins Profil eines Gerechten, der ächzt unter den Zumutungen des Schicksals.

Und wenn er singt, dieser Welt-Bariton, spielt das Alter ohnehin keine Rolle mehr: Samtig und warm klingt diese Stimme, in vorbildlichem Legato spannt sie weite Bögen – die dennoch dem Wort verpflichtet bleiben. Hier wird beglückend Wirklichkeit, was die Größe der Zusammenarbeit zwischen Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal ausmachte: Der hochgebildete, durchgeistigte, auch ein wenig überspannte Herr der Worte bedurfte des Gemütsmenschen Strauss, dieses Herrschers der Gefühle im Reich der Töne, um über den Bauch verstehbar zu machen, was sich unmittelbarer intellektueller Einsicht verschließt.

Im Gesang Grundhebers finden beide zusammen. Hörend fühlt man da, warum Barak seine Frau nicht zum Teufel jagt – weil auch sie in dieser Produktion nicht keifende Xanthippe ist, sondern Suchende, Zweifelnde, Verzweifelte. Die fabelhafte Jennifer Wilson war 2014 bereits dabei. Doch nun lässt sie sich mit ihrem Traum-Sopran ganz auf die lyrischen Zwischentöne Grundhebers ein und findet in dieser oft zur zänkischen Karikatur verflachten zu bewegender Menschlichkeit.

Was auch für Karin Lovelius gilt, die in ihrem Rollendebüt die Amme aus der bösen Ortrud-Ecke holt. Bei der Premiere setzte vor drei Jahren Doris Soffel noch auf schneidende Kälte. Nun schillert auch hier ein Charakter zwischen der Unsicherheit, der Angst, die Heimat im Geisterreich zu verlieren und die Ziehtochter, und dem zutiefst menschlichen Verlangen, sich an Bekanntes zu klammern. Aus dem Wort gezeugte vokale Charakterisierungskunst auf höchstem Niveau.

Grandios sind auch viele Töne, die Roy Cornelius Smith und Erika Sunnegård als Kaiser und Kaiserin produzieren. Aber es bleibt zu oft bei den Tönen. So eindrucksvoll er die Falken-Szene gestaltet, so glühend sie im dritten Akt zur Empathie findet – beider Töne fügen sich nur ausnahmsweise zu den Bögen, derer diese Musik bedarf.

Das sieht im Graben anders aus. Da bringt sich das Gewandhausorchester unter Opernchef Ulf Schirmer erneut als Traumbesetzung für diese Wunder-Partitur in Stellung. Beinahe noch selbstverständlicher, noch sinnlicher und noch gewaltiger (oft allerdings auch lauter) als zur Premiere wechseln Schirmer und sein Orchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger mit den Klängen zwischen den Welten, zwischen der kristallin flirrenden Kälte der Geisterwelt und der strömenden Wärme des Menschlichen, zwischen wuchtiger Drastik und zarten kammermusikalischen Gespinsten.

Die Anforderungen der „Frau ohne Schatten“ sind gewaltig. Wer gesanglich nicht auf die Besten zurückgreifen kann, sollte die Finger von diesem Werk zwischen Romantik und Moderne lassen. Die Oper Leipzig kann – aber auch sie muss die Gäste auf Augenhöhe mit dem Hausorchester bezahlen. Das treibt die Preise in die Höhe: 109 Euro in der ersten Kategorie, das mag in München als Schnäppchen durchgehen, in Leipzig ist es schwer darstellbar. Und so bleiben zur Wiederaufnahme mehr Sessel frei im Saal, als es diese Produktion verdient, die noch immer zum Besten gehört, was dem Haus in den letzten Jahren gelang. Wer kam, stimmt in den Jubel ein. Tumultuarisch fällt er aus für Grundheber, Wilson, Sunnegård, Schirmer und das Gewandhausorchester, immer noch erheblich für alle anderen, die bis hinunter zu den Nebenrollen internationales Festival-Niveau verbürgen.

Vorstellungen: 28. Mai, 18. Juni; Strauss-Festtage der Oper Leipzig: 16. Juni: „Arabella“, 17. Juni: „Salome“ (Premiere), 18. Juni: „Die Frau ohne Schatten“; Karten (20–109 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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